I. Vorwort aus der Zukunft, nach dem Ende der Zeit, wie wir sie kannten

Tout ce qui peut être imaginé est réel.i
Pablo Picasso

Il n’y a rien de plausible dans le pensable.ii
Jean Rostand

Unsere Reise neigt sich dem Ende zu und es ist kein Ziel mehr erreichbar. Seit nunmehr sieben Jahren irren wir ziellos schwebend über das, was aus der Welt geworden ist. Seit einer halben Ewigkeit, die undeutlich begann und die sich dann allmählich zur Gewissheit verdichtete: Wir können nur noch wenige sein. Im schlimmsten Falle sind wir die Letzten. Im schlimmsten Fall? Der wahr gewordene Traum eines Misanthropen, der Traum von jemandem, der die Menschen liebt, wie sie hätten sein sollen, der es resigniert akzeptierte, dass sie so nicht wurden, weshalb ihre Zeit jetzt vorbei ist. Nun gut, so sei es!

Unser Schiff, die Hyperborea – früher hießen wir es stolz unsere Luftjacht – hält sich nach all den Jahren gut, besser als wir, viel besser sogar, als ich je zu träumen hätte wagen können. Unsere Heliumvorräte, die unserem Luftschiff Auftrieb geben, gehen zwar langsam zu Neige, aber wir könnten sie notfalls nach und nach durch Wasserstoff ersetzen. Wasserstoff ist leider brennbar, dafür könnten wir es – im Gegensatz zu Helium – selber durch Elektrolyse erzeugen. Das sind die Kompromisse, die man eingehen muss, wenn man auf sich selbst gestellt ist. Allein ist keine Teamarbeit denkbar, alles wird anstrengender. Weder meine geliebte Frau noch ich selber werden noch lange so weitermachen können: Wir werden müde, planlos demotiviert, antriebsarm still, apathisch desinteressiert. Besonders ich. Solange wir aber noch durchhalten können, werden wir mit unserem Luftschiff schon nicht in Flammen aufgehen, selbst wenn unser Auftrieb von immer mehr Wasserstoff und immer weniger Helium erzeugt werden sollte. Noch ist es nicht so weit. Die Hyperborea, von mir von Beginn an als Luftschiff für Dauerausflüge reicher Kunden entworfen, hat bereits meine Erwartungen in jeder Hinsicht übertroffen. Das ist bis heute unser Glück. Meinen Ingenieuren, Technikern und Monteuren gebührt Hochachtung und Dankbarkeit. Mögen sie in Frieden ruhen –ausgenommen natürlich die, die uns verraten haben, die Meuterer… Kein weiteres Wort über sie!

Es war (meistens) eine schöne Zeit. Das wäre in Anbetracht der heutigen Lage ehedem sicher keine populäre Aussage gewesen, aber ich habe seit Jahren auch niemanden außer meiner geliebten Frau mehr gesehen oder gesprochen, womit sich der Begriff der Popularität sehr relativiert. Natürlich ist es einsam. Das ist eine Konstante. Hat auch Vorteile, seien wir ehrlich. Seit einer halben Ewigkeit hat sich niemand in unser Leben eingemischt; kein Mensch, keine Behörde, kein Verband, keine Nation, keine Religion. Keine Freunde, keine Nachbarn, keine Arbeitskollegen. Aber was ist schon eine halbe Ewigkeit?

Hat eine halbe Ewigkeit ein Anfang, aber kein Ende oder hat es sie schon immer gegeben und sie hört gerade jetzt auf? Letzteres klingt irgendwie melancholischer, das ist meiner gegenwärtigen Stimmung naheliegender, und ich bin gerne bereit, es so wahrzunehmen…

Ich schalte meinen iTempt™ ein, wähle die Diktiertranskriberfunktion aus und rede drauflos. Das Gerät zeichnet alles auf und überträgt es in geschriebenen Text. Das ist recht zuverlässig, das iTempt™ lernt ständig hinzu, es wird immer besser; wenn ich es nur regelmäßig korrigiere, macht es selten einen Fehler erneut. So sind im Laufe der letzten sieben Jahre, seitdem wir Berlin verließen, diese Aufzeichnungen entstanden.

i „Alles, was erdacht werden kann, ist real.“ Ich denke, es gehört sich, Fremdsprachiges zu übersetzen, dann versteht man es besser. Es gibt sicher kanonische Übersetzungen, aber ich glaube, ich überlasse diese Arbeit einfach Deep Doubt. Ob der Rechner selber übersetzt oder bereits Übersetztes aus seinem Speicher hervorkramt, überlasse ich seiner freien oder programmierten Entscheidung. Ich sage ihm nur, wie ich es meine, er macht, was ich will. Nicht mehr, nicht weniger. Tolles Gerät. Nebenbei kann ich gleich zu Beginn ausprobieren, ob die Endnotenfunktion des Diktiertranskribermoduls meines iTempts™ anstandslos funktioniert. Scheint prima zu klappen. Und Sie gehören also zu den Lesern, die Endnoten nachschlagen? Respekt!
ii „Nichts von dem, was denkbar ist, ist plausibel.“ Jean Rostand, „Inquiétudes d’un biologiste“, S. 51, Livre de Poche n°3634.
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2 Antworten auf I. Vorwort aus der Zukunft, nach dem Ende der Zeit, wie wir sie kannten

  1. mugabarru sagt:

    “Überflug” ist ein Buch geschrieben von einem “Misanthropen, jemandem, der die Menschen liebt, wie sie hätten sein sollen, der es resigniert akzeptierte, dass sie so nicht wurden, weshalb ihre Zeit jetzt vorbei ist”. Ein Buch in der besten Tradition der pessimistischen Negativutopien, wie z.B. Orwell. Ich habe das Buch in einem Zug gelesen, muss aber gestehen, das meine technisch-wissenschaftliche Bildung nicht ausreicht, um den Anspruch auf Wirklichkeit und/oder Machbarkeit des wissenschaftlichen Teils beurteilen zu können. Dennoch habe ich den antizipativen, fiktionalen und nicht-fiktionalen Diskurs sehr genossen, wie es sich für einen Science-Fiction-Fan gehört. Die angeschnittenen Themen sind die grossen, jetztigen Herausforderungen unserer Gesellschaft, Wie wir damit umgehen, da stimme ich mit dem Schriftsteller überein, davon hängt unsere Zukunft, die der Menschheit ab. Es sind also Themen die eigentlich in jedes Gespräch, und in alle Runden passen, weil sie uns alle betreffen. Auf den technisch-wissenschaftlichen Teil werde ich, mit etwas mehr Zeit, genauer eingehen. Danke für das Buch, und für das grosszügige freischalten.

  2. Zehn Nüsse sagt:

    An den Teilen, die ich gelesen habe, gefallen mir vor allem die Dialoge. Ich glaube, Sie, lieber Pardel Lux, haben ein wirkliches Talent für Dialoge. Die lese ich mit echter Begeisterung. Leider muß ich sagen, daß ich mit dem technisch-wissenschaftlichen Teil, wie mugabarru das nennt, im Gegensatz dazu nicht so ganz mitgekommen bin. Ich werde aber in meinen Bemühungen nicht nachlassen, und wünsche Ihnen, Pardel Lux, ohnehin alles Gute und den größtmöglichen Erfolg, der sich mit dem “Projekt” Webseite / Blog / Buch erreichen läßt. In dem einen oder anderen Kapitel werden wir uns sicherlich wiederhören!
    Das wollte ich Sie noch fragen: Wie lange haben Sie an dem Roman geschrieben? Ist es der erste, haben Sie noch mehr in der Schublade und schreiben Sie an etwas Neuem? Falls es kein Pech bringt, darüber zu reden.