C. Simulation und Psychokrankheiten

When he died I was hoping that it wasn’t contagious.i
Bod Dylan
Isis, Desire

Meine geliebte Frau vertrieb sich die Zeit damit, die letzten Tage unserer alten Welt auf Deep Doubt zu simulieren. Das Unterfangen war hoffnungslos, aber wir hatten nichts weiter zu tun außer natürlich, unser tägliches Überleben zu sichern.

„Ich verändere im Wesentlichen vier oder fünf Haupt- und ein Dutzend nachrangige Parameter und lasse die Simulation ein ums andere Mal laufen. Hier, beim hundertsiebenunddreißigsten Run, sind die Ergebnisse realistisch: Alle sterben.“

„Wie sind die Parameter in diesem Fall?“

„Achtzig Prozent der Bevölkerung steckt sich mit der Grippe an, fünfundzwanzig Prozent sterben daran innerhalb der ersten zwei Monate, sechzehn Prozent werden aggressiv, dreiunddreißig Prozent werden apathisch und handeln nicht, manche von ihnen verhungern sogar, fünf Prozent verlieren die Angst wie du, mein lieber Seraph, bei denen ist die Sterblichkeit sehr groß, wenn sie mit den Aggressiven zusammenkommen, vierzig Prozent werden depressiv, die Gruppen können sich überlagern…“

Sie drückte schnell verschiedene Tasten auf Ihrem iTempt™, berührte das Display, am zweiten Monitor wurden Grafiken sichtbar, viele Kurven, die meist plötzlich steil abfielen.

„Hinzu kommen externe Faktoren: die zusammengebrochene Logistik, Nahrungsmittelmangel, Feuer, die Vulkane natürlich und andere Krankheiten.“

„Und dann?“

„Dann dauert es in der Simulation keine drei Monate, bis alle tot sind.“

„Alle 7,8 Milliarden Menschen?“

„Ich operiere mit einer Art Stichprobe, einer großen Stadt mit zwanzig Millionen Einwohnern, einigen kleineren Städten und so weiter, bis am Ende um die zweitausend kleine Dörfer mein Universum abschließen. Mit dieser Größenordnung kommt Deep Doubt gut klar, die Simulation läuft in unter zehn Minuten.“

„Und bei diesen konkreten Werten bricht alles zusammen?“

„Bei dem Großteil der Simulationen, die übrigens nicht immer gleich ablaufen, selbst wenn man sie mit denselben Daten füttert, überleben Menschen speziell in den kleineren Gemeinschaften. Das Dorf überlebt eher als die Stadt. Bei den Daten, die ich hier eingegeben habe, sterben die meisten Mitmenschen gewaltsam. Mord zeigt sich als Hauptursache für den endgültigen Kollaps.“

„Das deckt sich mit dem, was wir beobachtet haben.“

„Eben, darum geht es mir.“

„Damit hast du das Wie, aber noch nicht das Warum durchleuchtet.“

„Das Warum, ja… Wie soll ich mich da herantasten?“

„Ich habe einige Phänomene untersucht, sofern es überhaupt im Nachhinein möglich ist. Sie haben alle mit kollektiven psychosozialen Störungen zu tun. Massenhysterie in verschiedenen Ausprägungen.“

„Kannst du mir Beispiele zeigen?“

„Ich denke schon“, sagte ich und kramte meinen iTempt™ hervor. „Hysterie glauben wir zu kennen, obwohl man das Wort seit Jahren nicht mehr sagen soll. Es hieß zuletzt…“, ich schlage nach, „…dissoziative Störung oder histrionische Persönlichkeitsstörung.“

„Hysterie soll die Erklärung sein? Nicht die Negergrippe? Nicht die Hungersnöte oder die Vulkane?“

„Das alles kann einzeln für sich genommen oder in Kombination mit anderen Faktoren einen psychotischen Schub auslösen. Ich habe keine Erklärung, nur eine Anhäufung von Symptomen. Die Psychiater haben ebenso wenig eine Erklärung für Hysterie gegeben, sie stellten lediglich fest, dass Menschen in Stresssituationen eine Neigung dazu haben auszuflippen, salopp ausgedrückt. Es handelte sich hier um ein weltweites Phänomen. Die westliche Medizin hatte es Ende des 19. Jahrhunderts zunächst als auf Frauen beschränkt mit Hysterie typisiert, diese Einschränkung und die Typisierung gestalteten sich aber bald als unzureichend. Die malaysische männliche Wut, die als Amok berühmt wurde, zeigte, dass irrationale Ausbrüche nicht ausschließlich auf Frauen beschränkt waren. Als in der westlichen Welt die klassische Hysterie rar wurde, traten andere Manifestationen an ihre Stelle. Manche waren autodestruktiv: Bulimie, Magersucht, die Psychiater zählten überdies gern Spielsucht, Kleptomanie, Trichotillomanie, Dermatillomanie und andere selbstverletzende Verhaltensformen dazu.“

„Manifestationen wovon?“

„Manifestationen eines tief empfundenen Unbehagens, einer Unterdrückung vielleicht, von außen oder freudianisch, von innen, jeder Fall war etwas anders gelagert, jeder und jede hat etwas anderes als unerträglich empfunden und reagierte auch anders darauf. Bei den Japanern wurde Anthropophobie um die letzte Jahrhundertwende zu einem Massenphänomen: Sie nannten die akute und zugespitzte japanische Variante dieses sozialen Leidens taijin kyōfushō. Sie kam verstärkt bei Männern vor. In ihrer extremsten Variante nannten man dieses Syndrom Hikikomori, wenn sich die Leidenden strikt weigerten, ihre Wohnung oder, wie es öfter der Fall war, die Wohnung ihrer Eltern zu verlassen. Im letztgenannten Fall verhungerten sie wenigstens nicht. Diese Menschen waren nicht gefährlich, sie waren gefährdet. Die Grisi Siknis kam hingegen fast ausschließlich bei Frauen vor und zwar unter den jungen Miskito-Frauen im östlichen Mittelamerika. Sie bekamen Angstzustände, litten unter Übelkeit, wurden reizbar, gewalttätig gegen andere und gegen sich selbst, blieben dabei jedoch schmerzunempfindlich, fielen in Trance, glaubten, von bösen Geistern besessen und vergewaltigt worden zu sein, und rannten sinnlos weg bis zur Erschöpfung. Manche Opfer sollen übernatürliche Kräfte entwickelt und Merkwürdiges erbrochen haben, wie lebende Spinnen, Haarballen und Münzen, und sie griffen die umstehenden Menschen an, die sie mit dem Teufel oder mit bösen Geistern verwechselten. Westliche Medizin konnte den Opfern nicht helfen, die lokalen Schamanen hingegen konnten es gelegentlich. Das Interessante: Dieses Syndrom war ansteckend und, obwohl eindeutig kulturell bedingt, breitete es sich zuletzt auch unter den weißen Nachbarn aus. Es trat in Schüben auf.“

„Hat einiges mit PTSD gemeinsam, in der Tat…“, sinnierte meine geliebte Frau.

„Und es ist mit Variationen universell. Bei jeder Kultur manifestiert sich der unerträgliche Druck von was auch immer ein wenig anders, je nach den lokalen Gepflogenheiten. Hier habe ich die stichpunktartige Liste mit den Namen der angeblichen Krankheiten und Gegenden, in denen sie überwiegend vorkamen. In Polynesien: Cathard. Unter den Ngawbere in Panama: Chakore. Auf den Bahamas und unter Nordamerikanern afrikanischen Ursprungs: Falling Out. Indien: Fits. Unter den Navajo-Indianern: Frenzy witchcraft. Haiti: Indisposition. Unter männlichen Asiaten im Allgemeinen, manchmal in Afrika: Koro oder Penispanik. Unter Südostasiatinnen: Latah, bekannt aus William S. Borroughs Erzählungen. In Puerto Rico: Mal de Pelea, die Raufereikrankheit. In welcher Form sie auftrat, ist wohl klar, und dass sie vor allem männlich war, ebenso. Unter Inuit: Pibloktoq oder arktische Hysterie, eine weitere kulturgebundene psychische Störung, auch wenn manche meinten, sie sei eine Folge der Vitamin-A Hipervitaminose. Es ist denkbar, dass die Opfer zu viel Eisbärleber gegessen haben. Der Krankheitsverlauf begann mit einem Rückzug des Betroffenen für mehrere Stunden oder Tage, es folgten Depressionen, Verwirrung und Erregbarkeit. Der Patient steigerte sich dann im eigentlichen Anfall in einen Paroxysmus, bei dem sich das Opfer die Kleider vom Leib riss, im Schnee wälzte, Gegenstände zerstörte, Nebenstehende angriff, mit Anfällen von Glossolalie, Echolalie, Echopraxie, gelegentlich Koprophagie sowie mit anschließender Amnesie. Manchmal kehrten die Anfälle wieder, manchmal kamen sie nur ein Mal vor. Neu Guinea: Wild-man behavior. Bedarf keiner weiteren Erläuterung, oder? Soll ich weitermachen?“

„Nein, ich glaube, ich verstehe, worauf du hinaus willst.“ Meine geliebte Frau schwieg nachdenklich und schaute aus dem Fenster in die Ferne. „Und warum haben wir das alles nicht?“

„Vermutlich, weil wir nur noch zu zweit sind. Diese Krankheiten brauchen eine soziale Dysfunktion, um sich zu manifestieren, und unter Umständen noch etwas anderes dazu. Das etwas dazu mögen wir haben, aber wir waren bis vor einiger Zeit nur wenige, jetzt sind wir beide ganz allein. Seitdem wir lediglich zu zweit sind, haben wir andere Sorgen. Bei Beata hingegen hat es gereicht, als wir noch zu sechst waren…“

„Zu siebt, sie selbst eingeschlossen.“

„Ich hatte Ali ausgelassen.“

„Also, ich fasse zusammen: Die Wahnsinnsausbrüche sind kulturell bedingt, sich selbst verstärkend, ansteckend und werden vielleicht von einem äußeren Agens, welches auch immer das sei, begünstigt und verstärkt.“

„Das klingt plausibel.“

„Das deckt sich mit meiner Simulation. Ich gebe mich damit zufrieden.“ Dabei ließ meine geliebte Frau es erst einmal bewenden. Ich hätte mir wenigstens Lob für meine Recherche gewünscht, schwieg jedoch ebenso.

 

Wir überflogen im Hochsommer Sibirien, unter uns die scheinbar grenzenlose Ebene der Tundra. Überall schlängelten sich kleine Bäche mäandernd den Boden entlang und reflektierten die Sonnenstrahlen, blendend wie Quecksilber. Die Aussicht aus den Panoramafenstern war großartig. Hier waren kaum größere Tiere zu sehen, ausschließlich Insekten, vor allem alle möglichen Arten von Stechmücken flogen allenthalben herum. Der tägliche Spaziergang mit Foc würde kurz ausfallen. Auch Vögel sah man einige, aber kaum etwas Größeres. Hier werde ich Beeren sammeln können und Pilze, sofern ich deren Art erkennen kann. Meine Gedanken wandern von der Simulation meiner geliebten Frau zu unserer gewesenen Crew und welche Rolle Kleinigkeiten gespielt hatten.

„Wenn ich an den Abend denke, als Ali starb, sehe ich nicht, wie man etwas Derartiges simulieren kann.“

„So detailliert ist es nicht möglich, das versuche ich auch gar nicht. Ich setze nur Wahrscheinlichkeiten für verschiedene Verhaltensweisen ein und lasse die Simulation statistisch laufen. Das Individuelle verschwindet bei dieser Betrachtung, hier gibt es keine Beata, keinen Sven und keinen Nicco.“

Ich wunderte mich kurz, warum meine geliebte Frau weder Ali noch Herrn Augsburger in die Auflistung einbezog. Hatte sicher keine Bedeutung. Meine Gedanken kreisten alsbald um Beata, die mir von der Crew die meisten Rätsel aufgab und über die ich mich am meisten ärgerte. Ich dachte an ihre gekrümmten kleinen Finger, eine Krümmung, von der ich in der Zwischenzeit von Sven Maven erfahren hatte, dass sie Kamptodaktylie heißt, und an ihre Wurstzehen in ihren unpassenden Sandalen. Sven hatte Beata Nalga Maloumie viel gründlicher durchschaut als ich, er hatte sie weiß Gott genauer beobachtet. Und was hat es ihm genützt?

„Warum haben wir nicht früher reagiert, als Beata immer häufiger ausfallend wurde? Wie konnten wir es so weit kommen lassen?“

„Als ich sie damals kennenlernte, in der Therapiegruppe, war sie so hilflos. Ich hatte Mitleid mit ihr, das hat mir damals geholfen, nicht an mich zu denken. Ich wollte ihr beistehen, glaube ich. Ich war nicht kritisch genug.“ Typisch Frau, dachte ich beinahe. Immer die Schuld auf sich nehmen…

„Du hast ihr ja auch geholfen. Sie hätte niemals einen Posten bei der Firma bekommen, wenn wir sie nicht gekannt hätten. Sie konnte doch gar nichts. Daher haben wir ihr Aufgaben zugeteilt, die jeder hätte machen können.“

„Du hast sie nie gemocht, nicht wahr?“

„Nein, ich konnte sie nicht leiden. Du sagst immer, man soll auf seine Gefühle achten und danach handeln. Das habe ich in diesem Fall sträflich unterlassen.“

„Meinetwegen.“

„Ja, vermutlich deinetwegen. Und weil mir Beata Nalga letztendlich egal war.“

Mein erster Eindruck von Beata war schlecht gewesen und es gibt für den ersten Eindruck keine zweite Chance. Vielleicht gibt es für den ersten Eindruck nicht einmal eine erste Chance, wenn in unserem Gedächtnis bereits eine Meinung über jemand gespeichert wird, bevor diese Person die Chance hat, auf uns bewusst einzuwirken. Gegen eine vorgefertigte Meinung anzukommen, ist nicht möglich, das weiß ich aus Erfahrung. Unser Gehirn hat manchmal bereits eine Meinung von Sachen und Menschen oder Menschentypen, die abgerufen wird, sobald man etwas oder jemanden zum ersten Mal sieht. Man erinnert sich dann sofort an etwas, das mit diesem Menschen oder dieser Sache in Verbindung gebracht wird, so schnell, wie nur das Unbewusste arbeiten kann, vage. Damit ist die Meinung assoziativ vorgefertigt. Das wichtigste Sinnesorgan des Menschen, vielleicht aller Tiere, ist das Gedächtnis. Das Gedächtnis gibt allen anderen Sinnen – dem Gehör, dem Geschmackssinn, dem Tastsinn, dem Temperatursinn, den Propiorezeptoren, dem Gleichgewichtssinn, dem Geruchssinn, der Sicht… – erst einen Sinn, ohne Denken vermitteln die Sinne nur Eindrücke. Ohne Sprache bleibt keine Wahrheit übrig: In dem Fall gibt es nur die unmittelbare Wirklichkeit. Neurowissenschaftler behaupten seit Langem, die Amygdala, das Gehirnareal, in dem Erinnerung gespeichert und Erlebtes verarbeitet wird, vergesse nichts. Dann fängt der Streit an, was der Unterschied zwischen Unbewusstem und Vorbewusstem sei und wie es auf das letztendlich Bewusste einwirkt. Seit wann wusste ich, dass ich Beata nicht mag, wie genau wusste ich es, inwiefern hat das unser Verhältnis belastet, was nahm sie von mir wahr, was an ihrem Verhalten war Reaktion, was kam spontan von ihr? Alles nur wegen ihres kleinen Fingers? Weil sie die Teetasse nicht mit abgespreiztem Finger halten konnte, wie es sich sogar beim Bier gehört? (Ja, doch, das gehört sich so, das hat Ali ihr so treffend beim Zuprosten vorgehalten, als sie damals so errötete; ich weiß nicht, ob vor Scham oder Zorn: „Haben unsere Eltern uns nicht immer eingetrichtert: Finger weg vom Alkohol?“ Aber sie konnte ihre kleinen Finger beim besten Willen nicht gerade strecken.) Meine geliebte Frau holt mich (wie viel Zeit ist vergangen?) aus meinen ziellosen Gedankengängen heraus.

„Ich fürchte, unser Verhältnis zu Beata fußte auf vielen Missverständnissen.“

„Das kann man wohl sagen! Wer hätte denn gedacht, dass sie uns so verraten würde.“

Meine geliebte Frau bemerkte zu recht:

„Verrat? Wenn Beata und Nicco von Viren beeinflusst reagiert haben, konnten sie nichts dafür. Die Krankheit hat sie unzurechnungsfähig gemacht.“

„Soll das eine Ausrede sein? Oder bin ich im Jura-Seminar über Kasuistik?“

„Nein, eine Erklärung. Du hast keine Angst mehr, sie wurden aggressiv. Dieselbe Entwicklung, die wir bei den anderen Menschen beobachtet haben. Und Klaus wurde depressiv. Das war im Wesentlichen die Palette der Verhaltensanomalien, die uns in dieses Chaos gestürzt haben. Nach meiner Simulation kann das ausreichen, um die Folgen zu verursachen, die wir beobachtet haben. Ich frage mich nur, was mit mir selber los ist.“

„Du hast die Grippe doch gar nicht gehabt.“

„Vielleicht verlief sie bei mir asymptomatisch. Vielleicht kriege ich sie noch.“

„Daher hat es bei dir keine Folgen, weil die Grippe keine Symptome gezeigt hat. Und wenn du sie bisher nicht hattest, bekommst du sie auch nicht mehr: Wer soll dich denn anstecken?“

„Das ist nicht gesagt. Vielleicht hast du die Folgen einfach nicht bemerkt.“

„Vielleicht sind die Sorgen, die du dir machst, dein Symptom. Mach’ dir keine Sorgen, dann bist du sie auch los.“

„Zu einfach, fürchte ich…“

„Du machst dir nach wie vor Vorwürfe, weil du auf Nicco geschossen hast.“

„Ja, natürlich. Mann, Seraphim, stell’ dir vor, ich habe in einer lebensbedrohlichen Situation auf sein Bein gezielt. Wie kann man nur so naiv sein? Seitdem haben wir ihn nicht mehr gesehen. Es war nur ein Beindurchschuss, aber ich fürchte, Beata hat sich nicht um ihn gekümmert. Und wir ebenso wenig. Hätten wir das tun sollen?“

„Meinst du, wir hätten zum Strand zurückkehren sollen, um ihn zu pflegen, nach all dem, was er getan hat?“

„Ihn mit Beata allein zu lassen, war gleichermaßen nicht korrekt. Mehr sage ich nicht. Aber auch nicht weniger.“

„Aber wie sollen wir jetzt im Nachhinein feststellen, ob und ab wann Beata – und von mir aus Nicco – krank wurden oder inwieweit sie schon die ganze Zeit über Böses gegen uns im Schilde führten? Und wenn sich ihr Verhalten geändert haben sollte und wir es sogar klinisch feststellen können: Hätte man wissen können, ob es sich dauerhaft verändert hat oder ob mit einer Remission der Symptome zu rechnen gewesen wäre? Hätten wie sie einsperren sollen, gefangen gehalten? Statt sie auszugrenzen, auszustoßen, was viel einfacher durchzuführen wäre? Wir sind doch keine Psychiater!“

„Zumal wir keine Kontrollgruppe haben, Experimente sind allenfalls als Gedankenexperimente denkbar. Damit kann man am besten seine eigenen Vorurteile bestätigen.“

„Für eine derartige Erkenntnis braucht man keine Experimente, mein Cherubimchen. Meine Vorurteile kann ich zu jeder Zeit bestätigen, ganz allein. Das ist das Gute an Vorurteilen. Und was ist nun mit dir?“

„Mit mir? Das frage ich mich auch.“

„Schau mich an: Ich habe mich verändert, fühle mich subjektiv jedoch wie immer. Und du? Ich sehe dich, du hast dich in meinen Augen nicht verändert, aber du fühlst dich anders. Ich meine, du steigerst dich da hinein, aber ich kann es nicht beweisen. Welche Tests sollen wir denn durchführen, um festzustellen, ob sich bei dir etwas verändert hat?“

„Mir fällt nichts ein. Ich habe keinen Vergleichsmaßstab, um neue Daten mit früheren in Beziehung zu setzen. Ich zerbreche mir nur den Kopf und mein Gefühl wird schlimmer.“

„Ich wiederhole nochmal: Wir sind keine Psychiater! Du bist gesund, wenn du funktionierst.“

„Aber, mein Seraph, meine Gefühle sagen mir etwas anderes!“

Bei Gefühlen sind wir Männer (bin ich Mann, soll es heißen, ich bin ja scheinbar der letzte!) hilflos. Ich bin mir nicht sicher, welches Gefühl meine geliebte Frau, mein Cherubimchen, wirklich überwältigt. Ein schlechtes Gewissen? Das ist ein normales Gefühl bei Überlebenden. Warum überlebe ich und nicht die anderen? Womit habe ich das verdient? Was kann ich tun, um diese Schuld zu begleichen? Die rationale Antwort lautet: Nichts! Man trägt als Überlebender keine Schuld am Überleben. Etwas anderes wird uns später schon noch zur Strecke bringen, niemand überlebt für immer. Leider kann man gegen irrationale Ängste nicht rational vorgehen. Therapieren können wir uns nicht. Es bleibt also nur, die Ängste zu verdrängen. Ich hoffe, ein gutes Essen ist dabei hilfreich.

i „Als er starb hoffte ich, dass es nicht ansteckend sei.“

 

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