XCII. Biodiversität, weltweit neu gemischt

Avocados brauchten früher große Tiere zum Verbreiten ihrer Samen, zum Beispiel das Riesenfaultier Megatherium – groß genug, um die Samen im Stück schlucken zu können. Als selbiges ausstarb, ob vom Menschen ausgerottet, wie Beata glaubte, oder aus anderen Gründen, was sich heute nicht mehr klären lässti, übernahm der Mensch die Verbreitung der Samen. Heute wachsen Avocadobäume in den meisten warmen Gebieten der Welt, wenn diese nicht zu feucht sind, ohne Menschen jedoch werden es die Bäume nicht leicht haben, sich weiter auszubreiten. Es gibt kaum noch Pflanzenfresser, die einen tischtennisballgroßen Fruchtkern unzerkaut hinunterschlucken können. Erschwerend kommt hinzu, dass Avocados für die meisten Tiere giftig sind, wenngleich nicht für den Menschen. Warum das Toxin Persin für den Menschen nicht giftig ist, für viele Tiere aber schon, weiß ich nicht. Ich weiß auch nicht, warum die Menschen am Aussterben sind, während viele Tierarten zu überleben scheinen, genauso wenig wie ich den Grund dafür weiß, dass ausgerechnet meine geliebte Frau und ich noch am Leben sind. Wir essen oft Guacamole: Wenn wir einen Früchte tragenden Avocadobaum überfliegen oder wenn wir Augen mit Keschern in der Nähe haben, ernten wir viele grüne Früchte und lassen sie je nach Bedarf nachreifen. Die reiferen Früchte am Boden lassen wir liegen, die sind meist angefault, das Fruchtfleisch braun und unappetitlich. In der Kühlkammer halten sich die unreifen Früchte sehr lange. Ich hoffe, das ist gesund. Als Küchenchef war ich schon arbeitsamer.

Andere Tiere, die ich kenne und nicht erkenne, verwildern: Schweine werden in vielen Regionen der Welt ungezähmt und bissig. Foc und die Schüsse meiner geliebten Frau haben mich gelegentlich vor bösen Ebern gerettet. Manche Eber werden über vier Meter lang, die Säue sind kleiner. Schafe werden nach wie vor nicht geschoren, viele gehen am Gewicht der Wolle ein, andere laufen herum wie überdimensionierte Wollmäuse. Ich erlege wieder ein Schaf aus der Luft und hieve es an Bord. Die Wolle wiegt mehr als das Schaft selbst. Das Tier war offensichtlich geschwächt: Es litt unter argem Parasitenbefall. Leber und Lunge sind mit Zysten übersät, die Augen eitrig, die Ohren schorfig mit Pusteln, die Ansätze der Hufe entzündet. Ist ja schlimmer als Massentierhaltung. Beata lag falsch, als sie meinte, es wäre für die Welt besser, wenn es keine Menschen mehr gäbe. Die Welt ist vielfältiger. Ich schmeiße den Großteil des Fleisches weg, nur Teile vom Muskel koche ich gut durch für unsere Tiere, die aber ebenso wenig begeistert sind. Es scheint ihnen nicht zu schmecken. Anderen Schafen geht es besser, sie wurden wohl für die Fleischerzeugung gezüchtet, ihre Wolle wächst nicht ins Unermessliche.

Ein Teil der unzähligen Windkraftwerke dreht sich noch im Wind, viele sind abgebrannt, entweder vom Blitz getroffen oder als Folge der Überspannung. Es könnte sein, dass Windräder die Quelle für den Strom gewesen sind, der Beata erledigt hat. Sehr ökologisch, konsequent bis zum Schluss. Wohin der erzeugte Strom abgeleitet wird, weiß ich nicht. Die Rotorblätter schneiden uns stets aufs Neue Augen entzwei. Wie meiden weiterhin windige Gebiete. Die Hyperborea hält sich von Windfarmen fern.

i Vgl. Eos – le magazine des sciences, N° 12, septembre-octobre 2008, S. 11.

 

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