LIII. Schleimer

Une civilisation qui s’avère incapable de résoudre les problèmes que suscite son fonctionnement est une civilisation décadente.i
Aimé Césaire

Aber nicht nur die Staatsoberhäupter waren unfähig, die Abgesandten waren es leider gleichermaßen und sie nahmen sich wichtig, was die Situation verschlimmerte. Damals wie vor kurzem. Viele waren obendrein korrupt – das besserte die Situation ebenso wenig – und faul zudem. Bei den Verhandlungen spielen die Delegierten eine große Rolle und ihre Persönlichkeit, die sich im Laufe vieler Jahren in Amtsstuben, Hinterzimmern, bei Stehempfängen und Dienstreisen entwickelt hat, zeigt, wie weit man es im Leben durch Schleimen bringen kann.

So macht man Karriere: schleimen, aufbrausen, sich unterordnen, nach außen bluffen, nach hinten Dolchstöße ausführen, wenn keiner hinschaut, hochmütig werden und am Ende: fallen. Enden nicht alle politischen Karrieren mit einer Niederlage? In der Politik ist der Eindruck wichtiger als die Fakten, das war bereits Cäsars Frau vorgehalten worden. Eine Zeit lang jedenfalls, bis die hartnäckigen Fakten sich nicht länger leugnen lassen.

Schleimen ist unterwürfig, aus dem Grund in der öffentlichen Meinung verpönt. Die Geschleimten mögen weder den Schleimer noch den Schleim; oft wissen sie sogar, dass das, was der Schleimer sagt, gar nicht stimmt. Aber sie verdrängen es gern, denn gelobt zu werden, ist ein Vergnügen. Schleimen ist zudem eine Geste der Unterwürfigkeit. Diese suggeriert Macht und Macht erzeugt sehr wohl ein angenehmes Gefühl. Die Schleimer wollen Vorteile und Schutz. Und nun? Was passiert heute? Die Vorteile sind nichts mehr wert, Schutz gibt es nicht. Schleimen lohnt nicht mehr.ii Der Umstand ist an sich zu begrüßen, aber der Preis für diese Verbesserung ist im Zwischenmenschlichen hoch. Mit Schleimereien ist ein „sozialer Kitt“ verschwunden. Wer hätte das gedacht…?

Es heißt, man soll den Überbringer schlechter Nachrichten nicht bestrafen. Redewendungen solcher Art entstehen meist, weil die Wirklichkeit nicht so ist, wie die Redewendung suggeriert. Hätte es doch mehr Mutige gegeben, die den Vorgesetzten die unangenehme Wahrheit gesagt hätten! Leider geschah das immer seltener, denn der Mächtige wollte es nicht hören und die Überbringer sind nicht blöd. Nicht auf diese Art und Weise jedenfalls. Auf diese Weise funktionieren internationale Konferenzen nicht. Je später der Delegationsleiter, der Boss, die schlechten Nachrichten erfährt, desto besser. Dass man so nicht auf die unangenehmen Nachrichten reagieren kann, dass man sie nicht korrigieren kann, weil man keine Kenntnis davon hat, wurde billigend in Kauf genommen. Lieber soll der Chef stürzen, dachte sich jeder, als dass er mich feuert. Wenn er weg ist, habe ich sogar als Bonus die Chance aufzusteigen! Kurzsichtig, aber logisch. Eine Variante der Tragik der Allmende, wenn man es richtig betrachtet. Und das Schleimen und das Schweigen verstärken sich gegenseitig…

An dieser Stelle sei ein weiteres Beispiel für bürokratische Unfähigkeit genannt: Im Zuge der Agenturverteilung innerhalb der ehemaligen und viel bedauerten Europäischen Union bekam das schwedische Karolinska-Institut das Europäische Zentrum für Krankheitsvorbeugung und -kontrolle zugesprochen. Bekannt wurde das Zentrum wegen seiner Anfangsbuchstaben auf Englisch als ECDC, was für European Center for Disease Prevention and Control steht. Ich nehme an, das P von Prevention haben sie bei der englischen Abkürzung weggelassen, weil es ohne fetziger klang, wie eine alte australische Hard-Rock-Band aus meiner Jugend. Das galt besonders für die Art, wie der Name von vielen Mitgliedern der Behörde und den versandten Delegierten ausgesprochen wurde, es handelte sich nämlich beim ECDC um eine sogenannte „Europäische Behörde“, die es im Rahmen der sehr Europäischen Gemeinsamen Politik zur Förderung der Vielsprachigkeit für angemessen hielt, im tagtäglichen Umgang miteinander nur auf dem, was sie für Englisch hielten, miteinander zu kommunizieren, was in der Praxis oft aneinander vorbei zu kommunizieren bedeutete. Englisch ist ja schließlich die Sprache der Wissenschaft.

Das Karolinska-Institut liegt malerisch gelegen auf einer kleinen Anhöhe im Nordwesten der schönen Stadt Stockholm, keine vier Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Das Institut erstreckt sich über mehrere unscheinbare Gebäude. Die meisten sind drei- bis vierstöckig, quadratisch in der Draufsicht, sie strahlen diesen weltoffenen provinziellen Charme aus, der Schweden so interessant und reizend macht, in allen Bedeutungen des Wortes. Zwischen den Rasenflächen winden sich enge geteerte Sträßchen.

Ab Sonntag, dem 29. April 2029, kaum zwei Wochen nach Apophis’ Durchgang, fingen die Drähte im Karolinska-Institut an zu glühen, gleichermaßen bei der WHO in Rom (gemeint ist die Weltgesundheitsorganisation, nicht die Welthandelsorganisation), den Büros der FDA in Washington, der US CDC in Atlantaiii, in Koltsovo (Sibirien) – dort befinden sich die letzten zwei Labore, in denen Pockenviren unter staatlicher Kontrolle gelagert wurdeniv – , im englischen Porton Down, bei der zuständigen UNO-Behörde in Genf, im japanischen Zentrum für Gesundheit, Seuchenkontrolle, -prävention und Impfung sowie im chinesischen Zentrum für Moderne Medizin. Ich nehme an, bei militärischen Forschungseinrichtungen war gleichermaßen die Hölle los, aber die Militärs zeigten ihre Panik nicht. Die neue Grippe brach aus. Falls es denn überhaupt eine Grippe war und nicht etwas anderes. Falls es denn nur eine einzige Grippe war und nicht mehrere gleichzeitig. Und so weiter, niemand hat behauptet, die Lage wäre einfach. Jetzt würde man endlich sehen, ob die Maßnahmen, die die letzten Jahre getroffen worden waren, die ganzen Vorbereitungen, all die juristischen Neuerungen, die Beschneidung so vieler Rechte, die man ehemals als elementar angesehen hatte, die vorbeugende Eingrenzung der Privatsphäre, Erfolg haben würden oder nicht. Dabei handelte es sich hierbei nur um die Maßnahmen, die noch vor der Zerschlagung der Europäischen Union getroffen wurden, einem Garanten der Menschenrechte immerhin. Die Notfallpläne wurden aus den Schubladen geholt, Krisenstäbe eingesetzt, Dienstpläne verschärft, eine Urlaubssperre verhängt. Die bürokratischen Schildbürgerstreiche und Hornberger Schießereien blieben erwartungsgemäß nicht aus, dennoch war die Arbeit der meisten internationalen Organisationen, insbesondere der ECDC, straff organisiert, gut durchdacht, effektiv umgesetzt – bis auf die üblichen Eifersüchteleien und Kompetenzstreitigkeiten zwischen den verschiedenen Ländern, Ebenen und Abteilungen. Leider wurde diese Arbeit nicht vom Erfolg gekrönt. Das wäre eigentlich die Hauptsache gewesen. Ich weiß bis heute nicht, warum, aber es lässt sich nicht leugnen: Ich brauche nur aus dem Fenster der Hyperborea zu schauen, es ist evident.

Manche Leute meinten, es wäre alles ohnehin ein Graus mit der Welt, es müsse jedoch alles noch schlimmer werden, bevor es besser werden könne. Diese Einstellung blickte auf eine lange und selbstgefällige Tradition zurück: Bereits vor über hundert Jahren war schon die Mehrheit der deutschen Sozialisten gegen den Erwerb von Kolonien aus humanitären Gründen. Das ist an sich löblich, wenngleich eine solche Haltung niemals verhindern würde, dass andere Länder diese aus edlen humanitären Überlegungen verschmähten Gebiete ihrerseits unterjochten und ausbeuteten. Nur einige Träumer waren der Ansicht, Kolonien würden, da es bei deren Ausbeutung naturgemäß so ungerecht zuging, insbesondere, wenn man an die dabei aufkommende unvermeidliche Unterdrückung der indigenen Völker denke, die Weltrevolution beschleunigenv und wären so gesehen eine gute Sache. Die Weltrevolution sei doch ein dermaßen edles Ziel, dass das dafür in Kauf zu nehmende Leid manch primitiver Völker gerechtfertigt sei. Nun: Es ist mittlerweile unendlich viel schlimmer geworden, jedenfalls aus der Perspektive der Menschheit, Besserung ist jedoch weit und breit nicht in Sicht. Jedenfalls nicht für die Menschen. Welche Menschen wären denn hier gemeint? Wir, an Bord der Hyperborea? Die letzten? Na, danke aber auch! Über die Frage, ob es für die überlebenden Tiere, für die Welt oder für sonst eine Abstraktion besser geworden ist oder in Zukunft wird, kann man, da weder die Welt als Ganzes noch die überlebenden Tiere ein Bewusstsein dafür haben, ewig im Kreis debattieren. Und genau das taten die Delegierten in Okinawa. Und wenn sie nicht gestorben wären, wären sie bis heute in der Lage, sich im Kreis zu streiten, zu unterbrechen, zu beschimpfen, aneinander vorbeizureden, zu diffamieren… und was immer sie sonst noch gemacht haben.

i „Eine Zivilisation, die nicht in der Lage ist, die Probleme, die sie selber verursacht, zu lösen, ist eine dekadente Zivilisation.“
ii Roos Vonk, Professor an der Radboud Universität im holländischen Nimwegen, meint im Journal of Personality and Social Psychologie in seinem Artikel „The Slime Effect“, dass Menschen eine große Neigung verspüren, auch die unglaublichsten Schleimereien zu glauben, wenn sie diejenigen sind, über die Gutes erzählt wird, egal, wie offenkundig übertrieben es für jeden Außenstehenden wirkt. Sobald jemand anderes gemeint ist, sind Menschen aber äußerst skeptisch. Das glaube ich gern.
iii Foreign Affairs, July/August 2005, S. 19.
iv Vgl. Mary Dobson, „Disease. The Extraordinary Stories Behind Hystory’s Deadliests Killers“, Quercus Books, Great Britain, 2007, S. 138.
v Vgl. Phillip Blom, „The Vertigo Years, Europe 1900-1914“, Basic Books, a member of the Perseus Books Group, 2008, S. 115.

 

< zurückvor >

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.