XCVII. Afrikanisches Minenfeld

Solange Menschen denken, dass Tiere nicht fühlen,
müssen Tiere fühlen, dass Menschen nicht denken.
Arthur Schopenhauer

Ausnahmsweise überflogen wir erneut Afrika südlich der Sahara. Ich mochte diesen Kontinent nicht mehr, seit wir dort Zeugen der großen Morde gewesen waren. Morde hatte es überall gegeben, das stimmt, aber in Afrika hatten wir sie näher miterlebt, auf offener Straße. Man braucht keine Angst, um eine Prägung zu erfahren.

In Afrika war die genetische Vielfalt der Menschheit größer gewesen als auf dem gesamten Erdball, unabhängig davon, ob Herr Lewontin einem Trugschluss aufgesessen ist oder nicht. Es widerstrebt unserer Intuition, aber die genetischen Unterschiede zwischen den afrikanischen Stämmen, den Hutus und den Tutsi etwa, den Massai und den Twa oder den Buschvölkern der Kalahariwüste, waren größer als zwischen einem australischen Ureinwohner, einem Indigenen des Amazonasbeckens und einem blonden Finnen zusammen. Wenn das Ende der Menschheit an einem Gendefekt lag, war die Chance am größten, dass es irgendwo in Afrika eine Gruppe Menschen gab, die diesen Defekt nicht aufwies und deshalb überlebt hatte. Wenn ich es mir recht überlege, wollte ich vielleicht gerade eine solche Gruppe nicht finden und verspürte daher diese Abneigung gegen Afrika. Eindeutig ein Vorurteil, mittlerweile sollte ich es besser wissen.

Bei diesem Überflug bot sich uns ein merkwürdiges Schauspiel: Ein Gnu flog, während wir es aus der Luft beobachteten, mitten in der ostafrikanischen Savanne in die Luft. Wir schreckten zusammen. Offenbar war das Gnu auf eine Mine getreten. Minen würde es wohl noch lange geben. Eine riesige Herde war demnach auf ein Minenfeld geraten. Woher sollte die Herde es erahnen? Als der Rest der Herde in Panik in alle Himmelsrichtungen floh, gingen weitere Minen hoch. Als endlich Ruhe einkehrte, lagen einige Dutzend tote und verletzte Tiere in der Gegend auf dem Boden, einige noch lebend und jämmerlich blökend, wir keine zweihundert Meter darüber schwebend. Nach wenigen Minuten versammelte sich der Rest der Herde an neuer Stelle und zog davon. Sogleich kamen die Aasfresser, als Erstes ein kleines Rudel Hyänen, die den Gnus offenbar gefolgt waren. Es dauerte nicht lange und eine Hyäne trat ihrerseits auf eine Mine. Die anderen rannten erschrocken umher, aber ihr Hunger war größer als die Angst. Woher sollten sie wissen, dass sie sich auf ein Minenfeld befanden? Welcher Instinkt konnte sie auf die Waffen der Menschen vorbereitet haben? Ihr Geruchssinn war nicht auf Minen geeicht. Sie aasten weiter, es kamen viele Vögel hinzu, die wiederum andere Tiere aus der Ferne anzogen. Die Vögel, selbst die größten Geier, waren gegen Minen noch am besten gerüstet. Sie waren nicht sehr schwer und bewegten sich nur wenig auf dem Boden. Eine zweite Hyäne flog in die Luft und blieb jaulend verletzt am Boden liegen. Das geschlossene Rudel rannte nun davon, jetzt waren es nur noch sieben oder acht Tiere. Nach wenigen Sekunden explodierte erneut eine Mine. Das Rudel machte kehrt, auf dem Rückweg gingen weitere zwei Hyänen mit dumpfem Getöse drauf. Die restlichen Hyänen rannten orientierungslos hin und her. Eine weitere löste eine Mine aus, bevor die anderen, mittlerweile lediglich drei, es schafften, das Minenfeld zu verlassen. Bei jeder Explosion wirbelten die Geier in der Luft um die Kadaver herum, lösten jedoch keine weitere Explosion aus. Später fanden sich die Löwen ein, vermutlich vom Geruch des Blutes und den Geiern angezogen, deren Anflug meilenweit zu sehen war, und die Szenen wiederholten sich. Nachfolgend ein Leopard, der ein halbes Gnu davonschleppte und unversehrt blieb. Er kletterte mit seiner halben Beute auf einen der wenigen Bäume in der Nähe, dort war er vorerst in Sicherheit. Abschließend erschienen erneut Hyänen und Hunde und die Explosionen donnerten in unregelmäßigen Abständen durch die Savanne. Wir schauten aus der sicheren Höhe herunter und wagten uns nicht herab. Auf dieses Fleisch wollten wir verzichten.

Die Erbschaft der Menschheit war dabei, durch den Tod, den sie verursachte, ihren Schrecken zu verlieren: Irgendwann würden alle Minen in diesem Feld, das offenbar in einer günstigen Wanderroute für wilde Tiere lag, explodiert sein.

Woanders würden die Folgen menschlicher Handlungen länger andauern und verheerendere Wirkung entfalten.

 

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