XCIV. FCKWs und andere Umweltgifte

Tin cans are on the long run deathlier weapons than machine-guns.i
George Orwell

Wer hätte denn gedacht, dass der menschliche Gebrauch von FCKWs (Fluorchlorkohlenwasserstoffe und deren im Vergleich harmlosere chemische Verwandte: Chlorfluorkohlenverbindungen und Fluorkohlenwasserstoffverbindungen) auf der Oberfläche des Planeten die Ozonschicht in der oberen Atmosphäre in 10 bis über 40 Kilometer Höhe zerstören könnte? Genauso unwahrscheinlich (aber man stelle sich das vor!) wäre es gewesen, dass FCKWs ins Erdinnere durchsickern und dort Erdbeben hervorgerufen hätten. Dabei wurden sie bei ihrer Entdeckung für Wunderwaffen gehalten: extrem beständig (später wurde deutlich, dass gerade darin das Problem lag), unbrennbar, geruchlos, durchsichtig und ungiftig oder in sehr geringem Maße toxisch, gut zu handhaben und industriell einsetzbar… Die Liste der vermeintlich positiven Eigenschaften ließe sich lange fortsetzen. General Motors nutzte als erstes Unternehmen diese Eigenschaften ab 1930, erst Mitte der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts wurde deren Zerstörungspotential in der höheren Atmosphäre von F. Sherwood Rowland und Mario Molina von der University of California, Irvine, untersucht.ii Natürlich nahm niemand ernsthaft Notiz davon, dass FCKWs unter dem Einfluss der UV-Strahlen in der höheren Atmosphäre trotz ihrer außergewöhnlichen chemischen Stabilität doch zerfallen, wobei ungebundene Chloratome freigesetzt werden. Diese zerstören dort die Ozonschicht, die Schicht eben, die kurzwellige UV-Sonnenstrahlen von der Erdoberfläche fernhält. Zumindest bis 1985, damals entdeckte der Brite Joe Farman, ein Antarktisforscher, das sogenannte Ozonloch. Kaum zwei Jahre später wurde im Montreal-Protokoll entschieden, FCKWs nicht mehr einzusetzen. Mit vielen Schlupflöchern zwar und langen Übergangsfristen, vor allem für Altbestände, ärmere Länder und dergleichen mehr, aber immerhin. Es gab Zeiten, in denen die Menschen schnell handeln konnten, wenn sie wollten, sofern es eine gangbare Alternative gab. Im Fall der FCKWs hieß die: Chlorfluorkohlenverbindungen (ohne Wasserstoff) und Fluorkohlenwasserstoffverbindungen (ohne Chlor), beides „nur“ etwa ein Zehntel so schädlich. Jemand mit Einfluss verdiente daran. Wenn alles nach Plan verlaufen wäre, hätte die Ozonschicht im Jahre 2060 – den optimistischen Modellrechnungen der Industrie und Wissenschaft zufolge – ihre alte Stärke und Schutzwirkung wiedererlangt. Jetzt, wo die Altbestände an FCKWs, Chlorfluorkohlenverbindungen und Fluorkohlenwasserstoffverbindungen unbewacht sind, sie aus nicht mehr gewarteten Anlagen langsam herausströmen, aus allen Schaumgummis, die mit deren Hilfe aufgeschäumt worden waren und jetzt verrotten, verbrennen und zerrieben werden, wieder freigesetzt werden, sie aus den legalen und illegalen Depots weltweit entweichen, jetzt, ehrlich gesagt, weiß ich nicht, ob das Jahr 2060 realistisch ist. Aber es gibt Schlimmeres:

Man wusste von alters her, dass Blei giftig für Mensch und Umwelt ist. Schon Ibn Sina, im Okzident als Avicenna bekannt, erwähnte vor 1000 Jahren in seinem „Kanon der Medizin“ die giftige Wirkung von Bleifarben, besonders in Verbindung mit Tonschalen und Tellern, wenn man aus diesen trank oder aß – eine Erkenntnis, die dem persischen Emir Nuh ibn Mansur dem Zweiten aus der Samani Dynastie das Leben rettete.iii Er rettete dem Herrscher das Leben aber natürlich nur bis zu seinem natürlichen Tod, der zehn Monate später eintrat, als dieser im Jahre 999 n. Chr. im Kampf fiel.iv Vor Ibn Sina hatte bereits Hippokrates (auf den sich Ibn Sina berief) im Jahre 370 v. Chr. vermutet, dass das Leiden eines kranken Bleibergarbeiters mit seiner Tätigkeit zusammenhing. Nikandros aus Kolophon beschrieb 200 Jahre später die Wirkung verschiedener Gifte in seinen beiden erhaltenen Lehrgedichten, dem Theriaka, bestehend aus 958 Versen über giftige Insekten- und Schlangenbisse, und dem Alexipharmaka, 630 Verse über mündlich aufgenommene Gifte und Gegengifte. Er durfte diese Gifte und Gegengifte, um sie zu studieren, an verurteilten Häftlingen ausprobierenv. Er beschrieb die giftige Wirkung von Bleiweiß, das aus dem Bleikarbonat Cerussit gewonnen wird und trotz seiner giftigen Wirkung lange Zeit zum Bleichen der Haut verwendet wurde, unter anderen von der englischen Königin Elisabeth I. Eine echte edle Adlige: lieber tot als hässlich. Eine weitere Möglichkeit wäre, dass Elisabeth I. mit dem Bleiweiß, das sie mit Essig zu einer Paste vermischte, ihre Pockennarben im Gesicht bedecken wollte. Gerüchten zufolge hat die Königin aus dem Grund nie geheiratet: Sie wollte die Narben, die ihren Körper ihrer Meinung nach verunstalteten, niemandem zeigen.vi Auch Bleioxid beschrieb Nikandros treffend neben vielen anderen Giften, die nicht aus Blei oder Bleiverbindungen bestehen und hier keine Rolle spielen. Was Deep Doubt nicht alles an Informationen bereithält! Tagelang stöbere ich durch die Holospeicherdatenbänke, man könnte sich darin glatt verlaufen, wenn sie nicht virtuell wären!

Mit Häftlingen experimentierte gleichermaßen Mithridates VI., genannt Eupator Dionysos oder einfach und bescheiden nur der Große, König von Pontos in Kleinasien im 1. Jahrhundert v. Chr., aber ihn interessierten nicht die Häftlinge oder deren Tod, sondern in erster Linie die Wirksamkeit möglicher Gegengifte. Scheinbar fürchtete er sehr, vergiftet zu werden, er wird schon gewusst haben, aus welchem Grund. Aus dieser Furcht heraus immunisierte er sich gegen viele Gifte, indem er zum einen seinen Körper mit langsam steigenden Dosen allmählich an sie gewöhnte, zum anderen indem er prophylaktisch täglich Gegengifte zu sich nahm. Mit der Folge, dass er sich – zumindest der Legende nach, wie sie Appian in seiner Geschichte Roms schildert – nicht mehr selbst vergiften konnte, als in seinen Augen die Zeit dafür reif gewesen wäre.vii Seine Leibgarde musste ihn mit dem Schwert umbringen, um ihm die Schmach zu ersparen, als Besiegter in Rom im Triumphmarsch vorgeführt zu werden. Ebenfalls ein Merkmal der edlen Geschlechter: lieber tot als erniedrigt. Immerhin, so viel Anstand musste wohl sein, ließ er sich selbst umbringen, anstatt jemand anderen umbringen zu lassen. Lieber ein Ehrenselbstmord, auch wenn er von den eigenen Soldaten auf Befehl verübt werden muss, als ein Ehrenmord. Mit Blei jedoch hatte das nichts mehr zu tun. Mithridates VI. gab den Gegengiften im Allgemeinen seinen Namen, aber für manches Gift gibt es eben kein Gegengift.

Im Mittelalter nannte man das von giftigem Blei verursachte Leiden Saturnismus, weil Alchemisten früher Blei als das Element des Saturn betrachteten. Ist ja eine vertretbare Ansicht, jedenfalls innerhalb des damals herrschenden Weltbildes, auch wenn diese Meinung keinerlei umsetzbare Auswirkungen zur Folge haben konnte. Weil sie so irrelevant ist, dass sie nicht einmal falsch ist. Jahrhunderte später wurden immer wieder Spekulationen aufgewärmt, nach denen der Untergang des Römischen Reiches an den Bleiwasserleitungen und der daraus resultierenden schleichenden Bleivergiftung der römischen Bevölkerung gelegen haben könnte. Ich erinnere mich noch gut daran, als in Berlin vor wenigen Jahrzehnten dieses Thema hochkochte und alle wissen wollten, aus welchem Material die Wasserleitungen in ihren Wohnungen bestanden. Nun: in der Regel aus Blei. In diesem Fakt den Hauptgrund für den Untergang des Römischen Reiches sehen zu wollen, geht aber wohl zu weit, unter anderem weil Wasserleitungen im Inneren verkalken, sodass das Blei sich nicht mehr im durchfließenden Wasser löst; gut hat es den Römern dennoch sicher nicht getan. Sehr schlecht bekam Blei auch den Soldaten Napoleons, dessen militärisches Genie sofort erkannte, welcher Vorteil für einen Feldzug oder für eine Schiffsreise aus der Versorgungssicherheit einer eisernen Ration aus Dosen zu gewinnen war. Daher bot er 1810 dem Erfinder des Vakuumierens und der Konservendose gnädigst 12.000 Francs als Belohnung für seine guten Ideen an – eine Summe, die der Herr Nicolas-François Appert, Tüftler und ehemaliger Leibkoch von Herzog Christian IV. von Pfalz-Zweibrücken, natürlich gern annahm. Er hatte immerhin seit 1795 an seiner Idee getüftelt. Richtig von der Erfindung profitiert haben hingegen die Engländer, die das giftige Blei durch Weißblech ersetzten. Der Engländer Peter Durand übernimmt Apperts Sterilisationsmethode, benutzt jedoch Behältnisse aus Blech und lässt sich diesen Einfall im selben Jahr (1810), in dem Herr Appert von Napoleon seine Belohnung bekommt, patentieren.viii Dabei wissen beide gar nicht, warum die Methode funktioniert, Louis Pasteur hat mit seinen Studien zur Sterilisation noch gar nicht begonnen. Aber man muss nicht alles verstehen, um es anwenden zu können. Peter Durands Landsleute Bryan Donkin und John Jall setzen seine Idee mit ihrer 1811 gegründeten Fabrik im industriellen Maßstab um. Damit ließ sich die bleibedingte Schwächung der Truppe vermeiden und die Soldaten starben nicht mehr an Bleivergiftung und an Hunger wie bei Napoleon, sondern, wie es sich gehörte, für König und Vaterland im Kampfe.ix Oftmals durch Blei, zugegeben, aber anders verabreicht.

Sir John Franklin und seine Besatzung starben vermutlich, zumindest indirekt, ebenfalls an den Folgen einer Bleivergiftung. Die Konservendosen, die er bei seiner 1845 begonnenen Suche nach der Nord-West-Passage waren wieder mit Blei verlötetx. Das war das erste Mal, dass eine britische Expedition Bleikonserven als Vorräte mitnahm, über drei Jahrzehnte nach der Erfindung der Konservenbüchse. Unglücklicherweise waren die Dosen aus dem falschen Material hergestellt, Zinn wäre viel besser gewesen. (So viel hier zum Thema Blei, ganz allgemein und nebenbei.)

Kurioserweise – ebenfalls nur nebenbei – wurde der erste brauchbare Dosenöffner erst fünfzig Jahre nach der Dose erfunden, in der Zwischenzeit war das Öffnen einer Dose eine gewalttätige Angelegenheit, bei der viele Messer stumpf wurden und sich zahlreiche Menschen die Hände verletzten.

Wie dem auch sei: Als der Chemiker Thomas Midgley 1921 im Auftrag der General Motors Research Corporation in Dayton, Ohio, forschte, entdeckte er, dass Tetraethylblei, dem Benzin zugefügt, das Klopfen bei Ottomotoren unterbindet. Es handelte sich bei diesem Unternehmen um dasselbe, das auch die FCKWs entwickelte und vertrieb; in beiden Affären war Herr Midgley maßgeblich beteiligt. Die schädliche Wirkung der FCKWs auf die Atmosphäre wurde erst spät erkannt, dann wurde allerdings verhältnismäßig schnell reagiert. Beim Blei indes war es anders. Man unternahm nicht nur nichts gegen den Gebrauch von Blei als Benzinzusatzstoff, nein, die Ethyl Corporation, ein Gemeinschaftsunternehmen von General Motors, Standard Oil und DuPont, verschleierte ganz im Gegenteil die Tatsachen aktiv und ging gegen Clair Cameron Patterson, der die Giftigkeit nachwies und bekannt machen wollte, auf niederträchtigste Art und Weise vor. Clair Cameron Patterson ist ein unbekannter Held des letzten Jahrhunderts, tragisch gerade deswegen, weil er recht hatte. Die vielen anderen, die nicht recht hatten oder es nicht beweisen konnten, waren natürlich nur Spinner, wie zum Beispiel jene, die behaupteten, die Strahlung der Mobiltelefone sei schädlich, Schweinefleisch sei ungesünder als Rindfleisch, Butter schlechter als Margarine (oder war es umgekehrt?), Kinder müssten bei der Mutter großgezogen werden, sonst seien die Mütter Rabenmütter und die Kinder würden zu asozialen Verbrechern heranwachsen usw. Clair Cameron Patterson aber war auf etwas gestoßen, das üble Folgen hatte – was jedem einleuchten musste, der die Neurotoxizität von Blei kannte, und was man messen konnte. Manch anderes, wie eben bei den FCKWs, sah man nicht auf sich zukommen, bis es zu spät war. Beim bleihaltigen Benzin ein halbes Jahrhundert früher hatte man keine rentable technische Alternative, um die Oktanzahl im Benzin zu erhöhen und das Klopfen der Motoren zu vermeiden, folglich unternahm man nichts dagegen. Die Ethyl Corporation verschleierte die Gefahr lieber und diffamierte Patterson, übte Druck auf seinen Arbeitgeber aus, damit dieser ihn auf die Straße setzte, verweigerte ihm Forschungsgelder, boykottierte seine Studien und schloss ihn aus den Gremien, in denen seine Expertise hätte nützlich sein können, aus. Die Herstellung von Tetraethylblei war ein zu gutes Geschäft, um auf die mahnende Stimme Clair Cameron Pattersons zu hören.

Clair Cameron Pattersons Entdeckung ergab sich als zufällige Nebenwirkung seiner Untersuchungen zum Alter der Erde. Er studierte alte Steine und versuchte, das Verhältnis zwischen Uran und Blei in diesen Steinen zu bestimmen. Diese Vorgehensweise wurde schon 1905 von Ernest Rutherford vorgeschlagen, aber erst in den 1950ern waren die Messgeräte empfindlich genug, um ein zuverlässiges und präzises Ergebnis zu ermöglichen. Das verdanken wir nicht zuletzt der Entwicklung der Atombombe.

Da Uran stetig und sehr langsam nach einigen Zwischenzerfallsprodukten letztendlich zu Blei zerfällt, wie Bertram B. Boltwood 1907 nachwies, hoffte Clair Cameron Patterson aus dem Verhältnis dieser zwei Elemente das Alter der Gesteinsproben und somit das Alter der Erde bestimmen zu können. Er nahm an, dass dessen Zerfall im Laufe der Zeit konstant geblieben war. Von dieser Annahme geht man heute noch aus, andernfalls würde die ganze Überlegung in sich zusammenfallen. Bei seinen Untersuchungen stieß Clair Cameron Patterson Ende der vierziger Jahre auf die allgegenwärtige Kontamination seiner Proben mit Blei. Er würde Jahre brauchen, um diese Kontamination und die Bleizusätze im Benzin in Beziehung zueinander stellen zu können, und dann würde ihn die Macht des großen Kapitals in Form von General Motors, DuPont und Standard Oil schwer treffen, aber er gab nicht auf. Das ehrt Herrn Patterson, leider hatte er nichts davon. Als Apophis die Erde zum ersten Mal streifte, wurde in vielen Ländern nach wie vor verbleites Benzin gehandelt und die Bleikonzentration im menschlichen Blut war über 600 Mal höher als vor 80 Jahren.xi Blei ist ja, wie bereits erwähnt, ein Nervengift, vielleicht trug es zum kollektiven Wahnsinn bei, der die Menschheit befallen hat, wer weiß…

Jedenfalls entdeckte Clair Cameron Patterson durch die Gesteinsuntersuchung vom Canyon Diablo-Meteoriten aus dem berühmten Barringer-Krater in Arizona (zusammen mit dem Deutschen Fritz G. Houtermans, der an der Universität Bern seine Daten nachprüfte und zum Teil vor ihm veröffentlichte), dass die Erde 4,55 Milliarden Jahre alt ist, mit einer Fehlerquote von plus minus 70 Millionen Jahren. Er veröffentlichte diese Ergebnisse 1955/56, die Angabe wurde bis zuletzt allgemein akzeptiert, obwohl er streng genommen nicht das Alter der Erde bestimmt hatte, sondern das Alter eines Meteoriten, dessen Entstehung als zeitgleich mit der der Erde postuliert wurde. Er starb 1995 im Alter von 73 Jahren. Er bekam niemals den Nobelpreis, aber nach ihm wurden sowohl ein Asteroid wie auch ein Berg in der Antarktis benannt. Beim Versuch, die Bleikonzentration der Atmosphäre mit der ursprünglichen Konzentration zu vergleichen, entwickelte er nebenbei die Methode, die Lufteinschlüsse aus Eisbohrkernen zu studieren und mit Massenspektrometern zu analysieren. Als Jahrzehnte später die Entwicklung der CO2-Konzentration in der Atmosphäre aufgrund der Angst um die klimatischen Veränderungen an Aktualität gewann, griff man auf seine Methode zurück, um den Anstieg der CO2-Konzentration über die letzten 300.000 Jahre und mehr zu messen. Auch diese Maßnahme machte ihn nicht berühmt. Ich finde ihn dennoch bewundernswert.

Thomas Midgley hingegen erkrankte 1940 an Kinderlähmung und starb vier Jahre später im Alter von 55 Jahren. Er erdrosselte sich unabsichtlich an einer Vorrichtung, die er zur Linderung seiner Lähmung selbst entwickelt hatte, um sich mithilfe von Seilen und Flaschenzügen im Bett aufrichten zu können. Zu Lebzeiten bekam Thomas Midgley die William H. Nichols-Medaille, die Perkin-Medaille (die höchste Auszeichnung der American Chemical Society) ebenso wie die Priestley-Medaille und die William Gibbs-Medaille; er erhielt zwei Ehrendoktortitel, wurde Mitglied der National Academy of Sciences in den USA und Vorsitzender der American Chemical Society. Als jemand, der jahrelang von den Tantiemen seiner eigenen Erfindungen lebte, kann ich nur sagen, dass Midgleys Leben sehr zwiespältig verlief.

Um den Schaden abzuwenden, den die FCKWs anrichteten, war es nicht zu spät, jedenfalls schien es zunächst so. Der Mensch hinterlässt viel Zerstörung, aber die Ozonschicht hat sich in den letzten 30 Jahren ziemlich stabilisiert. Mal sehen, was jetzt passiert. Mögen die Restbestände der FCKWs langsam genug entweichen, um die Lage nicht zu verschlimmern!

Nein, ich bin diesbezüglich scheinheilig. Ich gebe zu, es geht mich nichts an. Im Gegenteil: An Bord der Hyperborea sind wir vor Sonneneinstrahlung durch den Schatten unseres eigenen Schiffes geschützt, eher bewirkt mehr UV-Strahlung eine erhöhte Leistung unserer Fotovoltaikanlage. Auch die langlebigsten FCKW-Moleküle werden sich früher oder später zersetzen und die Ozonschicht wird die UV-Strahlung wieder von der Erdoberfläche fernhalten, eines Tages, egal, wie viel jetzt noch austritt. Die zunehmende UV-Strahlung wird die Mutationsrate der Tiere erhöhen. Wenn sie daran nicht zugrunde gehen, wird die biologische Vielfalt schneller anwachsen. Erst einmal wird der Selektionsdruck nachtaktive Tiere, Tiere mit dickem Fell oder dichten Federn und solche, die im Schatten von Wäldern leben, bevorzugen. Diese Entwicklung muss nicht schlecht sein.

Gleichermaßen wird das Blei irgendwann wieder auf die Werte vor dem massiven Einsatz des Tetraethylbleis zurückfallen. Es wird lange dauern, vermutlich werden während dieser Zeit die Lebewesen im Nachteil sein, die an der Spitze der Nahrungspyramide stehen, die als nahe liegende Alternative ein geringeres Gewicht, ein kürzeres Leben und eine höhere Reproduktionsrate entwickeln dürften, aber letztendlich wird alles wieder normal. In dem Maße, wie das Leben auf der Erde als normal gelten kann. Wer weiß das schon?

Aber den angeblichen Einfluss von Plastik, falls es denn einen solchen Einfluss tatsächlich gibt, hat niemand kommen sehen. Kann es wirklich sein, dass die Unmengen Kunststoff, in die Umwelt gekippt, von den vorhandenen Lebewesen nicht zu zersetzen und durch keinen Stoffwechselvorgang zu spalten sind, nicht durch Bakterien, nicht durch höhere Wesen, nur mechanisch zerkleinert, zerrieben, als Klein- bis Mikropartikel zermalmt, in Sedimenten eingelagert, die Subduktion der Plattentektonik verlangsamt und somit die Vulkanaktivität erhöht haben? Ist das wirklich zu fassen? Wie soll die Menschheit das in weniger als hundert Jahren geschafft haben? Bakelit wurde erst 1907 entwickelt, als erster duroplastischer Kunststoff, das erste Plastik im modernen Sinne. Man kann Vorläufer finden, aber sie haben allesamt Nachteile, die erst mit dem Bakelit überwunden wurden. Da wäre zunächst wohl Birkenpech zu nennen, das bereits die Neandertaler kannten, oder Asphalt, ebenfalls seit Urzeiten bekannt und genutzt. Bis zur Entdeckung Amerikas geschah auf dem Gebiet der Kunststoffe nicht wesentlich Neues: Aus Amerika kam schließlich Kautschuk nach Europa, ein Material, das in Mesoamerika seit Jahrtausenden für Ballspiele verwendet wurde und mit dem Kleidung wasserabweisend imprägniert wurden. Letzteres Verfahren haben die Europäer dank der systematischeren Kenntnis der Chemie erheblich verbessert: In der zweiten Hälfte des XVIII. Jahrhunderts wurde ein Lösungsmittel für Kautschuk entdeckt und der erste Radiergummi erfunden. Das Ausgangsmaterial wurde dabei nicht wesentlich chemisch verändert: Es blieb biologisch abbaubar und, was der entscheidende Nachteil war, bei höheren Temperaturen weich und klebrig, bei Kälte brüchig. Es war nicht angenehm anzufassen und für technische Anwendungen unzulänglich. Diese Eigenschaften änderten sich 1839, als Charles Goodyear durch Zufall die Vulkanisation erfand. Er hatte schon lange versucht, aus Naturlatex einen festen, formbaren Stoff herzustellen, als ihm ein Missgeschick passierte. Einige Tropfen einer Kautschuklösung, in die er etwas Schwefel untergemischt hatte, fielen auf eine heiße Herdplatte. Das moderne Gummi war erfunden. 1850 erfand er darüber hinaus das Hartgummi. Somit haben Menschen zum ersten Mal neue Substanzen synthetisiert, die Äonen überdauern können. Gummi ist haltbarer als Beton, ein Material, das bereits in der Antike bekannt war (die Kuppel des Pantheon in Rom besteht aus Beton), und nicht mehr biologisch abbaubar. Wenn unter Hitzeeinwirkung die Schwefelmoleküle chemische Brücken zwischen den Kautschukbestandteilen bilden, kann man das Ergebnis als ein einziges, riesiges Molekül mit extrem starken Bindungen betrachten. Diese Bindungen bricht kein Bakterium auf, allein UV-Strahlung kann es sehr langsam an der Oberfläche zersetzen. Allerdings ist es gerade deshalb noch immer kein optimales plastisches Werkzeug: Einmal hergestellt, lässt es sich nicht umformen und es riecht nach Gummi. Ein neuer Geruch war geboren und ein neues Abfallproblem, wenngleich es damals nicht als solches erkannt wurde. Im Nachhinein muss man feststellen, dass die Europäer es auch ohne die amerikanischen Pflanzen hätten schaffen können, wie die Wehrmacht zeigte, die mangels Naturlatex im Zweiten Weltkrieg Gummi für die Reifen ihrer Fahrzeuge auf der Grundlage von Löwenzahnmilch herstellen ließ. Das funktionierte ebenfalls.

Dann entstand in einem anderen Bereich der Chemie das Zelluloid. Der Brite Alexander Parkes entwickelte diese Substanz ab dem Jahre 1856 mit mäßigem wirtschaftlichen Erfolg. Im Jahre 1862 patentierte er eine Substanz auf der Grundlage von Zellstoff, den er mit Salpetersäure und Lösemittel behandelte und der er den für ihn nahe liegenden Namen Parkesine gab. Mit diesem neuen Stoff konnten Elfenbein, Schildpatt, Perlmutt, Hornsubstanz und sogar Ebenholz imitiert werden, aber Parkesine wies weiterhin erhebliche Nachteile auf: Es war nicht formstabil genug, es verzog sich bei Hitze und Trockenheit, es verwitterte und es war höllisch brennbar. Trotz allem hatte er den richtigen Weg gewiesen: Der US-Amerikaner John Wesley Hyatt kaufte 1868 Parkes das Patent für Parkesine ab und entwickelte die Substanz weiter. Er suchte einen Ersatz für Elfenbein, um Billardkugeln herzustellen. Seine Erzeugnisse kämpften weiterhin mit der Brennbarkeit des Materials, seine Kugeln waren sogar leicht explosiv.xii Er erhielt einen Brief eines Billardsalonbetreibers aus Colorado, der ihm berichtete, die Kugeln funktionierten einwandfrei, dass sie jedoch, wenn sie mit Wucht frontal zusammenstießen, einen lauten Knall erzeugten, was ihn persönlich nicht störte, aber zur Folge hatte, dass bei ihm im Salon alle paar Minuten die gesamte Kundschaft erschrocken die Revolver zückte. Das änderte sich im Jahre 1869, als Hyatt entdeckte, dass das ätherische Öl Kampfer ein ausgezeichnetes Lösungsmittel für Zellstoff ist. Zelluloid war erfunden. Hierbei handelte es sich zwar um richtigen Kunststoff, nur leider erwies sich dieser als nach wie vor sehr brennbar und im Herstellungsprozess explosionsgefährlich. Zuletzt wurde Zellstoff beinahe ausschließlich für Tischtennisbälle verwendet und jedes Kind, das schon einmal einen Tischtennisball angezündet hat, weiß, wie brennbar das Material ist. Ich finde es interessant, wie der Fortschritt in diesem Bereich, der später so allgegenwärtig im Leben werden sollte, dass man Kunststoffe im täglichen Leben gar nicht mehr wahrnimmt, vom Spieltrieb des Menschen vorangetrieben wurde. Und von der drohenden Ausrottung der Elefanten. Die Billardkugelproduzenten konnten aus einem einzigen kostbaren Elefantenstoßzahn maximal acht Kugeln herstellen, die Elefantenbestände schrumpften dramatisch, das Material wurde langsam zu teuer. Für die Entdeckung einer Alternative lobten sie demnach einen Preis von 10.000 US$ aus. Und so kam es über den Umweg von Parkesine und Zelluloid zur Entdeckung von Plastik und im Anschluss daran, wie bereits erwähnt, von Bakelit.

Guttapercha, der eingetrocknete Milchsaft des im malaiischen Raum heimischen Guttaperchabaumes (Palaquium gutta), reiht sich gleichermaßen in diese Erfindungen oder Entdeckungen ein, spielte jedoch keine übermäßig wichtige Rolle in dieser Geschichte des chemischen Fortschritts. Die Substanz wurde kaum chemisch bearbeitet, nur eingetrocknet. Über 50 °C wird Guttapercha weich, daher lässt sie sich zwar leicht verarbeiten, aber schlecht dauerhaft einsetzen. Einen kurzen Augenblick des Ruhms erlangte Guttapercha, als die ersten transatlantischen Telegrafenkabel verlegt wurden: Diese wurden mit Guttapercha isoliert, das Extrusionsverfahren hierfür entwickelte Werner von Siemens 1846. Auch die Eigenschaften von Golfbällen wurden durch den Einsatz von Guttapercha erheblich verbessert, man nannte diese Bälle „Guttin-Bälle“. Ansonsten fristete Guttapercha ein Nischendasein als tempörärer Zahnfüllstoff.

Bakelit indes bedeutete einen Qualitätssprung für die Duroplaste (Duroplaste sind Polymere, die anderen relevanten Polymere teilt man in Thermoplaste und in Elastomere ein). Es war auf der Grundlage von Phenolharz (ein Abfallprodukt der Steinkohledestillation) und Formaldehyd verhältnismäßig einfach herzustellen. Damit galt es als das erste vollsynthetische Material: echtes Plastik, endlich. Es war formstabil, unentzündlich, relativ geruchlos, widerstandsfähig gegen mechanische Einwirkungen, Hitze und Säuren, es lag angenehm in der Hand (heute kommt es uns eher zu schwer vor, weil spätere Erzeugnisse immer leichter wurden), es diente als elektrischer und thermischer Isolator – kurz: Es war ein Bombengeschäft. Und es hielt ewig. Im Zweiten Weltkrieg verlor die US Navy ein Stück Bakelit mit der Aufschrift VP-101 im Pazifik, wo es im großen Müllstrudel über sechzig Jahre lang im Wasser trieb, bis es von einem Albatros geschluckt wurde.xiii Das ist bekannt, weil die Aufschrift nach wie vor lesbar war, als der Mageninhalt des Albatrosses nach dessen Tod untersucht wurde.

Jetzt besaß man mit Bakelit das ideale Vorbild, jetzt stand der Entwicklung aller modernen Kunststoffe nichts mehr im Wege. Mit Fleiß und Geld, getrieben von Gewinnabsicht, Nationalstolz und Kriegsnotwendigkeiten, wurden bei verschiedensten Verfahren aus ständig neuen Ausgangsmaterialien Abertausende neuer Kunststoffe entwickelt, mit den unterschiedlichsten Eigenschaften. Man kann sie sogar elektrisch leitend herstellen, durchsichtig, weich und hart, formstabil und biegsam, elastisch oder spröde – je nach Bedarf und Einsatzzweck. Nur eines haben so gut wie alle Kunststoffe gemeinsam: Sie sind weiterhin nicht biologisch abbaubar. Was einst hergestellt wurde, ist immer noch da und wird lange bleiben.

Thor Heyerdahl hat bereits auf seiner 1969 unternommenen Reise mit der Ra über den Atlantik auf der gesamten Strecke schwimmenden Müll im Wasser treibend vorgefunden. Er hat sich schon damals gefragt, ob alle Ozeane derart verschmutzt seien. Bei seiner früheren Reise mit der Kon Tiki, im Jahre 1947, war vom Müll noch nicht berichtet worden. Der Anblick ist heute vielerorts unerträglich.

Wenn die Plattentektonik tatsächlich gestoppt worden sein sollte, dann, soviel muss man den Vertretern dieser Theorie zugestehen, muss sich die Energie, die bis dahin die Kontinente bewegt hat, auf andere Weise entladen. Das würde den Anstieg der Vulkanaktivität erklären, wenn es dafür einen plausiblen Mechanismus gäbe. Ja, wenn… Aber welchen nur? Ohne eine große Menge gebildeter Menschen, von denen einige sich den abgelegensten Themen widmen dürfen, und ohne eine institutionalisierte Forschungsgemeinschaft, die das multidisziplinär untersuchen kann, werde ich allein diese These niemals bestätigen oder widerlegen können. Diese Menschen gibt es heute nicht mehr.

Sicher ist nur, dass die Lebewesen – angefangen mit den kleinsten, die ganze Nahrungskette hinauf – mit dem allgegenwärtigen Kunststoffabrieb Probleme haben. Ein Teil dieser Probleme lag an den Weichmachern, die reicherten sich die Nahrungskette entlang im Fettgewebe der Raubtiere an. Je höher sich ein Lebewesen in der Nahrungskette befand, desto mehr reicherten sich die Weichmacher (und die Schwermetalle und die PCBs und die Dioxine) an. Aber dass sich die Plastikreste am Grund der Ozeane derart ablagern, dass sich die Kontinentalplatten nicht mehr in dem Maße, wie es früher natürlich war, untereinanderschieben konnten, bedeutet eine so ungeheure Kraft, eine so nicht nachvollziehbare Bremse einer so gewaltigen Bewegung, dass es eigentlich nicht zu glauben ist. Vielleicht hatten sich die Kohlenwasserstoffe, denn um sie handelt es sich vornehmlich bei Kunststoff, verflüchtigt und irgendein Gleichgewicht gestört, von dem man nichts wusste. Vielleicht…

„Das geht aber nicht, die Kontinentalplatten bewegen sich kaum ein paar Zentimeter pro Jahr. Seit hundert Jahren gibt es Plastik, wie sollen ein oder zwei Meter einer Platte, die Tausende von Kilometern mächtig ist, die Dynamik dieser Platte in solcher Weise verändern, dass sich die vulkanischen Aktivitäten fernab dieses Plattenstaus steigern?“

„Woher soll man denn wissen, was die Ursache war? Tatsache ist, dass die elenden Vulkane eben dort ausgebrochen sind, wo sie es in diesem Ausmaß lange Zeit nicht mehr getan hatten. Vielleicht hatte sich etwas im Erdinneren ganz natürlich aufgestaut und es ist demnach völlig normal, dass die Vulkane gerade jetzt ausgebrochen sind. Anderseits: Warum soll es nicht am Plastik gelegen haben?“

„Und wenn schon? Die Vulkane waren nicht schuld, sie haben der Menschheit nur den Gnadenstoß gegeben. Die Grippe war entscheidender. Die hat uns aggressiv gemacht.“

„Ach, wer weiß…! Lagen die Aggressionen wirklich an der Grippe? Waren wir nicht schon immer so? Und überhaupt: Die Dürre war auch schrecklich…“

„Und die Parasiten und die Attentate, die die Erdöllieferungen unterbunden haben, und die Armut und die Unterdrückung und die Ausbeutung der Menschen und der natürlichen Ressourcen…“

Das war keine neue Unterhaltung, also schwiegen wir uns an. Was ging meiner geliebten Frau durch den Kopf? Bei mir stellte sich ein Grübeln ein, ein machtloses Sehnen nach den Ursachen, nach einem Verstehen, das das Akzeptieren der Realität ermöglicht hätte. Ich ging nach oben, um den Himmelsprojektor wieder anzuwerfen. Es dämmerte, ich kontrollierte die Stromreserve. Deep Doubt zeigte 87 % der Nennkapazität an: vier Tonnen flüssige Luft, die Akkus – der ursprünglichen Werksangabe zufolge – auf 83 % der maximalen Kapazität, was mittlerweile beinahe das höchste war, was wir erreichten. Gar nicht schlecht nach all den Jahren. Es war ein sonniger Tag gewesen, die Wetterberechnungen der Vendobionten waren zuverlässig, unsere Zellen aufgeladen. Gut. Ich setze mich vor das Terminal und tippe eine Nachricht ein, die ich in den Himmel werfen werde. Wieder einmal. Heute lautet die Nachricht in gewohnt einfachem, plakativem Englisch:

MAKE FIRE
IF YOU
WANT HELP

Das eröffnet die Zeit zum Nachdenken. Die Gedanken drehen sich im Kreis. Die Zeit vergeht, auf den Monitoren sieht man die Bilder, die die Augen mit Infrarotkameras übertragen. Alle Monitore zeigen nur verschiedene Schattierungen dunklen Graus. Niemand macht Feuer. Der Nachthimmel ist klar und wolkenlos, die Nachricht groß genug. Also?

„Entweder sie verstehen kein Englisch, können nicht lesen, kein Feuer machen oder sie sind nicht da.“ Meine geliebte Frau war hinaufgekommen, draußen war es mittlerweile dunkel. Aus der kleinen Kuppel am Oberteil der Hyperborea hatte man einen sonderbaren Rundumblick: unter uns das Schiff, nach vorn und hinten in die Dunkelheit verschwindend, nach links und rechts die abfallende Rundung, in alle Richtungen Sechsecke wabenförmig die Erde unter uns abdeckend. Der Horizont war unsichtbar, die Schwärze vollkommen, aber die Sterne bildeten einen klaren Rand. Nach oben hin sah man weniger von ihnen, unsere Nachricht blendete die kleineren Sterne aus. Wenn man den Blick nach innen wandte, in unseren kleinen oberen Beobachtungsraum mit seinen vier ausgesparten Sechsecken, sah man die Monitore mit den blassgrauen Nachtaufnahmen der Umgebung, die ungefähr dreihundert Kilometer in jede Richtung abdeckten, von den an die fünfzig Augen in unserem weiteren Umkreis übermittelt. Auf diesen Monitoren würde jedes Feuer als roter, gelber oder weißer Punkt erscheinen, je nach Temperatur und in Abhängigkeit vom Eichzustand der Bordinstrumente, die bei den meisten Augen seit Jahren nicht mehr justiert worden waren. Deep Doubt konnte die Abweichungen so weit kompensieren, dass sie nicht störten; ich wundere mich stets aufs Neue, wie robust und widerstandsfähig unsere Technik ist. Wir leben gut. Aber meine geliebte Frau hat recht. Ich rede jetzt, um das Schweigen zu brechen.

„Oder sie sind woanders. Oder sie wollen nicht gefunden werden, weil sie Angst haben. Was verständlich wäre.“

„Und wie! Ich habe auch Angst. Du immer noch nicht?“

„Nein, ich habe noch immer keine Angst.“

Meine geliebte Frau schaute sich den schwarzen Horizont an. Ich sah nichts.

„Wie präzise sind wir zu orten, wenn wir diese Nachrichten in den Himmel schreiben?“

Dieses Thema hatten wir schon oft besprochen. Es war wahrlich keine schöne Nacht heute.

„Hängt von der Technik ab, die sie benutzen. Falls es sie gibt. Wenn sie Technik benutzen, verfügen sie über Energiequellen, die strahlen Wärme ab. Wir ebenso, wenn auch wenig. Tagsüber sind wir ohnehin meilenweit auszumachen. Nachts sehen wir, dass niemand da ist.“

„Das sagt Ulisses dem Zyklopen…“

„Aber dieser Ulisses wird uns nicht einäugig machen, wir haben ganz im Gegenteil noch Tausende von Augen.“

„Es ist niemand da…“

Ich sah niemanden. Man sah nichts.

i „Langfristig gesehen sind Konservendosen eine tödlichere Waffe als das Maschinengewehr.“
ii Vgl. Alan Weisman, „The World Without Us“, Thomas Dunne Books, New York, 2007, S. 204.
iii Vgl. Gilbert Sinoué, „Avicena o la ruta de Isfahán”, Originaltitel „Avicenne ou la route d´Ispahan“, Übersetzung von Manuel Serrat Crespo, Ediciones Grupo Zeta, 5. Auflage, 1995, S. 49-55.
iv Ebd., S. 61.
v Vgl. John Trimbell, „An Introduction to Toxicology“, Informa Healthcare USA, Inc., 3rd Edition, 2009, S. 3.
vi Vgl. Mary Dobson, „Disease. The Extraordinary Stories Behind Hystory´s Deadliests Killers“, Quercus Books, Great Britain, 2007, S. 139.
vii Vgl. John Trimbell, „An Introduction to Toxicology“, Informa Healthcare USA, Inc., 3rd Edition, 2009, S. 3.
viii Spiegel Online, 25.03.2008.
ix Vgl. Peter Peter, „Kulturgeschichte der deutschen Küche“, C. H. Beck Verlag, München, 2008, S. 153.
x Vgl. Phillip Felsch, „Wie August Petermann den Nordpol erfand“, Luchterhand Literaturverlag, München, 2010, S. 84.
xi Vgl. Bill Bryson, „Eine kurze Geschichte von fast allem“.
xii Vgl. http://www.makingthemodernworld.org.uk/stories/the_second_industrial_revolution/05.ST.01/?scene=6&tv=true
xiii Vgl. http://seattletimes.nwsource.com/html/pacificnw04232006/coverstory.html Oceans of Waste. Seattle Times, 23.4.2006.

 

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