LXXIX. Krank

Im März 2032 wachte ich eines Morgens schweißgebadet auf. Mein Kopf schmerzte und mir wurde schwindlig, als ich versuchte, mich aufzurichten. Meine Augen taten weh, ich konnte sie kaum bewegen oder fokussieren. Das Sonnenlicht traf mich wie ein Faustschlag. Mir schossen die Tränen in die Augen. Die Schmerzen fuhren mir durch meine Gesichtsknochen und prallten an den Zähnen wie ein Echo zurück nach oben. Meine Gelenke schmerzten, meine Nase war angeschwollen, mein Hals trocken und rau. Ich fürchte, die Grippe hatte mich erwischt. Die Frage war nur, welche Art von Grippe. Ich fror, vermutlich hatte ich Fieber, daher der Schweiß. Ich berührte meine geliebte Frau und versuchte, mich verständlich zu machen. Meine Worte gingen in einem Hustenanfall unter, aber meine geliebte Frau wachte auf. Danach erinnere ich mich an nichts mehr.

Eine Quarantäne ist innerhalb der Hyperborea schlecht durchsetzbar, dennoch wollte meine geliebte Frau die Einzige sein, die sich um mich kümmert. Herr Klaasen hat das nicht zugelassen, er bestand darauf, mich mit ihr im Wechsel in zwei Schichten zu pflegen. Die anderen sollten versuchen, sich fernzuhalten und uns mit Nahrung zu versorgen. Ich hatte nichts zu sagen, war nicht mehr ansprechbar. Was die nächsten Tage passierte, kenne ich nur aus Erzählungen. Was in dieser Zeit durch meinen Kopf ging, soweit ich mich überhaupt daran erinnere, hatte nichts mit der Realität zu tun. Waren es Albträume oder Halluzinationen? Worin unterscheiden sich beide, wenn man weder wach ist noch schläft?

Ich wurde von meiner geliebten Frau und Herrn Klaasen regelmäßig gewaschen, mit kalten Wickeln gekühlt, um mein Fieber zu senken, und mit einer improvisierten Schnabeltasse gefüttert. Ich bekam Brühe, abgelaufene antivirale Mittel und Aspirin, mehr war mit unserer Bordapotheke nicht zu machen. Aber es hat geholfen. Eines Tages wachte ich auf, mir schmerzte immer noch der ganze Körper, jedoch nicht mehr mein Kopf, und sah Herrn Klaasen neben meinem Lager sitzen. Er freute sich, mich stöhnen zu hören. Foc sprang schwanzwedelnd auf mein Bett und versuchte, gleichzeitig kläffend und winselnd mein Gesicht abzulecken.

„Ich rufe deine Frau, sie kommt gleich“, sagte er mit einem erleichterten Lächeln.

„Wo ist sie?“

„Sie schläft wohl, sie war bis vor einer Stunde hier.“

„Dann lass sie lieber schlafen. Ich fühle mich nicht sehr fit, ich möchte sie nicht stören.“

„Natürlich bist du nicht fit!“ Ich weiß nicht mehr genau, seit wann Klaus und ich uns duzten, seit dem überhasteten Abflug der Hyperborea waren die sozialen Konventionen an Bord nicht streng gewesen, der Umgang miteinander wurde improvisiert. Freunde duzten sich zumeist, Chefs siezten ihre Untergebenen, Geliebte erfanden für einander Kosenamen. Das lief darauf hinaus, dass ich Beata Nalga Maloumie, Nicco Gassi und Herrn Augsburger siezte, damit sie im Gegenzug mich siezten. Derlei Förmlichkeit meinerseits stellte kein Zeichen von Respekt dar, ganz im Gegenteil – ich wollte Distanz schaffen. Beata hielt sich nicht immer an diese Konvention, dabei war sie gemeint. Mit Sven, Klaus (ehemals Herr Klaasen) und Ali duzten wir uns, auch meine geliebte Frau nahm diesen Code an. Klaus fuhr fort: „Du bist drei Wochen krank gewesen und ich glaube nicht, das du schon ganz über den Berg bist.“

„Drei Wochen!“ Ich fühlte meinen Körper und meine Arme an, ich war schon lange nicht mehr so mager gewesen. Am Bauch, an den Oberarmen und an den Schenkeln hingen schlaffe Hautlappen herab. So dünn war ich seit Jahren nicht gewesen. Zudem war ich unrasiert, meinen Stoppeln nach zu urteilen, stimmte das mit den drei Wochen. „Ein Grund mehr, meine Frau ausschlafen zu lassen. Was ist mit dem Rest der Mannschaft? Haben sie sich angesteckt? Geht es allen gut?“

„Die Grippe hat alle erwischt, bis auf deine Frau und mich. Aber sie haben sich schneller erholt als du, bis auf Ali, der ist noch nicht ganz über den Berg. Jetzt beobachte ich jeden Einzelnen, um zu sehen, ob sie sich verändert haben. Unter Menschen hat die Grippe allerlei Nachwirkungen gezeigt. Bisher sehe ich allerdings keine auffälligen Verhaltensstörungen. Ich kann mich aber täuschen. Und wie fühlst du dich?“, fragte er, indem er mich aufmerksam musterte.

Ja, sollte ich tatsächlich die gefürchtete böse Grippe haben – die, die man nicht Negergrippe nennen sollte, weil es sich nicht gehörte und weil es keine Schwarzen mehr gab –, dann würde ich jetzt am eigenen Fleische erkennen, was die Welt hatte zusammenbrechen lassen. Der größere Teil der Crew war also ebenso betroffen. Natürlich, es handelte sich um eine ansteckende Krankheit. Meine geliebte Frau und Klaus, waren die beiden immun, oder nur asymptomatisch? Ich sah Klaus’ berechtigte Sorge. War ich anders geworden? Fühlte ich mich aggressiv? Nein. Angespannt? Auch nicht. Nur sehr schwach. Würde sich das ändern? Wie lange würden wir warten müssen, bis wir uns sicher sein konnten, dass von mir keine Gefahr ausging? Und von den anderen? Derlei Fragen und viel mehr ging mir durch den Kopf, während ich Foc, der sich nach wie vor nicht beruhigt hatte, streichelte. Ich wechselte das Thema und beantwortete Klaus’ Frage dennoch:

„Ich fühle mich schwach, matt und müde. Aber ich merke sonst keinen Unterschied, ich glaube, ich bin immer noch wie früher.“ Wie sollte ich einen Unterschied merken, den würden, wenn überhaupt, eher die anderen merken. „Foc ist aber dünn geworden!“

„Er war nicht dazu zu bewegen, etwas zu fressen. Er ist ein treues Tier.“

„Dann hole uns beiden doch lieber etwas zu essen, anstatt meine geliebte Frau zu wecken. Dafür wird später noch genug Zeit sein.“

„Gute Idee!“, sagte Klaus, stand auf und ging. Ich blieb grübelnd im Bett liegend und fragte mich, ob etwas in mir anders war. Ich versuchte, systematisch vorzugehen. Ich dachte an meine Kindheit, mir fielen ohne Probleme alte Bilder und Erlebnisse ein. Ich stellte mir im Geiste das Periodensystem der Elemente vor, das konnte ich früher auswendig: Ganz oben links Wasserstoff, ganz rechts Helium, darunter Lithium, Beryllium, ein großes Loch in der Tabelle, dann weiter mit Bor, Kohlenstoff, Stickstoff, Sauerstoff, Fluor, Neon, unter Lithium die Alkalimetalle, unter Beryllium die Erdalkalimetalle… – das klappt. Die Telefonnummer meiner verstorbenen Eltern weiß ich auch noch. Ich sage zwei Gedichte auf, summe drei alte Lieder aus meiner Jugend. Kognitiv scheint alles in Ordnung. Wie viele Nachkommastellen von Pi kann ich aufsagen? Ich fange an: 3,141592653589793238462643383… das sind siebenundzwanzig Nachkommastellen, früher konnte ich die ersten Hundert, aber das liegt schon lange zurück. Das ist nicht besorgniserregend. Mit meinem Gedächtnis scheint alles in Ordnung zu sein. Ich schaue auf meine Hände, ich kann sie ohne Schwierigkeiten bewegen. Ich krame meinen iTempt™ aus der Schublade am Nachttisch und tippe einige Zeilen in die Bildschirmtastatur. Die Motorik ist wie früher, besonders gut im Tippen war ich nie. Ich schaue mich im Zimmer nochmals um und erkenne die Teekanne meiner geliebten Frau auf dem Stövchen. Summen, Aufsagen, Rezitieren, Bewegen, Sehen, Erkennen… – ich bin beruhigt. Obwohl, da ich eigentlich nicht im Geringsten beunruhigt war, sollte ich treffenderweise sagen, ich bin erleichtert. Warum bin ich nicht beunruhigt gewesen? Ist das normal? Die Situation ist ja ungewöhnlich genug. Ist das der Unterschied zu früher?

Klaus kommt doch mit meiner geliebten Frau zurück, in der Hand ein Tablett mit leichtem Essen, einer Karaffe Wasser, einer frischen Kanne Tee und einem Napf für Foc. Foc frisst gierig, gleich wird er kotzen müssen, das kenne ich schon. Meine geliebte Frau umarmt mich, küsst mich und fragt mich sogleich Löcher in den Bauch. Wie es mir ginge, wie ich mich fühle, ob alles in Ordnung sei. Ich beruhige sie, soweit es geht, während sie meine Hand hält, und erkundige mich meinerseits danach, was in den letzten Wochen passiert ist. Das war nicht wenig. Sven Maven und Herr Augsburger sind die ganze Zeit ansprechbar gewesen trotz des hohen Fiebers: keine Halluzinationen, keine Bewusstlosigkeit. Allein Ali hatte weiterhin hohes Fieber und war nicht ganz klar im Kopf, er schlief den ganzen Tag, war aber ansprechbar, wenn man ihn weckte. Das taten sie allerdings nur, um ihm zu essen zu geben.

„Zuerst erwischte es Nicco, nach zwei weiteren Tagen Beata und Sven, am selben Tag. Am Tag danach waren Ali und Herr Augsburger dran. Seitdem kommen Klaus und ich kaum zum Schlafen, wir sind ununterbrochen als Krankenpfleger unterwegs, Betten beziehen, Körperausscheidungen abwaschen, und fürs Essen auf Rädern müssen wir auch ran. Aber das Wichtigste ist, dass es dir wieder besser geht. Fehlt dir wirklich nichts?“

„Ich fühle mich ganz normal, bis auf die Müdigkeit. Ich hoffe, ich bin dir ab jetzt eine Hilfe.“

„Eigentlich sind wir jetzt mit dem Krankwerden dran“, sagte Klaus, an den ich gerade nicht gedacht hatte. Ich hätte lieber „euch“ statt „dir“ sagen sollen. „Höchste Zeit, dass jemand uns ablöst.“ An seinem Blick merkte ich, dass es als Witz gemeint war, aber auch nur daran. Jetzt erst sah ich ihn an und erkannte, wie müde und angespannt er war.

„Klaus, du solltest dich hinlegen und ein wenig schlafen.“

„Ja, ich fürchte, du hast Recht. Ich lasse euch mal lieber allein. Weck’ mich in sieben Stunden, wenn ich bis dahin nicht von allein wach bin.“ Er wischte sich mit der Hand die Augen unter der Brille, ohne diese abzunehmen. Beinahe wäre sie ihm heruntergefallen. Und das jemandem, der seit über vierzig Jahren eine Brille trug! Er musste wirklich sehr müde sein.

„Klar!“, antwortete ich, entschlossen, ihn so lange schlafen zu lassen, wie sein Körper es wünschte. Meine geliebte Frau und ich blieben allein. „Wo sind wir eigentlich?“

„Irgendwo in Indonesien, in der Nähe von Borneo. Wir haben gerade wieder den Pazifischen Ozean überquert.“

„Ist das Schiff in Ordnung?“

„Alles funktioniert wie immer und die Vorratskammer ist gefüllt. Die Druckluftspeicher sind voll, die Akkus geladen. Es besteht keine Gefahr von außen.“

Sie legte sich neben mir aufs Bett und legte ihren Arm um meine Schulter. Sie war sehr müde, das war nicht zu übersehen. Nach wenigen Minuten, die wir schweigend verbrachten, war sie eingeschlafen. Ich blieb noch eine Weile wach, ich hatte in den letzten Wochen ja genug geschlafen. Ich war schwach, aber nicht müde. Ich dachte über dieses und jenes nach: Wie zerbrechlich doch unsere Existenz war in einem Luftschiff, dass so groß war, dass es den Eindruck vermittelte, unzerstörbar zu sein. Ich kramte meinen iTempt™ wieder heraus und schaltete mich in die Steuerung der Hyperborea ein. Ein kurzer Blick genügte, um aus den Bildern der Vendobionten über uns zu erkennen, dass das Wetter in unserer Nähe ruhig war und keine Kollisionsgefahr bestand. Wir flogen in über vierhundert Metern Höhe, um uns herum waren viele Hundert Kilometer weit keine Berge. Das war gut, ich konnte meine geliebte Frau und Klaus schlafen lassen. Mit der automatischen Steuerung waren wir in guten Händen.

Beim weiteren Nachdenken beschloss ich, gleich am Abend mit diesen Aufzeichnungen zu beginnen. Unsere Existenz war prekärer, als ich mir jemals vorgestellt hätte, jetzt wollte ich wenigstens unsere Lage und wie wir in selbige geraten waren, festhalten, solange ich eine klare Erinnerung daran hatte. Gleichzeitig könnte ich auf diese Weise feststellen, ob mein Erinnerungsvermögen noch so intakt war, wie meine improvisierten Gedächtnisübungen suggerierten. Sollte ich mir bisher ausschließlich Aufgaben gestellt haben, von denen ich unbewusst wusste, dass ich sie würde lösen können, dann würde nun das systematische Aufzeichnen des Geschehenen selbiges aufdecken. Zu diesem Zweck würde ich die Diktiertranskriberfunktion des iTempt™ benutzen. Damit kann man den iTempt™ als Diktiergerät benutzen und er überträgt das gesprochene Wort recht fehlerfrei in geschriebenen Text. Ich begann mit dem Vorwort aus der Zukunft, nach dem Ende der Zeit, wie wir sie kannten – eine Einleitung, die ich mehrfach korrigieren und umschreiben sollte. Das letzte Wort war noch nicht gesprochen, folglich würde ich den Anfang das eine oder andere Mal umdeuten müssen, damit das Neue weiterhin einen Sinn ergibt. An den vielen Korrekturen, die ich am Vorwort vorgenommen habe, sehe ich, wie die Zukunft die Vergangenheit weiterhin verändert.

 

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