LXXI. Dioramen, Ehre, Würde

Die Lage ist verzweifelt, aber nicht ernst.
Thomas Bernhard

Die Welt ohne Menschen wird von der Hyperborea aus gesehen zu Dioramen. Manche Szenen sind bizarr. Auf den Autofriedhöfen rund um Cotonou, der Hauptstadt Benins, am Golf von Guinea, stapeln sich die Schrottautos, die die reiche Erste Welt hier entsorgt, seit die Nigerianer sie am Ende der Zeit und ihrer finanziellen Ressourcen nicht mehr kaufen. Ihre Wirtschaft und ihr Land waren zusammengebrochen. Nach der Katastrophe wird ein gespenstisches Bild deutlich. Die Autos ergeben in ihren unterschiedlichen Farben, aneinander aufgereiht, ein buntes abstraktes Mosaik. Viele sind bis zu ihren Achsen im weichen Boden versunken.

In der reichen Welt sieht man deutlich die Straßen und die Autobahnen einen Liniengeflecht durch die Landschaft ziehen. Autobahnkreuze und Schienen zeichnen Schleifen und Knoten in den Boden. In Afrika sieht man derlei selten. Meist bildeten nur Wege oder Pfade die Landverbindungen, die – ungepflegt – schnell verschlammen und von Pflanzen überwuchert werden. Die Städte und Slums blieben lange sichtbar, trotz der überall wachsenden Pflanzen. Auch die landwirtschaftlichen Flächen, in großen Teilen der Welt in rechteckige Parzellen aufgeteilt, sind oftmals nach wie vor erkennbar. Sie sehen aus wie eine Schwarz-Weiß-Aufnahme eines riesigen, flach auf dem Boden gelegten Bildes von Piet Mondrian. Oder statt schwarzweiß braun und grün mit ocker.

Ich staunte, als ich bemerkte, dass der abnehmende Mond auf der Südhalbkugel kein C, sondern ein D darstellte, und im Äquator glich er einem U oder einem umgekehrten U, so dass man ihn nicht vom zunehmenden Mond unterscheiden konnte. Wenn ich vergessen hatte, in welcher Phase der Mond sich befand, reichte am Äquator ein Blick aus dem Fenster nicht aus. Ich musste einst einmal bei Deep Doubt nachschlagen: Es sollte mir nicht wieder passieren. Ich behielt den Mond im Kopf. Und ich merkte mir, dass – unabhängig vom Breitengrad – der abnehmende Mond in der ersten Hälfte des Tages zu sehen war, der zunehmende eher in der zweiten. Aber wir sehen den Mond ohnehin selten, nur wenn er sich nahe am Horizont befindet, denn die Hyperborea verdeckt mit ihrem Rumpf die Sicht nach oben. Oder wenn ich in die obere Kanzel klettere, wohin mir die Tiere so ungern folgen, die Wendeltreppe hinauf, die mir selbst unbehaglich ist.

Dann fiel mir auf, dass ich mit der sich nach Breitengraden ändernden Neigung des Halbmondes einen augenscheinlichen Beweis für die Tatsache habe, dass die Erde eine Kugel ist. Man könnte diesen Beweis im Extremfall sogar zu Fuß antreten, von Patagonien bis nach Alaska und im Winter sogar noch weiter in Richtung Norden. Zu Fuß hätte man die richtige Geschwindigkeit, um viele Mondphasen zu sehen. Umgekehrt kann man im Geiste eine Linie zwischen dem oberen und dem unteren sichtbaren Zipfel des Mondes ziehen – die beiden Stellen, an denen die Grenze zwischen Licht und Schatten verläuft. Verlängert man diese Linie im Geiste und misst den Winkel zwischen ihr und dem Horizont, kann man mit Hilfe der Trigonometrie ungefähr bestimmen, an welchem Breitengrad man sich befindet. Ich berechne aus Spaß diesen Winkel an verschiedenen Tagen, Uhrzeiten und Orten, was mir insofern eine Freude ist, als es meine Vermutung bestätigt und meine Berechnungen validiert. Da recht haben nur Spaß macht, wenn andere es erfahren, ansonsten ist es nur eine diebische Freude, teile ich meine Entdeckung jedem an Bord mit, aber allein Klaus findet es bemerkenswert. Die anderen interessieren sich nicht dafür. Nun gut, dann eben nicht. Ich bin dennoch stolz. Ich gefalle mir darin. Man muss nicht alles wissen, aber es ist schön, selber etwas herauszufinden. Ich komme mir intellektuell lebendig vor.

Ali Ben Otrefuáh fühlt sich von Beata Maloumie beleidigt und vernachlässigt und will um seine Ehre kämpfen. Ich sage ihm, er solle lieber Würde anstreben. Er ist unruhig, gereizt, aufmüpfig, kann seine Aggressionen nicht zielgerichtet entladen. Ich versuche, auf ihn einzureden. Ehre besitzt man vor anderen und von deren Gnaden, sage ich ihm: Die anderen bestimmen, ob die Schwester ehrenhaft ist oder eine Schlampe – in welchem Falle man sie dann schlimmstenfalls umbringen muss – und ob man selber ehrenhaft ist, wenn man sie umbringt oder den, der sie entehrt hat, oder gar beide. Würde hat man so oder so, ob der andere sie achtet oder nicht. Achtet er sie nicht, wirft das auf ihn ein schlimmeres Licht als auf den nicht Geachteten. Würde hingegen kommt von innen. Würde ist dem Menschsein innewohnend. Hoffentlich versteht Ali das. Drücke ich mich für ihn klar genug und verständlich aus? Hat er überhaupt eine Chance zu begreifen, was ich meine und wie? Ali lehnt Bildung als Wert der Weißen ab. Das ist eine Trotzreaktion, er tut so, als ob er ein stolzer Neger wäre. Dabei ist er nur ein einsamer Junge ohne Freundin. Ich beobachte, wie er seine Zeit mit den Augen verbringt, mit denen er gern Obst jagt, und wie er die Augen immer wieder über Stunden hinweg durch verlassene Dörfer lenkt. Er findet sich nicht damit ab, dass wir niemanden sehen, niemanden finden. Ali wird trotzig und frustriert. Das ist verständlich, aber nicht gut. Weder für ihn, noch für die Mannschaft.

 

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