VII. Alois Augsburger

Meine geliebte Frau übernahm also den Aufbau der Firma. Wir engagierten nach und nach einen Ingenieur, einen Elektronikexperten, einen Rechtsanwalt, eine Sekretärin und zwei Monteure. Kleiner ging es nicht. Wir machten uns sofort an die Arbeit. Rattatán war insofern ein Erfolg, als es die Machbarkeit meiner Idee bewies, aber es war bei dem Material nicht skalierbar und nicht in Serie herzustellen. Dem Ingenieur oblag es, beides zu korrigieren.

Peddigrohr eignet sich nicht zur Serienfertigung, weil es ein natürliches Material und daher unregelmäßig ist und weil es sich nicht maschinell bearbeiten lässt. In dieser Hinsicht ist es vergleichbar mit Garnelenschwänzen, die sich auch nicht effizient maschinell schälen lassen. Die erste Serie unserer kleinen unbemannten Luftschiffe sollte modern werden, wegweisend für die späteren, größeren Modelle: Mir schwebten Nanokohlenstofffaser-Vebundwerkstoffe vor. In meinem Kopf ging ich von der klassischen Zigarrenform aus und plante sechs runde Teile, die durch entsprechende Distanzelemente den sich ändernden Querschnitt des Luftschiffes bestimmen sollten. Zwischen den zwei zentralen Teilen sah ich die Gondel vor, in der sich die Batterie, die Steuerelektronik und die Funkverbindung befinden sollten; an beiden Enden stellte ich mir spitze Nanokohlenstofffaser-Elemente vor, um die Spitzen abzurunden und die Aerodynamik zu verbessern. Damit wäre der Ingenieur, Klaus Klaasen heißt er, schon beschäftigt, aber die dringendste Arbeit kam erst noch auf unseren frischgebackenen Rechtsanwalt, Herrn Alois Augsburger, zu. Herr Augsburger war ein schüchterner, freundlicher Mann Mitte dreißig, seine Referenzen waren mehr als gut, der Umgang mit ihm war auf dem ersten Blick unproblematisch, nur Sinn für Humor und Ironie schienen ihm abzugehen. Ich nahm mir vor, ihn bei unserem Gespräch und mit meinen Vorgaben nicht zu überfordern; ich versuchte, meine Anweisungen so klar wie irgend möglich auszudrücken. Ich muss zugeben, ich war mir nicht sicher, ob ich ihn mochte.

„Guten Tag, Herr Augsburger. Nehmen Sie bitte Platz!“

„Guten Tag, Herr Lux. Gerne, vielen Dank.“ Er setzte sich auf den angebotenen Stuhl, ohne mit dem Rücken die Lehne zu berühren, steif wie ein selbstgerechter Gottesfürchtling.

„Meine Frau hat Ihnen schon einiges erklärt, glaube ich. Wir wollen jetzt möglichst schnell die ersten Schritte hinter uns bringen, um uns dann auf unser eigentliches Vorhaben konzentrieren zu können. Wollen wir loslegen?“

„Selbstverständlich! Wie möchten Sie vorgehen?“

„Als Erstes möchte ich, dass Sie alles Nötige in die Wege leiten, um eine Firma zu gründen. Wie Sie schon wissen, ist es unser Ziel, Luftschiffe zu bauen. Wir werden aus Kostengründen aber mit unbemannten Geräten beginnen. Nebenbei wird die neue Firma Ihr Arbeitgeber sein, nicht ich. Arbeiten Sie bitte Ihren Anstellungsvertrag aus und die für die anderen Mitarbeiter. Nach Lage der Dinge und nach meinen Informationen scheint es das Beste, eine GmbH nach deutschem Recht zu gründen. Ich möchte die Firma Luftjacht GmbH nennen. Sollten andere Möglichkeiten in Betracht kommen, eine GbR, eine Kommanditgesellschaft oder ähnliches, erwarte ich eine kurze Darstellung der Vor- und Nachteile der jeweiligen Rechtsform. Der Name muss eingetragen und die Nutzung international gesichert werden. Nutzungsrechte der Übersetzungen und Varianten des Namens müssen ebenfalls eingetragen und gesichert werden, ich will keine Trittbrettfahrer. Ich denke an Luftjacht, Luftjachten, Aeroyacht, Aeroyachtes, Aeroyate, Aeroyates usw.“ Herr Augsburger schrieb mit krakeliger Handschrift alles mit. „Auch die dazu passenden Internetdomainnamen mit den Endungen .de, .eu, .com, .es, .fr, .co.uk, .co.jp, .org, .biz, .fly, .ru, .it, .air usw. und so fort. Die Rechte werden auf den Namen der Firma eingetragen. Die Firma soll mir und meiner Frau zu gleichen Teilen gehören. Es werden Zahlungen zu leisten sein – sagen Sie mir Bescheid, wenn diese fällig werden. Sobald die Firma eingetragen ist, richten Sie ein Konto ein.“

„Ist notiert, kein Problem.“

„Bis wir Sie anderweitig brauchen, können Sie auf die Sekretariatsdienste von Frau Maloumie zurückgreifen. Sobald die Arbeit im Unternehmen zunimmt, werden wir mehr Verwaltungspersonal hinzuziehen, aber vorerst bleiben wir so klein wie möglich.“

„Verstanden! Ich mache mich gleich an die Arbeit.“

Herr Augsburger verließ den Raum. Meine geliebte Frau und ich blickten uns an.

„Das wäre somit in die Wege geleitet.“

„Komischer Kerl“, sagte ich. „Sympathisch ist anders…“

„Wenn Rechtsanwälte sympathisch sind, können sie nicht gut sein. Rechtsanwälte müssen Schweine sein. Mir kommt Herr Augsburger eher zu anständig vor.“ Meine geliebte Frau teilte meine Vorurteile bezüglich der Rechtsanwälte, jedoch nicht meine Vorbehalte gegen Herrn Augsburger. Es war auch eher eine Ahnung, ein ungutes Gefühl, kein greifbarer Vorbehalt. Ich wollte deswegen keine Diskussion beginnen und wiegelte ab:

„Reines Theater! Das lernen sie in der Rechtsfakultät kurz nach dem Vordiplom. Na ja, solange die fachliche Qualifikation stimmt… Egal. Jetzt müssen wir noch dem Ingenieur…, wie heißt er noch mal?“

„Klaus Klaasen…“

„Ja, Herr Klaasen. Mit dem müssen wir klären, wie wir die kleinen Schiffe bauen und welches Werkzeug dafür anzuschaffen ist.“

„Ich rufe ihn an.“

Ich überflog Herrn Klaasens Daten und seine Bewerbung: Entwickler des vierrädrigen Rollers von BMW, dem QuadScooter, eine Weiterentwicklung des alten C1-Modells, als Kreuzung zwischen der Piaggio mit den zwei Rädern vorn (eine Firma, die BMW scheinbar eigens wegen dieses Konzeptes gekauft hatte) und der Honda Gyro, die mit den zwei Rädern hinten. Die BMW war elektrisch angetrieben, wurde mit einem Solardach ausgestattet, was gerade für Pendler auf relativ kurzen Strecken die Transportkosten praktisch abschaffte, jedenfalls behauptete das die Werbung und in südlichen Ländern soll es im Sommer sogar gestimmt haben – ja, sehr pragmatisch alles. Wenn nur die Hälfte der Ideen seine Handschrift trug, war Herr Klaasen zweifelsohne der richtige Mann für unsere Aufgabe. Die Betätigungsfelder waren verwandt, das konnte immerhin nicht schaden.

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