CV. Was ich vermisse

When I was younger, I could remember anything, whether it had happened or not; but my faculties are decaying now, and soon I will only remember the things that never happened.i
Mark Twain

Was vermisse ich?

Alles, was ich verdrängt habe. Alles, was mir schmerzt. Lauter Sachen und Begebenheiten, über die ich seit Jahren nicht nachdenken will.

Freunde. Meine Freunde. Es waren ohnehin wenige.

Gutes Bier anstelle der Brühe, die ich selber hinkriege, die kann man nur als verdorbenes Wasser bezeichnen. Und selbst dazu fehlt wieder die Gerste, ich habe in Spitzbergen das falsche Getreide genommen. Das geht zwar ebenfalls, aber das Ergebnis sieht man. Hopfen wächst in der Gegend, die ehemals Süddeutschland war, wie Unkraut. Im Frühling ernte ich manchmal junge Triebe, wir essen sie wie Spargel. Sie schmecken sehr gut. Immerhin.

Eier. Uns sind alle Hühner eingegangen. Blöde Biester… Wir haben im Frühling regelmäßig Eier verschiedener Vögel in ihren Nestern gefunden, die waren aber üblicherweise halb ausgebrütet und unappetitlich. Manche Ente und Gans haben wir ausgebrütet, großgezogen und anschließend verspeist, aber Legehennen waren schon lange nicht mehr zu finden, selbst auf kleinen Inseln ohne Raubtieren nicht.

Süßigkeiten. Ohne Zucker können wir keinen Kuchen backen, keine Karamell-Soße machen, keinen Kakao süßen, keine Crème Brûlée (für die wir ohnehin keine Eier haben)… Wir finden hin und wieder etwas Honig (ist nicht leicht zu ernten, ich benutze dann die Schutzanzüge, die für die Kühlräume gedacht sind. Imker waren zu bewundern oder ich stelle mich besonders tollpatschig an. Das Summen der Bienen macht mich nervös, selbst mit dem Wissen, dass sie mich durch den Schutzanzug nicht stechen werden. Angst habe ich nach wie vor keine und schon gar nicht vor Bienen, aber das Summen nervt), es ist allerdings nicht dasselbe. Es schmeckt alles so – wie soll ich sagen? – so gesund, so natürlich. Es ist kein richtiges Kochen mehr. Wir essen viel Obst, das wir immer noch mit den Augen einsammeln. Gelegentlich, wenn wir das Mücken geplagte Kanada überfliegen, ernte ich Ahornsaft. Den koche ich ein, wenn er genügend eingedickt ist haben wir süßen Syrup. Er ist nicht mit Zucker zu vergleichen, aber besser als nichts. Darin gekochte Edelkastanien sind lecker, beinahe wie Marrons Glacés.

Ich vermisse Käse. Ohne Milch ist an Käse jedoch nicht zu denken. Dasselbe gilt für Butter. Milch geht ohne Melken nicht und Melken kommt nicht in Frage, weder bei Kühen noch bei Ziegen noch bei Schafen. Manchmal stelle ich im Labor Margarine her, eher zum Spaß. Öl haben wir immerhin, das finden wir regelmäßig in Blechkanistern, dort scheint es ewig zu halten, ohne ranzig zu werden, und Wasserstoff ist leicht zu produzieren. Mehr braucht es nicht, das Verfahren ist recht einfach. Das Ergebnis schmeckt leider nicht.

Senf haben wir ganz selten. Gewürze sind nicht unbedingt schwer zu beschaffen, es kommt darauf an, welche, aber Senf finden wir mittlerweile nur noch vereinzelt in unversehrten Tuben und Gläsern, wenn wir in Häuser und Wohnungen eindringen, was ich nicht mehr sehr oft mache. Senf zu ernten, geht nicht, ich weiß gar nicht, wo ich suchen soll. Rosmarin, Thymian, Lorbeer, Pfeffer, selbst Safran kann ich finden, wenngleich Safran mir viel zu mühsam zu ernten ist. Senf und Meerrettich jedoch kriege ich nicht hin.

Und ich vermisse Wurst. Wir besitzen keinen Fleischwolf, was vielleicht nur eine Ausrede ist, denn bisher haben wir früher oder später ziemlich alles gefunden, was wir wirklich gebraucht haben. Aber ich will, wenn ich schon ein ausgewildertes Schwein erlege, seine Gedärme nicht herausnehmen und waschen müssen, ebenso wenig will ich das Fleisch in Stückchen schneiden müssen; es mit Gewürzen zu mischen, ginge noch, und in den Darm pressen sicher auch. Aber ehrlich: Lieber nehme ich nur die besten Stücke aus dem toten Vieh und friere ein, was wir nicht gleich verzehren können. Meine geliebte Frau und ich essen Lamm und Kalb sowieso lieber. Was ich schon noch mache sind Pasteten. Die haben gegenüber den meisten Würsten den Vorteil, dass sie erhitzt werden, womit sie frei von Keimen und vor allem von Parasiten sind, und man braucht zu deren Herstellung weniger Salz. Allerdings halten sie nicht lange, dementsprechend koche ich kleinere Mengen, dafür öfter.

Meine geliebte Frau vermisst Deodorant. Vor allem an mir. Merkwürdig, denke ich mir, hat doch Ernest Hemingway behauptet, ein echter Mann habe nach nichts anderem zu riechen als nach sich selbst. Das waren andere Zeiten, mit anderen weiblichen Rollenbildern. Ich denke das im Stillen.

Ich vermisse Sex, manchmal onaniere ich mit alten Pornofotos, die ich im Holospeicher von Deep Doubt finde. Das Letzte, das ich von der Menschheit mit gelegentlichem Interesse erforsche, sind vulgäre Aktbilder. Meine geliebte Frau muss wohl im Bilde sein, sie weiß doch alles, was mit den Computern angestellt wird, aber sie sagt nichts. Der letzte Mann ist eben ein Schwein, abgesehen davon, dass er sich (ich mich) zu selten wäscht und rasiert. Wir kuscheln viel, aber von Blümchensex wird man nicht anständig geil. Die Libido lässt nach.

Wenn ich im Frühling Heuschnupfen habe, und bei unserer Weltenbummelei erleben wir den Frühling oft, vermisse ich Papier-Taschentücher. Rotzfahnen aus Baumwolle halten ewig (zum Glück!), ich komme mir allerdings blöd vor, wenn ich sie in der Waschmaschine wasche und gelegentlich sogar bügele. So viel Zeit habe ich, früher hätte das meine geliebte Frau erledigt, während ich in der Zwischenzeit Fußball im Fernsehen geschaut hätte. Tagtäglich vermissen wir auch Klopapier. Wir hatten einst große Vorräte gelagert, aber nun sind sie erschöpft, jetzt benutzen wir Waschlappen, die wir in der Waschmaschine separat waschen. Wir verfügen zum Glück noch über ausreichend Waschmittel. Ich nenne die Lappen „Arschlappen“, wenn man sie vor der Nutzung leicht anfeuchtet, kratzen sie nicht.

Ohne Mitmenschen gibt es keine Neuigkeiten und keinen Tratsch. Zeitungen gibt es natürlich schon längst nicht mehr, worüber sollten sie denn berichten? Wer würde sie schreiben? Nichts scheint mehr interessant. Man kann nicht mehr angeben, vor wem denn auch? Keiner hört zu, keiner schaut hin. Gegenstände sind nicht mehr an und für sich, sie sind einzig und allein für uns nützlich oder gefährlich oder aber sie sind irrelevant.

Wir haben kein Fragment von Apophis gefunden, eigentlich auch nicht ernsthaft gesucht. Die Chancen, ein Fragment zu finden, wären minimal gewesen, das hat mich nicht motiviert. So gesehen, vermisse ich es nicht wirklich.

Mir fällt gerade ein: Was ich wirklich vermisse, ist Fußball. Barça hat Reals Europapokal-Rekord nicht einstellen können (die merengues, wie sich die Real-Anhänger selber bezeichneten, zählten ihre alten Siege aus den Fünfzigern natürlich mit. Ärgerlich, aber selbst ich kann mich an damals nicht erinnern, also zählt es nicht), aber immerhin Reals Champions League-Rekord gebrochen. Ältere Mitmenschen erzählten mir früher, als ich Baby war, wäre Real unschlagbar gewesen. Vielleicht war dem so, ich kann mich leider nicht so weit zurückerinnern: Zu meinen bewussten Lebzeiten waren wir wiederholt die Besten. Nun ist die Vergangenheit endgültig vorbei. Auch diese. Aus und Schluss und vorbei. Und kein Mensch weit und breit, mit dem man diskutieren könnte. Keine Feinde mehr, keine fremden Stämme, keine rivalisierenden Klubs, keine Auseinandersetzung, kein Disput. Ach…! Mit meiner geliebten Frau könnte ich über alles reden, außer über Fußball. Das wäre schon früher nicht gutgegangen, heute ist bereits die Vorstellung, ein solches Gespräch zu führen, nur noch absurd. Als würde man die alten Spielaufzeichnungen (Deep Doubt hat alle archiviert) wieder anschauen und dabei mitfiebern.

Und natürlich vermisse ich unsere beiden Kinder. Es ist schon so viele Jahre her und der Schmerz lässt nur nach, wenn er verdrängt wird. Nur manchmal, wenn ich versuche, unsere Lage aus der Distanz zu betrachten (bloß: Wie soll das gehen?), scheint es mir beinahe tröstlich, dass unsere Kinder tot sind. Es hilft mir, nicht zu tief in Zynismus zu verfallen. Oder ist gerade das der Ausdruck meines Zynismus? Was wohl meine geliebte Frau darüber denkt? Woher soll ich wissen können, was ich denke, wenn ich mit niemanden spreche? Der Letzte, mit dem ich über dieses Thema gesprochen habe, war Klaus. Das ist schon Jahre her… Ich fühle, es ist für meine geistige Gesundheit gut zu wissen, dass auch wir sterblich sind.

Was ich nicht vermisse, habe ich gern vergessen. Mir fällt jedenfalls kaum etwas ein, ich habe vieles verdrängt: Werbung vielleicht? Telefonwerbung, um es auf die Spitze zu treiben? Wahlkämpfe? Staus? Sicherheitskontrollen an Flughäfen? Steuererklärungen? Zeugen Jehovas, mich frühmorgens am Wochenende an der Wohnungstür aus den Federn klingelnd? Ist auch egal, der Teufel hat sie vermutlich alle geholt. Genau das, was man ihnen so oft gewünscht hat… Jemand sagte einst, man solle vorsichtig sein mit dem, was man sich wünscht, es könnte in Erfüllung gehen. Ich habe leider vergessen, wer das gesagt hat, und ich bin mir heute rückwirkend zudem nicht mehr sicher, was ich mir früher wirklich gewünscht habe. Ob das, was ich jetzt um mich herum sehe, das ist, was ich mir früher gewünscht habe? Wenn dem so ist, muss ich ein recht frustrierter Misanthrop gewesen sein, aber mir scheint, wenn ich das glauben würde, würde ich meinen Einfluss auf den Weltenlauf arg überschätzen.

i „Als ich jünger war, konnte ich mich an alles erinnern, gleichgültig, ob es stattgefunden hatte oder nicht. Aber meine Fähigkeiten lassen nach und bald werde ich mich nur noch an das erinnern können, was nie vorgefallen ist.“
 
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