LXXXVII. Mord und Totschlag

Wer im Gedächtnis seiner Lieben lebt, der ist nicht tot, der ist nur fern.
Tot ist nur, wer vergessen wird.
Immanuel Kant

Wir flogen die ganze Nacht langsam weiter in Richtung Nordwesten. Zunächst überflogen wir die Karibik, dann erreichten wir die Halbinsel Yucatán, ehemals Mexiko. Der Morgen graute, die Sonne würde in weniger als einer Stunde aufgehen. Ich hatte kaum geschlafen, lange hatte ich mich mit meiner geliebten Frau über das Geschehene unterhalten, im Anschluss daran hatte ich allein weiter gegrübelt. Was hatte Beatas Ausbruch zu bedeuten? Erging es uns jetzt mit Verspätung wie dem Rest der Welt zuvor? Verloren wir die Contenance oder gar die Kontrolle? Am frühen Morgen entschloss ich mich, diese Gedanken beiseitezuschieben, ich nahm mir vor, später ein Friedensplenum zur Versöhnung einzuberufen. Andernfalls würden wir die Gruppe trennen müssen. Klaus war bereits abgesprungen. Jetzt steuerte ich auf die Küste zu. Wir landeten die Hyperborea an einem wunderschönen Strand und brachten Alis Leiche heraus. Der gestrige Streit war vertagt, Herr Augsburger trug Alis leblosen Körper, in ein einfaches weißes Tuch gewickelt, und setzte ihn auf dem sandigen Boden nahe der Brandung ab. Wenn man tot ist, ist das wenigstens ein schöner Platz, um begraben zu werden, fuhr es mir durch den Kopf. Meine geliebte Frau blieb auch heute mit Foc und den Katzen an Bord, wir anderen fünf waren vollständig vertreten. Alle hatten rote Augen, niemand sagte etwas, als Sven Maven die Schaufel nahm und nach einem kurzen Zögern, wir waren schließlich alle unerfahren in diesen Angelegenheiten, zu graben begann. Der Sand war weich, nach kurzer Zeit kamen kleine weißliche Eier zum Vorschein. Sven grub weiter, bis Beata die Eier bemerkte. Sie schrie auf:

„Stopp! Das sind Schildkröteneier!“

„Wie bitte?“ Sven Maven war mindestens so verdutzt wie wir anderen. Als er keine Anstalten machte, mit dem Graben aufzuhören, trat Beata vor und riss ihm die Schaufel aus der Hand. Er ließ es zunächst verwundert geschehen, er verstand nicht, was geschah. Ich glaube, er hatte die Eier gar nicht bemerkt. Beata schubste ihn mit dem Schaufelstiel mit all ihrer Kraft zu Boden und schlug unvermittelt von oben mit der Schaufel auf ihn ein. Sie traf ihn am Kopf, er rührte sich augenblicklich nicht mehr. Herr Augsburger ließ Ali fallen und trat entsetzt näher. Das war die falsche Reaktion, denn nun schlug Beata auf ihn ein und traf ihn an der Schulter. Alles ging jetzt sehr schnell. Herr Augsburger stolperte zurück, die linke Hand auf der blutenden rechten Schulter, fiel zu Boden und stand sogleich wieder auf. Beata schaute in meine Richtung, ich hatte mich noch nicht bewegt. Ihre Augen waren weit geöffnet, Speichel lief ihr aus dem Mund. Herr Augsburger eilte zum Schiff, Nicco verfolgte ihn, Beata und ich blieben stehen und starrten uns gegenseitig an. Ich hatte keine Angst, allerdings auch keine Waffe, um mich zu verteidigen, das war mir bewusst. Ich sah alles sehr klar. War ich dadurch, dass ich unbewaffnet war, im Vor- oder im Nachteil, ging es mir durch den Kopf. Sie atmete schwer, in kurzen Stößen. Während Nicco Gassi hinter Herrn Augsburger herrannte, holte er ein Messer aus seinem Hosenbund. Ich wusste gar nicht, dass er eines mit sich trug. Ich achtete konzentriert auf Beata, die vor mir bedrohlich die Schaufel schwang; ich sah nur aus den Augenwinkeln, dass Nicco Gassi Herrn Augsburger eingeholt hatte und wiederholt auf ihn einstach. Ich überlegte, regungslos. Beata hielt die schwere Schaufel mit beiden Händen halb in die Höhe, sie war nach vorn gebeugt. Wenn sie mich schlagen wollte, würde sie ausholen müssen, um Schwung zu bekommen. Wenn sie die Schaufel nach hinten riss, das wurde mir klar, würde ich mich auf sie schmeißen müssen, um ihre Kraft gegen sie zu nutzen, dann würde ich die Oberhand behalten. Das müsste aber bald geschehen, denn wenn Nicco Gassi ihr zu Hilfe kommen sollte, wären sie zu zweit und ich allein, das wäre für mich schwierig. Die Initiative lag bei ihr. Nicco stach nach wie vor auf Herrn Augsburger ein. Plötzlich fiel ein Schuss. Nicco sank zu Boden, die Hände um seinen Oberschenkel geklammert, das Messer glitt ihm aus der Hand. Meine geliebte Frau stand auf der Rampe zur hinteren Ladeluke der Hyperborea, das Gewehr, mit dem Sven den Tapir erlegt hatte, geschultert. Sie holte die Waffe nach vorn und lud nach, das Geräusch war metallisch, knackend, beinahe so bedrohlich wie der Schuss, und zielte auf Beata. Ich entfernte mich im Rückwärtsgang von ihr, sie blieb stehen, immer noch schwer atmend, die Schaufel weiterhin fest im Klammergriff. Ich ging an Nicco Gassi und Herrn Augsburger vorbei zum Schiff und sah, dass Herr Augsburger blutüberströmt am Boden lag. Nicco war kaum drei Meter entfernt, sein Messer lag im Sand zwischen uns. Er blutete auch, aber er würde es überleben, sofern sich die Wunde nicht entzündete und keine wichtige Ader am Bein getroffen wurde. Ich kniete neben Herrn Augsburger, meine geliebte Frau hielt den Gewehrkolben nach wie vor auf die Schulter gestützt, den Finger am Abzug, beide Augen offen, wortlos auf Beata zielend, Nicco im Blick. Herr Augsburger war nicht mehr bei Bewusstsein, die Atmung setzte sogleich aus. Der Sand war blutgetränkt, er hatte keine Chance mehr. Ich stand auf und ging stolpernd im feinen Sand in Richtung Sven Maven, der reglos am Boden lag. Er hatte eine tiefe Wunde am Kopf an der Stelle, an der die Schaufel ihn wie eine Axt getroffen hatte, sie blutete stark. Beata beäugte mich, schaute in Richtung meiner geliebten Frau, sah, dass diese sie fest im Blick hatte, und bewegte sich nicht. Sie lauerte, schwer atmend, ihre Hände drehten nervös den Schaufelgriff. Ich versuchte, Sven aufzuheben, aber er war zu schwer. Ich packte ihn unter den Achseln und zog an ihm, schleifte ihn rückwärts mühsam zur Hyperborea an Nicco vorbei und stieg die Rampe hinauf. Das Messer ließ ich liegen, das sollten sie behalten. Sie würden es gebrauchen können, am besten gegeneinander. Ich spürte einen unbändigen Hass auf Beata und Nicco. Sie waren nun allein am Strand, ihre Habseligkeiten befanden sich alle an Bord bis auf das, was sie bei sich trugen: leichte Kleidung, eine Schaufel, ein Messer und was auch immer sie in den Taschen mit sich führten. Ich wünschte ihnen lauthals, sie mögen fortziehen und fruchtbar sein, wofür ich auf Englisch nur zwei einsilbige Wörter brauchte, die ich in ihre Richtung herausbrüllte. Meine geliebte Frau zielte weiterhin, scheinbar ruhig, auf Beata. Ihr Blick hielt mithilfe des Gewehrs Beata in Schach. Ich nahm den iTempt™ meiner geliebten Frau und wies Deep Doubt an, die Hyperborea zunächst in die Höhe, anschließend weiter ins Landesinnere zu manövrieren. Herr Augsburger und Ali blieben unbegraben zurück – einer in einer roten Pfütze, der andere in einem weißen Laken. Beata Nalga und Nicco blieben ebenso zurück, waren aber noch am Leben. Wir würden sie in den nächsten Tagen mit verschiedenen Augen im Auge behalten. Sobald wir einige Meter über dem Boden und die Flugkoordinaten eingegeben waren, nahmen meine geliebte Frau, die noch immer kein Wort gesagt hatte, und ich gemeinsam Svens reglosen Körper und brachten ihn nach oben. Unterwegs tropfte sein Blut.

In seinem Zimmer angekommen, legten wir Sven auf sein Bett und versuchten, die Wunde auf seinem Schädel zu säubern und zu desinfizieren. Beata hatte ihn mit der Schaufel voll getroffen und seine dicke Schädelplatte über dem linken Ohr, zwischen dem Temporalknochen und dem Parietalknochen, tief gespalten. Er blutete stark und atmete schwer. Sein Puls war schwach und schnell. Wir blieben den ganzen Morgen bei ihm, verbanden die Wunde, so gut wir konnten, waren jedoch nicht in der Lage, die Blutung zu stillen, und fühlten uns hilflos. Gegen Mittag bekam er Krämpfe, öffnete die Augen, rief nach seiner Frau und starb, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben.

Sven Maven bestatteten wir ohne Zeremonie in der offenen Karibik, südlich der Insel Kuba. Wir wickelten ihn in ein weißes Tuch und ließen in aus geringster Höhe ins Wasser gleiten. Die Gewichte an seinen Füßen rissen ihn schnell in die Tiefe, im Nu war er nicht mehr zu sehen; es blieben nur einen kurzen Moment lang ein paar Bläschen an der Wasseroberfläche, kurz darauf verschwanden auch die. Unsere Gruppe der Überlebenden hatte sich in nichts aufgelöst.

Nun waren meine geliebte Frau und ich endgültig allein an Bord. Seitdem ich am Morgen mit dem verletzten Sven an Bord gekommen war, hatten wir kaum ein Wort gewechselt. Wir schwiegen weiter. Ich wusste gar nicht, dass meine geliebte Frau schießen konnte.

 

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