LXXXVI. Alis Tod

Happiness is a warm gun.i
Lennon-McCartney (The White Album)

Jesus died for somebody’s sins – but not mine!ii
Patti Smith (Horses)

Die Stimmung an Bord nahm ich als aggressiv wahr, meinem Empfinden nach ging ein großer Teil dieser Aggression von Beata Nalga aus, die zunehmend nerviger wurde, aber das mag daran liegen, dass ich sie mittlerweile gar nicht mehr ausstehen konnte. Nicco Gassi sekundierte sie, insbesondere wenn es darum ging, zu nölen und den Dienstplan, der ohnehin nur approximativ war, nicht einzuhalten. Herr Augsburger pflegte Ali und wachte die meiste Zeit an seinem Bett, seit ihrer gemeinsamen Antarktisreise waren sie eng verbunden, das merkte ich erst jetzt. Meine geliebte Frau und ich hielten uns zurück, meine Autorität und mein Führungsanspruch hatten seit Klaus’ Weggang gelitten. Meine geliebte Frau hatte diese Entwicklung augenscheinlich kommen sehen, daher war sie so aufgebracht gewesen, als ich ihr die Nachricht überbrachte, dass Klaus uns verlässt. Mir machte das Machtvakuum in meinem Inneren nicht viel aus, ich bin deprimiert und habe keine Lust, den anderen zu sagen, dass sie sich am Riemen reißen sollen und mehr Disziplin an den Tag zu legen haben. Sven geht seinen eigenen Weg, er murmelt in sich hinein, jagt vom unteren Deck aus Tiere an Land, die er nur gelegentlich an Bord hievt, und redet immer weniger mit uns. Kurz vor der Abenddämmerung am Dienstag, den 13. April 2032, wir überflogen gerade Venezuela auf dem Weg nach Norden, um wieder den Sommer auf der Nordhalbkugel zu verbringen, erlegte er auf den Hochebenen mit seinem Zielfernrohrgewehr einen jungen Tapir. Tapire sehen mit ihrem Rüssel fast aus wie Schweine, sind aber Dickhäuter und gehören aber zu den Unpaarhufern. Die Jungtiere haben ein braunes Fell mit hellen Längsstreifen, ähnlich dem der Frischlinge unserer europäischen Wildschweine. Es ist ungewöhnlich, Tapire tagsüber zu sehen, Jungtiere sind anscheinend zeitlich früher aktiv. Sven gab diesmal über seinen iTempt™ zu mir durch, dass er Beute gemacht hatte, ich saß gerade zufällig am Steuer. Ich flog eine Kurve, um das Abendessen aufzusammeln. Zu diesem Zweck ließ ich die Hyperborea knapp über dem Boden schweben an der Stelle, die mir Sven anzeigte. Er stieg aus, nahm die Beute an sich und stieg schnell wieder ein. Als er damit in die Küche ging, hörte ich in dem Vorderraum, in dem ich es mir mit meinem iTempt™ und den Navigationsinstrumenten bequem gemacht hatte, wie Beata Nalga ihn anschrie:

„Du Schwein, hast ein Schwein umgebracht! Schon wieder! Wie oft habe ich dir gesagt, dass das nicht nötig ist! Wir haben genug zu essen! Du bist ein herzloser Mörder! Wegen Menschen wie dir ist die Welt so geworden, wie sie ist!“ usw. und so fort. Sie klang regelrecht hysterisch, irrational. Sven Maven versuchte, mit ihr zu reden, sie zu beruhigen, Argumente vorzubringen. Es war zwecklos, sie steigerte sich mehr und mehr in ihre Rage hinein.

„Das ist kein Schwein, das ist ein Jungtapir. Er schmeckt gut. Er ist ein Pflanzenfresser, die sind geboren, um gejagt zu werden…“ Er kam zu ihr nicht durch. Sie schrie unbeeindruckt weiter:

„Du elendes Stück Dreck! Wieso lässt du das Jagen nicht endlich sein! Wie oft soll ich dir noch sagen, dass du kein Recht dazu hast!“ Immer weiter und weiter. Nicco Gassi sekundierte weiterhin eifrig nickend an ihrer Seite, als meine geliebte Frau von unten und ich aus dem Vorderraum gleichzeitig in die Küche kamen, um zu sehen, was los war und notfalls zu schlichten. Beata hatte sich derart in ihrer Wut gesteigert, dass sie anfing, Gegenstände um sich zu werfen. Die Katzen, die sich für gewöhnlich gern in der Küche aufhielten, wenn jemand anders da war, rannten mit gesträubtem Fell und dicken Schwänzen davon.

„Du bist ein Ungeheuer! Ein Monster!“

Langsam wurde es Sven Maven zu viel, er rang um Fassung.

„Ihr Doppelpack wollt mir vorschreiben, was ich zu tun und zu unterlassen habe?“ Seine Stimme war viel stärker als Beatas, auch ohne kreischen zu müssen, ein satter Ton. Er war sehr gut zu verstehen, jeder wusste sofort, wie das Wort „Doppelpack“ gemeint war, selbst Beata, die nicht zu schreien aufgehört hatte. „Du Intrigantin erdreistest dich mit deinem Arschkriecher von Schoßhündchen mein Verhalten zu beurteilen? Du und dein paranoides Häuflein Neurosen! Was wollt ihr Esoteriker mir schon sagen, hä? Mit welchem Recht redest du überhaupt mit mir, du intrigierende Verleumderin?“ Die Reaktion brachte Beata Nalga noch mehr in Rage. Getroffene Hunde bellen. Sie drehte sich in meine Richtung, gegen mich.

„So?!? Käpt’n Nemo kommt zum Gaffen? Sein kleines Lustmörderriesenbaby verteidigen? Weiß er denn nicht, dass Nemo „niemand“ bedeutet?“ Nein, das war mir noch nicht aufgefallen, na und? dachte ich mir. Ich hatte bisher nichts gesagt, meine geliebte Frau auch nicht. Beata keifte im Singsang mit noch lauterer, künstlich affektierter Stimme im Falsett weiter: „Was sucht Käpt’n Nemo bei uns? Mit seinem spinnerten Weib dazu, allein kann er es nicht? Natürlich nicht, er ist und bleibt ja nichts als ein Niemand. Er traut sich gar nichts zu!“

Wir konnten sie nicht beruhigen. Jetzt stimmte Nicco mit ein, schrie mit ihr um die Wette, beide gegen Sven Maven; meine geliebte Frau und ich versuchten dazwischenzugehen, aber die Auseinandersetzung wäre, glaube ich, nicht gut ausgegangen, wenn nicht Herr Augsburger mit einer tragischen Nachricht dazugekommen wäre. Wir hatten ihn zunächst nicht wahrgenommen, aber als er leise aber deutlich sprach, herrschte plötzlich Stille.

„Ali ist gestorben.“

Fakten, halte dich an die Fakten! Herr Augsburger blieb konsequent Buchhalter bis zuletzt. Wir standen alle wie versteinert da, dann schmiss Beata Nalga Maloumie die Schüssel, die sie in der Hand hielt, mit Gewalt gegen Sven Maven, der sich rechtzeitig ducken konnte, und verließ stampfend den Raum. Nicco blieb eine Sekunde unschlüssig stehen, sogleich lief er ihr nach. Wir blieben zu viert in der demolierten Küche zurück, zunächst sprachlos. Schließlich umarmte meine geliebte Frau Herrn Augsburger, Sven Maven sank zu Boden. Der junge Tapir blieb auf der Anrichte, wir haben ihn nicht gegessen. Es wurde dunkel draußen.

Wenn es stimmt, dass jedes Schiff eine Arche ist, sollte ich nicht Nemo sondern Noah als meine Archetypen betrachten. Wenn ich mir darüber hinaus die Crew anschaue, die Menschen, die übrig geblieben sind, unsere zwei Katzen und Foc, den Hund, kommt mir der Gedanke, ich wäre ein Versager. Von der Hyperborea kann nichts Gutes mehr kommen.

i „Das Glück ist eine heiße Waffe.“
ii „Jesus starb für jemandes Sünden – aber nicht für meine!“

 

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