LII. G23 geht weiter

Robert Heinlein once said that to a primitive people any sufficiently advanced technology appears magic. And there is no more primitive group of people than ministers in a funk.i

David Davis
Britischer Abgeordneter für die konservative Tory-Partei

 

So kam es, dass hier nun die Vendobionten die Übertragung der Ton- und Bilddaten vom Veranstaltungsort zu den fernen Kabinen übernahmen: Weil Satelliten im Orbit zu weit weg sind, war die zeitliche Verzögerung zu groß für eine flüssige Verdolmetschung, vor allem wenn Relais gebraucht wurde. Und die Glasfaserleitungen durchquerten zu viele Länder und wurden als nicht abhörsicher eingestuft. Dank unserer guten Beziehungen zu verschiedenen Geheimdiensten hatten wir ihr Vertrauen erlangt, nicht zuletzt deswegen, weil wir ihre eigenen kryptografischen Algorithmen benutzten und weil die Vendobionten mittels Laserstrahlen miteinander verbunden waren. Laserstrahlen sind sehr schwer anzuzapfen und praktisch unmöglich unbemerkt auszuspionieren. Somit erlangten wir ebenfalls Zugang zu diesen Algorithmen, daher weiß ich heute, wie Frau Kaori Takanashi (Ms.), die Premierministerin Japans, ihre Rede fortsetzte. Folgendermaßen wurde sie ins Deutsche (vermutlich aus dem englischen Retour) gedolmetscht:

„Die verehrten Teilnehmer des Treffens werden in diesem Jahr globale Angelegenheiten besprechen, einschließlich der Epidemie oder Epidemien, die unseren Planeten heimgesucht hat bzw. haben, der globalen erhöhten seismischen und Vulkanaktivität sowie der sozialen Unruhen in Südeuropa samt der Folgen dieser Phänomene für die Landwirtschaft und die Lebensmittelpreise weltweit. Wir wollen auch über die immer noch steigenden Energiepreise reden sowie über Fragen der Sicherheit, des Terrorismus und der Nichtverbreitung von Atom- und anderen Massenvernichtungswaffen. Die Teilnehmer werden sich ebenfalls über die internationale Unterstützung für die Entwicklung Afrikas beraten.“

Bei der Erwähnung der „sozialen Unruhen“ verzog der Premierminister der Republik Norditalien und Padanien, L’Onorabilissimo Signore Benito Burlescoglioni, sein Gesicht.ii Vielleicht lag es an der Verdolmetschung – Relais aus einen asiatischen Retour kann unpräzise werden –, in den Reden des italienischen Premierministers hieß es offiziell stets: „Ausschreitungen unkontrollierter chaotischer Elemente“. Frau Kaori Takanashi (Ms.) bemerkte das Unbehagen des Onorabilissimo nicht und fuhr unbeirrt fort:

„Die ehrenwerten Delegierten werden unter meinem Vorsitz ihre Differenzen beiseitelegen und in einem konstruktiven Geist ernsthaft darüber debattieren, wie man die Probleme angehen kann. Hinzu kommt, dass sich Vertreter unterschiedlichster Länder, internationaler Organisationen und NGOs, die an der Lösung dieser und anderer Probleme interessiert sind, hier in vier Tagen zu einer erweiterten Tagung versammeln werden, die wir die „Reach Out“ nennen. Diese Tagung wird in ihrer Art die größte sein, die bisher je stattgefunden hat.“ Da werden sich die Länder und Organisationen am Katzentisch aber freuen!

„Ich beabsichtige, den Weg nach vorn zu weisen, um unsere Wünsche wahr werden zu lassen, um auf diesem Weg der Welt zu zeigen, dass Wünsche wahr werden, wenn wir uns ernsthaft dafür einsetzen und kämpfen.“

„Lassen Sie uns zusammenarbeiten, damit die Herausforderungen, die vor uns liegen, zu einer neuen Hoffnung werden und uns neue Chancen eröffnen. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und Ihre Geduld. Danke für das Warten!“

Auch diese hehren Wünsche sollten sich nicht bewahrheiten: Die ehrenwerten Delegierten legten ihre Differenzen nicht beiseite, sie debattierten nicht ernsthaft und nicht konstruktiv. Wünsche werden nicht automatisch wahr, nur weil man dafür kämpft, und Herausforderungen werden nicht immer zu neuen Hoffnungen oder Chancen. Aber es war eine nette Rede, erfreulich kurz für einen Gipfel und für asiatische Verhältnisse schnörkellos und direkt. Genutzt hat es alles nichts.

Die Dolmetscher können natürlich am wenigsten dafür.

Die Staats- und Regierungschefs vielleicht schon – falls sie es denn waren: Bei dem chinesischen Regierungschef General Wau Li klang die Stimme anders als sonst, was bei dem Friedensnobelpreisträger (vergeben für seinen unermüdlichen Einsatz für die Gerechtigkeit während der Rückeroberung der abtrünnigen Provinz Taiwan, mittlerweile wieder Formosa genannt) schwer auf einen Doppelgänger hindeutete; der US-Amerikanische Präsident hatte grauere Haare als üblich, was einen ähnlichen Schluss erlaubt (die Stimmanalyse bringt bei dem nicht viel, er redet ja kaum in der Öffentlichkeit); der Vertreter Iranaks, seine Hochheiligkeit Mahmuth Amos’a’bailah, der als guter Schiit weiterhin an die Rückkehr des Mahdi glaubte, war so bärtig und trug so viel schwarzen Turban, dass man nicht sicher sagen konnte, ob er es wirklich war, auch wenn er, wie üblich, unablässig velayat-e faqihiii vor sich hin murmelte. Der Kronprinz Saudi-Arabiens, der in Vertretung seines Vaters und Königs entsandt worden war, was die üblichen Spekulationen zu dessen Gesundheitszustand hervorrief (mit den zu erwartenden Folgen für den Ölpreis, der angesichts der allgemeinen Situation heftige Ausschläge durchmachte), stellte seinen heiligen Zorn unumwunden zur Schau, sobald Mahmut Amos’a'bailah sprach, und er wünschte sich, das Kalifat möchte nicht nur endlich ausgerufen, sondern auch im Namen Allahs, des Geduldigen, weltweit befolgt werden. Ganz sicher echt waren die deutsche Bundeskanzlerin, Herr Prof. Dr. Dr. h. c. Ken-Theodor von Westervogue-Pieper zu Gottlob-Hohl und Vanitas, der französische Staatspräsident, M. Papamadit LeBic, und die Präsidentin der Iberischen Republik, die Excelentísima Señora Sara Mago samt Gatten, den Excelentísimo Señor Ansar (spanische Frauen behalten bei der Eheschließung ihren Mädchennamen, spanische Männer behalten dafür ihren Bubennamen), das ergaben die Stimmanalysen. Ebenso sicher ist, dass der kanadische Präsident und der indische Regierungschef an der Konferenz nicht teilgenommen hatten, weil sie – zumindest offiziell – an der Grippe gestorben waren. Gleichermaßen waren die Oberhäupter Brasiliens, Indonesiens, Mexikos und Südafrikas nicht persönlich erschienen: sie waren bis jetzt angeblich lediglich erkrankt, nach außen hin aber noch lange nicht verstorben, auch wenn böse Zungen kolportierten, sie würden sich zufriedenstellend von der Autopsie erholen. Andere, vor allem die Opposition in ihren jeweiligen Ländern, nannten sie feige.

Gegen Ende des ersten Tages des Gipfeltreffens erinnerte mich die Veranstaltung stark an die Zweite Haager Friedenskonferenz, die sich zwischen dem 15. Juni, Tag der feierlichen Eröffnung, und dem 17. September 1907, Tag der feierlichen Abschlusserklärung, abspielte. Damals trafen sich 256 Delegierte aus dreiundvierzig Nationen (viel mehr unabhängige Staaten gab es zu dem Zeitpunkt nicht) mit dem erklärten Ziel, viel über Frieden zu reden und nichts dafür zu tun. Die Instruktionen für die Abgesandten lauteten: Nichts preisgeben, was die Souveränität des jeweiligen Landes einschränken könnte, aber immer auf die anderen mit dem Finger zeigen. Sie waren erfolgreich: Sieben Jahre später brach jener Krieg aus, der heute noch, je nachdem in welchem Land man sich befindet und wessen Geschichtsbücher man liest, als der Große Krieg, als Erster Weltkrieg oder als Zweiter Europäischer Dreißigjähriger Krieg (1914-1945) bezeichnet wird. Ein kleiner Unterschied bestand darin, dass damals alle Diplomaten Französisch sprachen, weshalb es darüber hinaus Probleme mit den Dolmetschern Gott sei Dank nicht gab. Das hätte den Delegierten gerade noch gefehlt: Es gab damals keine geeignete Konferenztechnik, die Mikrofone hatten nicht die nötige Qualität erreicht, Dolmetschkabinen waren nicht erfunden. Wenn man alle Reden konsekutiv hätte dolmetschen müssen …! Die Zeit hätte bis zum Ersten Weltkrieg gar nicht gereicht! Ein weiterer Unterschied bestand darin, dass die damaligen Delegierten viele Jahre älter waren, als die des G23: Der preußische Abgesandte, Adolf Freiherr Marschall von Bieberstein, war mit seinen 65 Jahren, seinem Zwirbelschnurrbart und seinen Schmissnarben im Gesicht einer der Jüngsten. Die Briten entsendeten Sir Edward Fry, 82 Jahre alt, und Sir Ernest Satow, in den Sechzigern. Die Vereinigten Staaten schickten Joseph Hodges Coate, 75-Jährig. Und das zaristische Russland entsendete den siechen Mikhail Nelidov, der während der gesamten Konferenz die meiste Zeit bettlägerig in seinem Zimmer verbrachte.iv Ein Unterschied zu damals, der heute von den politischen Kommentatoren kaum beachtet wurde, meiner Meinung nach aber dennoch eine unterschätzte Rolle gespielt hat, war die Tatsache, dass die letzten Staatsoberhäupter seit Jahrzehnten ausschliesslich klimatisierte Luft atmeten. Die herrschenden Eliten atmen im Auto, am Flughafen, im Flugzeug, im Hotel, im Restaurant, in den Regierungspalästen und in den Konferenzsälen nur noch gefilterte und gekühlte Luft. Das war früher anders.

Eine Ähnlichkeit zwischen beiden Konferenzen – damals wie heute – war nicht zu übersehen: die gnadenlose Inkompetenz der Staatsoberhäupter. Zar Nicholas II. lebte in völliger Ignoranz über die wahren Leiden seines Volkes, er war sich nicht einmal der Tatsache bewusst, das es sich bei den Russen gar nicht um sein Volk handelte, denn zum einen kann man ein Volk nicht besitzen, zum anderen war er bestenfalls nur zu einem hundertachtundzwanzigsten Teil selber Russe. Bestenfalls heißt, dass, sollte Paul, Sohn Katharinas der Großen, nicht der legitime Sohn des damaligen Zaren sondern, wie ein beharrlich sich haltendes Gerücht kolportierte, das Ergebnis einer der vielen Liebschaften der Zarina sein, der Zar Nicholas II. nicht einen einzigen Tropfen russischen Blutes in seinen Adern hatte.v Das wäre an sich nicht schlimm gewesen, aber seine Dummheit, seine Verblendung, seine Borniertheit, seine Ignoranz stellten eine politische Katastrophe dar. In Okinawa übernahm diese unrühmliche Rolle der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika: Seine sich überall einmischende Frau beanspruchte einen Berater, einen Astrologen und Aberglaubologen, der es in vielen Feldern, mit Ausnahme vielleicht der sexuellen Leistungsfähigkeit, mit Rasputin aufnehmen könnte.

Kaiser Wilhelm II. war ebenfalls nicht als Intelligenzbestie bekannt. Er langweilte sich schnell, hatte eine sehr kurze Aufmerksamkeitsspanne, wollte die Leere in seinem Schädel dadurch ausgleichen, dass er immer etwas unternehmen wollte. Egal was. Nur schnell sollte es gehen – bevor er es wieder vergaß. Und hinterher wollte er stets eine feierliche Rede improvisieren, in deren Verlauf er keine diplomatischen Fettnäpfchen auszulassen pflegte. Im Anschluss daran mussten seine Minister in vorhersehbarer Regelmäßigkeit alles widerrufen, was er von sich gegeben hatte. Die Rolle des letzten deutschen Kaisers übernahm der chinesische Regierungschef Wau Li oder sein Double, falls es sich tatsächlich um ein solches handelte. Die englischen Medien nannten ihn „a loose gun in the hands of a child“, die Japaner und Inder, die sich als Nachbarn Chinas direkter betroffen fühlten und sich daher in dieser Angelegenheit für kompetenter hielten, äußerten sich entgegen ihrer asiatischen diplomatischen Erziehung und Zurückhaltung noch direkter. Zu Zeiten Kaiser Wilhelms war Ritalin noch nicht erfunden, aber Wau Li hätte eine große Dosis vertragen können.

Der spanische König Alfons XIII., König seit seiner Geburt, posthumes Kind seines Vaters, hatte es – ebenso wie Kaiser Wilhelm – ständig eilig, vermutlich aus ähnlichen Gründen. Er liebte schnelle Autos und schöne Frauen, sogar seine eigene. Immerhin soll er manchmal – im Gegensatz zum Kaiser – auf seine Berater gehört und gelegentlich sogar dementsprechend gehandelt haben. Der Rat, den er am häufigsten zu hören bekam, lautete, Seine Majestät möge doch bitte die Klappe halten.

Die Franzosen waren 1907 mit sich selbst beschäftigt: Die Dreyfus-Affäre hatte die Nation gespalten, die Geburtenrate war rückläufig, was große Selbstzweifel besonders unter den Männern verursacht haben soll, die Kolonien erwiesen sich als Verlustgeschäft, die soziale Ruhe wurde ständig gestört, es bildeten sich Räuber- und Anarchistenbanden, les Apache, die ganze Stadtviertel in Angst und Schrecken versetzten und die Auflagen der Zeitungen hochtrieben, die katholische Kirche war gerade enteignet worden, ihre Schulen verstaatlicht, ihr Einfluss negiert. Mutatis mutandis – das, was seit zwanzig Jahren in Japan passierte. Und so könnte es weitergehen, bis wir die dreiundvierzig Staaten von damals und die dreiundzwanzig von heute und deren jeweilige Anführer einzeln miteinander verglichen hätten, wenn es nicht derart müßig und öde wäre. Ich lasse es bleiben, denn so viel Dummheit und Inkompetenz finde ich deprimierend. Selbst im Nachhinein, nach so viel Zeit.

i „Robert Heinlein sagte einst, dass primitiven Menschen jede hinreichend fortgeschrittene Technologie wie Magie vorkomme. Und kein Kollektiv ist primitiver als Minister, die Schiss haben.“
ii Jener Premierminister Italiens, später der Republik Norditaliens und Padaniens, der einen chinesischen Fabrikanten, der sich darauf spezialisiert hatte, kleine, aber schwere und gut in der Hand liegende Kopien des Mailänder Doms für Touristen herzustellen, sehr reich und glücklich machte.
iii Das heißt seinem Glauben zufolge, dass das Religiöse über dem Politischen zu stehen hat, weil es sein Gott so will.
iv Vgl. Phillip Blom, „The Vertigo Years. Europe 1900-1914”, Basic Books, a member of the Perseus Books Group, 2008, S. 189-190.
v Ebd., S. 131.

 

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