LIV. Vesuv

Nichts in Italien ergibt Sinn, bevor man nicht in Sizilien war.
Goethe

La Colombia é il nostro futuro, ma l’Italia é il vostro.i
Prof. Ing. Massimo Merlino
(Professor of Entrepreneurship and Economics of Innovation at Bergamo University Management Engineering Faculty)


Neapel wurde am zweiten Tag des Okinawa-Gipfels, dem 9. Juli 2029, um 5.45 Uhr ausradiert. Das war ein schwerer Schlag für das Despotat beider Sizilien und Napoli. An der erweiterten Sitzung der G23 Gruppe, dem sogenannten „Reach Out“ (zu Deutsch: „die am Katzentisch“), teilzunehmen, war für deren Vertreter nun nicht mehr denkbar oder jedenfalls nicht vor der eigenen Bevölkerung vertretbar. Dieser Verzicht fiel ihnen schon schwer: Auf der einen Seite war das Essen bei derlei Anlässen exzellent, auf der anderen Seite brachte die Teilnahme an einem Treffen der angesehensten politischen Gruppe der Welt einen nicht unbeträchtlichen Legitimationsschub mit sich und nicht wenig Renommee. Ganz zu schweigen von den guten Kontakten und Geschäftsmöglichkeiten, die sich dabei zwangsläufig ergaben.

Das Despotat beider Sizilien und Napoli war nach der Auflösung der ehemaligen Europäischen Union, dem Zusammenbruch des Euros und der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion und dem damit einhergehenden Zerfall der Italienischen Republik in eben dieses Despotat und der Republik Norditaliens und Padaniens zum Zentrum der Radikalen Neoliberalen Wirtschaftsunion aufgestiegen. An dieser RNW nahmen das Despotat selber teil ebenso wie die meisten Republiken des ehemaligen Jugoslawiens, die Hellenistische Republik Griechenlands einschließlich der annektierten Ehemaligen Jugoslawischen Republik Mazedoniens (FYRoM), mittlerweile Hellenistische Provinz Nordmazedoniens, die Republiken Rumänien, Bulgarien, Moldawien, Bessarabien, Weißrussland, die Ukraine, Polen und Georgien sowie die beidseitige Insel Zypern. Der Rest der Welt nannte die RNW abschätzig die „Mafia-Union“ oder Schlimmeres. Mit diesen Status konnten die politischen Führer der RNW gut leben: Mit einem Staat im Hintergrund galt für sie jeweils nicht mehr das Strafrecht, sondern das Völkerrecht. Dieser Umstand, der arabis stets verwehrt geblieben war, brachte beträchtliche Vorteile mit sich – insbesondere im Umgang mit anderen Staaten, beim Unterdrücken derjenigen, die nichts zu melden hatten (zum Beispiel, wenn die eigenen Untertanen aufmuckten) und bei der Geldwäsche. Ich persönlich bedauere es, dass der Internationale Gerichtshof in Den Haag sang- und klanglos aufgelöst wurde, das wäre für die Herrscher dieser Staaten, nach meinem Geschmack jedenfalls, das richtige Forum gewesen. Nebenbei verdienten wir mit unseren Dolmetschern bei diesen Prozessen, als die noch stattfanden, gutes Geld; aber es geht hier nicht primär um Geld, sondern um Anstand und Gerechtigkeit, oder genauer, um den Mangel daran. Jedenfalls bleibt festzuhalten, dass die Lage dieser Staaten – und konkret ihrer Anführer – viel günstiger war als die derjenigen zum Beispiel, die aus Idealismus den Jemen wegen der Nashörner bekämpften oder die Wale vor Japanern und Norwegern schützten: Das waren Terroristen, sobald sie als Gruppe oder als Individuum Gewalt in Betracht zogen. Wie arabis eben. Das Despotat gab sich als Mastermind der RNW und deren Sprachrohr ultra-neo-liberal, was de facto den Status Quo zementierte, indem es den Wettbewerb außer Kraft setzte. Die Reichen sollten ihre Privilegien und ihren Reichtum behalten, das war der Sinn der Veranstaltung. Für die Gesellschaft war diese Entwicklung gesamtwirtschaftlich negativ, die Reichen hingegen wurden noch reicher.

Die Welt war dabei, auf dem Weg in die endgültige Haitisierung den Umweg über das Despotat beider Sizilien und Napoli zu machen, mit Ausnahme der wirklich reichen Länder, der Supermächte und der Hypermacht, die wurden mehr und mehr wie Brasilien: Ein Prozent der Bevölkerung, die angeblich „oberen Zehntausend“, hamsterten neunundneunzig Prozent des Reichtums. Ein entgegengesetzter Prozentsatz der Menschheit, nämlich neunundneunzig Prozent, soll sich glaubwürdigen Schätzungen zufolge niemals weiter als hundert Kilometer vom eigenen Geburtsort entfernt haben. In welcher Welt diese Menschen wohl gelebt haben? Mit uns können sie nichts gemein gehabt haben… Vermutlich bestand zwischen diesen Zahlen ein Zusammenhang, aber daraus wurde keine Lehre gezogen.

Was stellten wir, die Luftjacht GmbH, in diesem Kontext dar? Diese Frage klammere ich aus, es gibt Dringenderes zu überlegen. Gut, dass wir erfahren haben, was wir wissen. Hoffentlich reicht es. Ich habe mir diese Frage auch früher nicht gestellt. Wir hatten mächtige Verbündete, wir hatten Geld, wir genossen unseren technischen Vorsprung und die Information, die wir uns mit diesem Vorsprung beschaffen konnten. Ich übte keine Gewalt aus und billigte sie auch nicht, war mir aber sehr wohl im Klaren darüber, dass nicht nur arabis uns benutzt hatte, um Gewalttaten vorzubereiten und auszuüben; dennoch war ich dagegen nicht eingeschritten. Bin ich deshalb ein Komplize? Quatsch! Fest steht auf jedem Fall, dass die RNW zu den Blöcken gehörte, die uns am meisten Schwierigkeiten bereitete. Sie gehörte zu den Mächten, die am hartnäckigsten versuchte, uns zu manipulieren, sei es direkt über die Ziele, die die Augen aufnehmen sollten, oder indirekt über die Gebiete, die sie (mitunter sehr kurzfristig) aus scheinheiligen Gründen sperrten. Eine typische Geschichte:

In der Gegend um Neapel entwickelte sich mit Hilfe der griechischen Reeder ein ganz besonderer Wirtschaftszweig: die Müllverbrennung auf hoher See. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass das Müllbeseitigungsproblem, das über einige Umwege nicht unmaßgeblich am Untergang der alten europäischen Wirtschaftsordnung beteiligt war, zu einem blühenden Wirtschaftszweig in einem Teil dieser Union nach dem Zerfall derselben wurde. Die RNW erzielte damit erkleckliche Gewinne, die Nordwestliche Union (mehr oder weniger der Rest der EU minus der RNW, die post-neutralen Staaten nicht miteingerechnet) tat empört, profitierte allerdings erheblich davon, denn sie entsorgte auf die Art über dunkle Kanäle billig ihren Sondermüll. Der RNW-Minister für Müllverbrennung, Recycling, Rohstoffe, Transport und erneuerbare Energien, S. E. Riinó Totti, brachte es in einem bemerkenswerten Fernsehauftritt anlässlich der glanzvollen Einweihung der Brücke zwischen Scylla und Charybdis auf den Punkt:

„Unsere Schiffe verbrennen Müll und erzeugen aus der Prozesswärme Strom. Mit diesem Strom erzeugen wir durch Elektrolyse Aluminium aus Bauxit, Natrium und Chlor aus dem Meersalz, Wasserstoff aus Wasser, Kupfer und Stahl aus Altmetall, selbst Glas recyceln wir auf hoher See. Die Rückstände kippen wir gepresst ins Meer. Sie sinken bis auf den Meeresgrund, sie sind unschädlich.ii In spätestens einer Million Jahren ist Gibraltar dank der Kontinentalbewegung verstopft, die Alpen wachsen weiter in die Höhe, das Wasser des Mittelmeers verdampft und eine dicke Salzschicht bedeckt den ganzen Mist. Darüber lagern sich Jahrtausende lang Sedimente ab, sämtliche Rückstände, die die Flüsse Südeuropas und Nordafrikas abtransportieren. Gleiches sollten wir mit Atommüll machen – großes Geschäft! In Plastik verschweißen, an einer tiefen Stelle des Mittelmeeres versenken und warten, bis die Geologie den Rest erledigt. Aber solange das Wasser nach wie vor da ist, wird diese Brücke Sizilien mit dem europäischen Festland verbinden als Symbol des Friedens, der Gerechtigkeit und des Fortschritts!“ Und so weiter und so fort… Es wage noch jemand zu behaupten, Politiker dächten nicht langfristig und hätten immer nur die nächste Wahl im Blick; hier gab es einen ehrenwerter Vertreter, der dachte sogar in geologischen Zeitmaßstäben. Vermutlich redete er so, weil er sich keiner Wahl mehr würde stellen müssen.

Die Schiffe, die dieses Geschäft ermöglichten, waren ein kleines technisches Wunderwerk. Na ja, so klein nun auch wieder nicht: Trimarane, bei denen jede „Kufe“ (so nannten die griechischen Werften jede Seite des Rumpfes) der Länge eines mächtigen Ölsupertankers entsprach. Dazwischen befand sich ein Deck, so breit wie das Schiff lang, auf dem eine Entladungsanlage für die Müllversorgungsschiffe, eine Sortieranlage für die verwertbaren Stoffe, ein Verbrennungsofen samt Stromerzeugungsturbinen, die Aluminiumgießerei, die Ascheverpackungsanlage, die Unterkünfte für die Zwangsmitarbeiterinnen – meist illegale Einwanderinnen, die beim Versuch, die Grenze zu überschreiten, das Pech gehabt hatten, erwischt worden zu sein und seitdem ein Sklavendasein an Bord fristeten, quasi in schwimmenden Slums auf offener See –, die spärlichen, verwahrlosten Freizeiteinrichtungen und die Verteidigungsanlagen Platz hatten. Diese gigantischen Schiffe stellten die griechischen Reeder zur Verfügung und sie verdienten sehr gut daran. Für skrupellose Psychologen und Soziologen waren diese geschlossenen Gesellschaften auf Grundlage der Unterdrückung und die Delegierung der Unterdrückung an ausgewählte Unterdrückte als perfides Teil eines sich selbst regulierenden Systems wahre Fundgruben, wie es die KZs für die Medizinforschung eines Dr. Mengele gewesen waren. Unter den Slumbewohnern der Müllschiffe erlaubte es die äußere Macht bewusst, dass sich Banden bildeten. Sie ließen sie gewähren, was man natürlich nicht beweisen konnte, aber offensichtlich war. Die Bedingung schien zu sein, dass die Müllschiffe eine bestimmte Quote erfüllten, alles, was darüber hinausging, wurde aufgeteilt. Die Banden hatten somit ein großes Interesse an der Versklavung der schwimmenden Slumbewohner und sie bekamen die Mittel, diese Versklavung herbeizuführen. Sie kontrollierten Essen und Trinkwasser und die Psychologen und Soziologen hantierten in verschiedenen Müllschiffen mit unterschiedlichen Parametern im Namen der Forschung herum. Die Gesellschaften, die sich herausbildeten, waren mehr oder weniger gewalttätig, hierarchisch, stabil oder effizient, alle waren jedoch ungerecht, weil auf rohe Gewalt und Willkür gegründet: Gulags auf See, ein schwimmendes Archipel. Für die Vendobionten waren diese Zustände gut sichtbar und wir hatten sie gut dokumentiert. Für die Augen der Vendobionten war es nicht leicht, sich den Schiffen zu nähern, aber die Kameras lieferten selbst aus dreissig Kilometern Flughöhe scharfe Bilder, wenn die Luft klar war. Wir sahen, was die staatlich sanktionierten Banden alles verklappten und konnten nur mit Hilfe eines anderen Privatunternehmens, das sich in die Tiefe der Meere – so wie wir uns in die Luft – vernarrt hatte, den Meeresboden untersuchen. Wir arbeiteten gern mit ihnen zusammen, sie haben versucht, unser Erfolgsmodell mit den Luftschiffen auf die Welt unter der Meeresoberfläche zu übertragen, mit relativem Erfolg: Verglichen mit uns, standen sie ständig am Rande der Pleite. Ihre Schiffe waren nicht so autonom wie unsere Augen, sie hatten es gleichwohl viel schwerer, denn salziges Wasser ist ein undankbares Medium. Wir mit unseren Augen und Vendobionten kämpfen gegen Wind und Wetter, gegen Insekten, Vögel und Vogelkot, sie jedoch kämpften gegen starke Strömungen, gegen Korallen, Krebse, Algenbewuchs und gegen Korrosion. Der Funkkontakt erfolgte jeweils über eine schwimmende Station, die dank Sonnenenergie die ferngesteuerten U-Boote mit Strom versorgte. Diese Flöße waren schwer zu steuern, träge, sie wurden mittels eines Steuer- und Übertragungskabels mit den U-Booten verbunden; die Länge des Kabels schränkte die Reichweite der U-Boote ein. Zudem hatte das Kabel eine fatale Neigung, sich zu verwickeln. Die Flöße waren nicht schnell genug, um Stürmen ausweichen zu können; sie mussten sie, im Gegensatz zu den Augen, überstehen. Dieser Umstand erhöhte ebenso wenig deren Lebensdauer. Und sie haben nicht, wie wir, Tausende Einheiten bauen können, sondern nur knapp einhundert, aber immerhin. Die Bilder, die sie damit hinbekamen, waren beachtlich. Wir kooperierten schon länger eng mit ihnen, sie haben jede Unterstützung bitter nötig gehabt und auch verdient: Zum Beispiel stellten wir unsere Vendobionten als Relaisstationen für ihre Bilder zur Verfügung, so als ob ihre U-Boote und Flöße zu unseren Augen gehören würden. Auf gleiche Weise verfuhren wir mit den Bildern aus dem Meeresboden unter den Müllverklappungsschiffen. Die Ergebnisse waren unansehnlich: Das Mittelmeer war eine Müllhalde, ist es heute noch. Die komprimierten Müllpakete aus gepresster, in Plastikfolie eingewickelter Asche lösen sich am Meeresboden auf. Der Müll bedeckt Sedimentschichten, bildet gleichermaßen welche, wird wiederum selbst von neuem Sediment bedeckt. Die Giftkonzentration ist extrem, aber es konnten Bakterien nachgewiesen werden, die in diesem neuen Biotop gedeihen. Allerdings keine höheren Tiere.

Am 9. Juli 2029, nach zwei Wochen erhöhter seismischer Aktivität und leichten Eruptionen mit geringem Asche- und Lavaausstoß, explodierte der Vesuv relativ unerwartet. Unerwartet jedenfalls für die Bevölkerung, die Vulkanologen hatten schon länger gewarnt: Je weniger Gase bei einer bestimmten seismischen Aktivität im Voraus ausgestoßen werden, desto höher staut sich der Druck im Inneren des Vulkans auf und desto gewaltiger wird die Explosion, wenn es denn tatsächlich zur Eruption kommt, was ja bei Vulkanen nie mit Sicherheit auszuschliessen ist. Die Vulkanologen hatten in der Tat so oft und so lange gewarnt, dass niemand mehr auf sie gehört hatte. Die Geschichte nach Plinius dem Jüngeren hatte nur geholfen, einige Tausend Bewohner aus der Stadt und der Umgebung zu evakuieren (Plinius der Jüngere war kein Vulkanologe, sondern ein römischer Bürger und Historiker, der den Tod seines Vaters, Plinius des Älteren, detailliert beschrieben hatte). Es hatte nicht nur am Vesuv Vorzeichen gegeben: Die Phlegräischen Felder zeigten eine erhöhte Aktivität, aber wer weiß heute noch, dass sich die etymologische Wurzel des Wortes Phlegräisch im englischen Wort „conflagration“ verbirgt, dort bedeutet sie Brand; im Spanischen „conflagración“ steht sie zusätzlich für Krieg und im Italienischen „conflagrazione“ obendrein für Aufflammen und Flächenbrand?iii Allein diese Herleitung hätte jedem zeigen können, dass aus Phlegräischen Feldern nichts Gutes entspringen kann, besonders dann nicht, wenn die Luft wegen des Schwefelgestankes nicht zu atmen ist… Der Ätna und der Stromboli waren ebenfalls ausgebrochen, während sich der Boden der Stadt Pozzuoli in den letzten Monaten deutlich aufgebläht hatte.iv Das alles war früher bereits des Öfteren vorgekommen, viele sahen deswegen darin keine besondere Gefahr. Die lokale Mafia las anscheinend nicht die Klassiker und schon gar nicht die Geophysical Research Letters, manche Mitglieder der Ehrenwerten Gesellschaft dachten wohl, in den vielen hundert Kilometern Katakomben unter der Stadt könnte man Unterschlupf finden, wenn es hart auf hart kommt. Vielleicht leben einige nach wie vor dort unten, ich kann mir nur nicht vorstellen, wovon sie sich die ganze Zeit ernährt haben sollen. Die Katakombenausgänge sind vermutlich alle mit meterdicken Ascheschichten bedeckt, so genau hat keiner nachgeschaut. Andernorts, wo es keine antiken Katakomben gab, haben sich die Menschen in U-Bahn-Tunneln, in der Kanalisation, in unterirdischen Lagern versteckt. Langfristig half das alles nichts. Dieser unterirdische Fluchtinstinkt scheint nicht mehr zu funktionieren. Früher haben Menschen im Untergrund Kriegszeiten und Verfolgung ausharren können. In Kappadokien, in der Mitte Kleinasiens, haben Menschen über Generationen hinweg ganze unterirdische Städte in den weichen Boden gehauen und sich bei Gefahr in ihnen versteckt. Die Anlagen sind sehr weitreichend, sie waren gut organisiert und optimal zu verteidigen. Das hat heute nicht mehr gereicht. Auch im Warschauer Ghetto flüchteten die Menschen in den Untergrund. Das reichte damals ebenfalls nicht, um den Nazis zu entkommen, aber sie haben wenigstens den Nazis das Leben viel schwerer gemacht, als diese gedacht hatten.v Überlebt hat damals hingegen eine Gruppe Juden in Lemberg: Über ein Jahr lang haben sie die Sonne nicht gesehen, ausschließlich nachts heimlich Kartoffeln geerntet. Die Kinder waren alle rachitisch, die Erwachsenen unterernährt, alle miteinander schmutzig und verlaust. Aber sie haben überlebt.vi Die Tunnel des Vietcong waren gleichmaßen effektiv. Die Yankees kämpften vergebens gegen einen Gegner, der sich ihnen unterirdisch entzog. Die Tunnel waren mit Sprengfallen gut gesichert und so eng, dass die GIs ihre überlegene Feuerkraft nur einsetzen konnten, wenn sie bereit waren, mangels Sauerstoff den Erstickungstod zu sterben. Das waren sie zumeist nicht, demnach überlebten die Vietcong und gewannen letztendlich den Krieg. Heute hingegen überlebt man nicht mehr unterirdisch, jedenfalls nicht in Neapel. Auch anderswo erscheint mir ein Überleben zweifelhaft. Wir werden sehen, ob nicht doch jemand irgendwann irgendwo auftaucht. Wir halten Ausschau.

Die Müllschiffe waren nun ohne äußere Obrigkeit, allerdings in gleichem Maße ohne gesicherte Versorgungslieferungen. Die äußere Machtgrundlage wurde den Banden entzogen, aber sie besaßen nach wie vor die Kontrolle über die Waffen. Soziologisch und psychologisch, vor allem aber machtpolitisch wurde es sehr interessant –im Sinne des chinesischen Fluches: „Mögest Du interessante Zeiten erleben!“. Jeder an Bord der Schiffe hatte nur eines im Sinn: Abhauen. Wenige schafften es.

i „Kolumbien stellt unsere Zukunft dar, aber Italien eure.“
ii Vgl. zum Beispiel Online-Ausgabe der Frankfurter Allgemeine Zeitung von 11. November 2009, http://www.faz.net/s/RubDDBDABB9457A437BAA85A49C26FB23A0/Doc~EE13E6FA5BB64420B9153508F8498A48B~ATpl~Ecommon~Scontent.html oder italienische Berichte um diesem Zeitraum.
iii Vgl. Aldo Zollo, Universität Neapel, in Geophysical Research Letters, Bd.35, Seite L12306, 2008.
iv Vgl. Elisa Trasatti et al., Insitut für Geophysik und Vulkanologie in Rom, Geophysical Research Letters, Bd.35, Seite L07308, 2008.
v Vgl. Kazik (Shima Roten), „Memoirs of a Warshaw Ghetto Fighter”, New Haven und London, Yale University Press, 1994.
vi Vgl. Robert Marshall, „In the Sewers Of Lvov: A Heroic Story of Survival from the Holocaust“, New York, Charles Scribner’s Sons, 1990.

 

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