VIII. Klaus Klaasen

„Guten Tag, Herr Klaasen. Nehmen Sie bitte Platz!“

„Danke.“

Herr Klaasen war schon etwas älter, ein altmodischer Mensch, der Augenlaserchirurgie ablehnte und immer noch Brille trug. Hager, die spärlichen, leicht ergrauten Haare nach hinten gekämmt, in Grau gekleidet. Herr Klaasen war schüchtern und fühlte sich nicht wohl unter Menschen. Er sah so aus, als ob ihm eine Pfeife im Mund gut zu Gesicht stehen würde, aber heutzutage rauchte niemand mehr Pfeife. Er hatte – den Unterlagen zufolge – die Qualitäten, die ein Ingenieur braucht: Er war gewissenhaft, beinahe penibel, geduldig und neugierig.

„Ich möchte Ihnen Rattatán zeigen, damit Sie eine genauere Vorstellung haben von dem, was wir vorhaben und was wir von Ihnen erwarten.“

„Ich bin sehr gespannt.“

Ich führte Herrn Klaasen ins Freie in den Hinterhof, meine geliebte Frau blieb in der Halle. Es war ein kalter Tag, klar und windstill, der Frühling war kaum in der Luft als Sehnsucht zu erahnen. Ideale Bedingungen. Ich hatte über Nacht die Batterien vollständig geladen. Rattatán flog ruhig durch den Hof hinter der kleinen Halle, die vorläufig noch als Werkstatt diente, und ließ sich einwandfrei steuern. Herr Klaasens Augen leuchteten auf. Das war offenbar ein Spielzeug nach seinem Geschmack.

„Das haben Sie gebaut?“

Ich lächelte: „Sagen Sie ruhig, dass es Pfusch ist. Ich will, dass Sie es besser machen, und serientauglich soll es werden!“

Er errötete leicht, als ob ich ihn bei einem peinlichen Gedanken ertappt hätte. Er schaute weiter auf Rattatán und rieb sich am Kinn.

„Wie groß soll die Serie werden?“

„Sehr groß und später soll es skalierbar sein. Immer größer. Immer leistungsfähiger.“

„Hmmm….“

Ich gab Herrn Klaasen die Fernbedienung und ließ ihn mit Rattatán spielen.

„Wie lange brauchen Sie, um mir anwendbare Pläne vorzulegen? Die ersten Modelle sollen sehr einfach sein. Ich denke, wir kommen nicht um Kohlenstoff-Faser herum, der Antrieb sollte elektrisch bleiben und die Stromversorgung mit Fotovoltaik erfolgen oder wenigstens stark mit Sonnenenergie unterstützt werden.“

„Geben Sie mir eine Woche – mal sehen, was ich hinkriege! Wenn es Ihnen Recht ist?“ Er lächelte nach wie vor, während er weiter das Luftschiffchen im Hof hin und her steuerte. Ich hatte es auch nicht eilig und sah ihm dabei zu.

„Selbstverständlich ist es mir recht! So schnell wird Herr Augsburger sicher nicht die Formalitäten erledigt haben. Noch haben wir die Firma nicht gegründet und Sie sind gar nicht unser Angestellter. Sie haben von uns nur ein Versprechen.“

„Aber Sie meinen es ernst, dieser Umstand reicht mir. Bei BMW bin ich nicht mehr, also, was soll ich sonst tun?“

Ich musste lachen.

„Mir ist es sehr recht, dass Sie nicht mehr bei BMW sind. Allerdings wundert es mich schon ein wenig. Sie haben doch hier in Spandau bei Berlin an der Entwicklung des QuadScooters mitgewirkt, das ist doch ein interessantes Projekt…“

„Mitgearbeitet ist gut, ich war praktisch der koordinierende Leiter.“

„Ich habe selber einen QuadScooter, das Modell mit dem Sonnenkollektordach. Ich liebe es, damit zu fahren. Viel bequemer und sicherer als meine alte BMW mit Verbrennungsmotor. Für die Stadt unübertroffen.“

„Ich fasse das gerne als Kompliment auf. Es ist in der Tat ein sehr schönes Fahrzeug, es fährt sich sehr bequem, sicher und sparsam und macht dennoch Spaß. Es war ein großer Erfolg; ich bin stolz darauf, eine neue Produktkategorie mitentwickelt zu haben und die Herren vom Vorstand davon überzeugt zu haben, das Gerät zu bauen. Es war nicht einfach, eine Konzeptstudie in die Produktion zu überführen.“

„Sind Sie deswegen bei BMW ausgestiegen? Weil der Vorstand Ihnen nicht die Unterstützung gab, die Sie sich gewünscht haben?“ Ich sollte lieber nachdenken, bevor ich rede, dachte ich sofort. Hoffentlich ist Herr Klaasen nicht der Meinung, wir misstrauen ihm. Als er weiterredet, während er Rattatán nicht aus den Augen lässt, die Hände an den Hebeln der Fernbedienung, klingt seine Stimme ein wenig wehmütig.

„Am Ende haben wir ein exzellentes Motorrad gebaut. Es sah revolutionär aus mit seinen vier Rädern und war es auch, aber eher wegen des Antriebs. Die vier Räder haben wir aus zwei verschiedenen, bereits in der Praxis erprobten Konzepten kopiert.“

„Die Honda Gyro und die Piaggio“, ergänzte ich. Herr Klaasen sah mich belustigt an.

„Die Honda Gyro? Die kennen Sie? Waren Sie schon öfter in Japan?“

„Ist schon lange her, es fanden dort interessante Erfindertagungen statt. Anders als die in den USA. Die Dreiräder haben mir gut gefallen. Die Verwandtschaft zum QuadScooter ist deutlich.“

„Es ist jedoch eine indirekte Verwandtschaft. Die Idee, ein Motorrad mit einem kleinen Motor auszustatten, mit dem zwei Hinterräder angetrieben werden, stammt ursprünglich von einem Herrn George Wallis, der zusammen mit seinem Sohn Tony Wallis und einem Herrn Stan Jackson die Firma G. L.Wallis & Son in Surbiton, Surrey, führten. Die haben die Idee bereits im Jahre 1966 entwickelt und patentiert. Die erste Lizenz kaufte die Firma BSA, die mit diesem Antrieb 1970 das Modell Ariel 3 bestückte. Leider erfolglos, war ein schönes Ding – ein typisches 70er Jahre Design, ganz eckig, oft orange lackiert. Leider hat es BSA miserabel vermarktet, sie haben nicht genügend auf die Qualität geachtet. Dann wurde es Honda in Lizenz angeboten und sie haben es im Fernen Osten ab 1983 gut verkauft. BMW hat die Lizenz nicht von Honda, sondern von der G. L. Wallis & Son erworben.“

„Ach so. Aber die Vordergabel mit den zwei Rädern hat sie von Piaggio?“

„Ja, das ist direkt von Piaggio übernommen. Ich glaube, BMW hat seinerzeit Piaggio nur aus diesem Grund erworben. Sie wollten diese Technologie haben. Oder aber, um zu vermeiden, dass sich VW eine Motorradmarke einverleibt, den einzigen fahrbaren Untersatz, der in ihrer Modellpalette bis heute fehlt – die Gerüchte gab es auch. Egal. Dabei wäre es ein Leichtes gewesen, eine viel bessere Vorderradaufhängung für ein doppeltes Vorderrad zu entwickeln.“

„Das funktioniert aber eigentlich recht gut, jedenfalls bei mir…“

„Es funktioniert nicht schlecht, sonst hätten wir ohnehin keine TÜV-Abnahme bekommen. Aber viel zu kompliziert. Haben Sie es schon mal auseinandernehmen müssen? Die reinste Fummelei, beim Nachjustieren ohne Sonderwerkzeug können Sie es gleich vergessen! Der Schwenkmechanismus besteht aus vier Aluminiumguss-Spurstangen, die mit vier Gelenken am Rahmen befestigt – oder angelenkt, wie wir sagten – sind. Außerdem gehören auf jeder Seite zwei Längslenker zur Parallelogramm-Radführung, die über Gelenkbolzen und Gelenkkugeln befestigt sind. Lauter Gelenke; nichts, woran man sich verlässlich orientieren könnte! Die Lenkung arbeitet mit je einer Spurstange auf jeder Seite der Radaufhängung. Zudem gibt es den Arretiermechanismus für niedrige Geschwindigkeiten und zum Parken. Vergleichen Sie es mit den hinteren zwei Rädern: eine Wanne mit zwei Rädern, jede mit einem getrennt steuerbaren Nabenmotor, dazu die Stromspeicher, schön schwer, mit einem ganz tiefen Schwerpunkt, das Ganze an den eigentlichen Rahmen des QuadScooters mit einem einzigen Gelenkbolzen verbunden, mit einer einfachen Federung. Das ist elegant.“i

„Aber der QuadScooter war letztendlich doch ein Riesenerfolg.“

„Ja, das hat die Herren vom Vorstand selbst überrascht. Nur meine ich, dass es viel besser hätte verkauft werden müssen. Die Führung war vom Erfolg überrascht. Die Firma dachte lange nur daran, mit dem QuadScooter die CAFE-Statistik für die USA zu verbessern.“

„Gilt die CAFE-Verordnung etwa noch?“

„Das ist das reinste Chaos, gerade mit all den verschiedenen Antrieben, die es neuerdings gibt. Ursprünglich hieß es auf amerikanischem Englisch „Car Average Fuel Economy“ – ein bürokratisches Ungetüm. Eine US-Behörde zählte die verkauften PKWs und ermittelte den durchschnittlichen Kraftstoffverbrauch aller Modelle, aber nicht, wohlgemerkt, die Emissionen. Die Yanks messen dabei nicht wie wir den Verbrauch pro hundert Kilometer, sondern die Reichweite pro Gallone, aber das eine lässt sich in das andere umrechnen. Sie unterscheiden auch nicht, ob Benziner oder Diesel. Dann kamen Hybrid und Brennstoffzellen auf den Markt, Benzin wurde zunächst mit Methanol gestreckt und letztlich ganz durch Methanol ersetzt, Diesel durch Biodiesel, die Brennstoffzellen wurden mit Wasserstoff oder später mit Methan betrieben, na ja, die ganze Palette halt. Und da denken sich die vom Vorstand, wenn wir den QuadScooter, der ja schließlich vier Räder hat, als Auto deklarieren, dann senken wir ganz gewaltig den durchschnittlichen Flottenverbrauch und die Emissionen.“

„Naja, es stimmt schon, dass man QuadScooter mit einem Autoführerschein fahren darf, und es hat vier Räder“, warf ich ein.

„Ja, in der Tat. Das war ein weiteres Verkaufsargument.“ Herr Klaasen lächelte jetzt über das ganze Gesicht, allerdings war es kein fröhliches Lächeln. „Aber die Firma hat sich immer als Konstrukteur von dynamischen Autos und flotten Motorrädern gesehen. Die QuadScooter passten, ungeachtet der Tradition der C1, nie richtig in die Modellpalette und trotzdem haben wir in Spandau sehr gute Fahrzeuge hingekriegt – obwohl München weit ist, trotz der beschränkten Forschungsmöglichkeiten, wider der Konzernleitung, dem Diktat der Design- und Marketingabteilungen unterworfen…“

„Das ist wohl das Schlimmste, was einem Ingenieur passieren kann!“, warf ich ein, schon ein wenig besorgt über den Frust, der sich offenbar bei Herrn Klaasen bei aller Ruhe, die er ausstrahlte, aufgestaut hatte.

„Ja, es ist schon unangenehm, wenn man wider besseren Wissens eine Anlage zur Bremskraftrückgewinnung an den Hinterrädern einbauen muss, weil es die Marketingherren für verkaufsfördernd halten: Es klingt ja so ökologisch. Aber an den Hinterrädern ist die Bremswirkung sehr klein, die Bremsen, die zählen, sind die der Vorderräder. Aber dort kann man keine Bremskraft zurückgewinnen, selbst mit zwei Rädern vorn ist es zu destabilisierend. Aber hinten…! Ich bitte Sie!“

„Wie lange waren Sie letztendlich insgesamt bei BMW?“

„Bei BMW zwölf Jahre, beim QuadScooter-Projekt acht Jahre.“

Rattatán flog seine Kreise im Hof, Herr Klaasen steuerte weiter, aber ich schaute kaum noch zu.

„Hier bei der Luftjachten GmbH haben wir keine Marketingabteilung“, gab ich zu bedenken.

„Das höre ich gerne. Eines Tages werden wir aber eine Marketingabteilung brauchen; ich hoffe, dass sie nicht mehr zu sagen haben wird als die Ingenieure.“ Ich nahm zur Kenntnis, dass Herr Klaasen „wir“ gesagt hatte.

„Das wird niemals der Fall sein, wenn technische Angelegenheiten betroffen sind, das verspreche ich. Wir brauchen irgendwann Einnahmen, ewig können wir nicht vom Startkapital leben, aber das Ziel, das wir verfolgen, ist rein technischer Natur. Wir wollen Luftschiffe bauen. Ich will ein Luftschiff haben, das beste, das wir zu bauen in der Lage sind. Wohlgemerkt nicht das beste, das mir die Marketingexperten erlauben.“

„Ich hoffe, ich kann dabei behilflich sein.“

„Da bin ich mir sicher!“

Herr Klaasen flog die letzten Runden mit Rattatán und versuchte einen Looping. Sein Vorhaben scheiterte – die Motoren waren gleichzeitig zu schwer und zu schwach, die Gondel blieb immer unten. Als wir uns verabschiedeten, war ich sehr gut gelaunt und hatte Herrn Augsburger ganz und gar vergessen.

i Piaggio Webseite: http://www.mp3.piaggio.com/index_de.html
Hondas Gyro Canopy Beschreibung: http://www.honda.co.jp/news/1999/2991019b.html
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