XLII. Meteoriten

Vor ARABIS’ grausamem Auftritt möchte ich zunächst über Meteoriten reden. Herr Augsburger war an mich herangetreten mit der Idee, in den Weiten der Antarktis nach Meteoriten zu suchen. Irgendetwas mussten wir ja mit der Gaia Scienza unternehmen. Ali gesellte sich zu uns, die Idee gefiel ihm. Sie sah folgendermaßen aus: An manchen Stellen hatten sich im Laufe der Zeit die Meteoriten so angesammelt, dass man sie von der Luft aus gut gegen den weißen Boden ausmachen konnte. Herr Augsburger erklärte ihm, warum man sie im Schnee scheinbar so einfach findet:

„Die Meteoriten fallen ganz zufällig – mehr oder weniger gleichmäßig verteilt – auf die ganze Erde, die meisten fallen logischerweise ins Meer. Der Unterschied zwischen manchen Gegenden der Antarktis und dem Rest der Welt liegt darin, dass in der Antarktis die Schneedecke mehrere hundert Meter mächtig ist, bisweilen sogar einige Kilometer.“
“Ein Kilometer dickes Eis? Das geht doch gar nicht!“, staunte Ali.

„Doch, das gibt es. Und wenn dieses Eis sich – als Gletscher – in Bewegung setzt und unter der Schneeoberfläche an eine Kante trifft, eine Bergkette etwa, wird es an dieser Kante nach oben gedrückt. Wenn die Bedingungen stimmen, werden dann die über die Jahrtausende auf dieses Eis gefallenen Meteoriten an der Oberfläche der sogenannten Blaueisfelder freigelegt. Das Eis sublimiert, das heißt, es verdampft direkt, ohne zu schmelzen, wie Naphthalinkugeln gegen Motten, und die Meteoriten bleiben zurück und sammeln sich an. Wenn es kalt genug ist, dass die Meteoriten sich nicht in der Sonne erwärmen, wodurch sie wieder einsinken würden, und es nicht schneit, wodurch sie vom Neuschnee bedeckt wären, dann kann man sie als dunkle Steine im weißen Schnee von Weitem ausmachen und ganz leicht einsammeln.“

„Das sind aber ziemlich viele Wenn und Aber“, wandte ich ein.

„Ja, aber diese Gegenden gibt es. Hier zum Beispiel, am Transantarktischen Bergrücken und besonders im Allan Hills-Gebiet. Da stimmt alles: Die Gletscher bewegen sich in die richtige Richtung, die Temperatur ist kalt genug, damit die an der Oberfläche gestrandeten Exemplare sich nicht erwärmen und erneut im Schnee versinken, die Berge halten den Niederschlag an der anderen Seite auf, weshalb es in diesem Bereich kaum Neuschnee gibt. Und es ist so gut wie unmöglich, über Land dorthin zu gelangen.“

„Wir wären ungestört“, murmelte ich.

„Da will ich hin!“, freute sich Ali.

„In die Kälte?“ Herr Augsburger schaute skeptisch. „Bei minus fünfzig Grad?“

Sie gingen doch an Bord der Gaia Scienza, zu zweit, und fanden in nur zwei Wochen viele hundert Exemplare, bis die Luftjacht nicht mehr tragen konnte und sie den Rückflug antreten mussten. Eine derartige Aktion müsste man im größeren Maßstab durchführen, dachte ich mir.

Ein verschwindend geringer Prozentsatz der gefundenen Meteoriten stammt vom Mond, eine noch kleinere Anzahl vom Mars, gerade die sind sehr wertvoll. Wir bekommen prompt Ärger: Die Länder, die behaupten, über die Souveränität über die Antarktis zu verfügen (ja, woher nehmen diese Länder sich dieses Recht heraus, fragen wir laut?! Weil ein Untertan des jeweiligen Landes vor über einem Jahrhundert einen anderen Teil des antarktischen Kontinents betreten hat, von dem aus sie imaginäre Linien gezogen hatten? Was damals als Erforschen galt, nennt man heute Umweltverschmutzung!) sind nicht damit einverstanden, dass wir die Meteoriten einsammeln, da sie die als ihr Eigentum betrachteten. Dass wir diese meistbietend verkaufen oder dass ich die schönsten Gesteinsbrocken für mich behalte, passt ihnen gar nicht ins Konzept. Die USA zum Beispiel pflegten ihre Funde an die Antarctic Meteorite Curation Facility am Johnson Space Center in Houston, Texas, zu übergeben, die sie wiederum der Smithsonian Foundation zur Untersuchung überließ. Die Tatsache, dass wir die Funde akkurat kartieren und dokumentieren und in sterilen Plastiktüten in Flüssigluft bei minus 180 °C aufbewahren, lassen sie nicht gelten. Um uns zu stoppen, drohen sie damit, uns die Überflugrechte andernorts, wo sie es besser kontrollieren können, zu verweigern. Zum Beispiel über ihren souveränen Gebieten. Das wird lange Streit geben, fürchtete ich damals, als ich noch nicht wusste, was uns alles bevorstand. So lange wird es diesen Streit geben, dass er gar nicht mehr gelöst wird, aber das wird man später erst verstehen. Wir finden meist gewöhnliche Chondrite, die zu den Steinmeteoriten zählen, Eisen- und Nickel-Eisen-Meteoriten, seltener Siderolithe, insbesondere Pallasite und Mesosiderite und andere. Später werden wir Fragmente von Apophis suchen, das steht aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht an.

Ich frage Herrn Augsburger, wie es kommt, dass Mond- und Marsmeteoriten auf der Erde landen und ob es desgleichen Erdmeteoriten auf dem Mars und auf dem Mond gibt (daran hatte er nicht gedacht, aber es ist zu vermuten: Die Meteoriten stammen aus Einschlägen, die zum Teil vor Millionen von Jahren auf Mond und Mars stattgefunden haben. Diese Einschläge waren so gewaltig, dass Material vom Mond und vom Mars ins All geschleudert wurde und später auf die Erde fiel. Umgekehrt, von der Erde weg, müsste es auf gleiche Weise geschehen sein, wenn auch seltener, weil die Erde größer ist und eine stärkere Anziehungskraft ausübt, die diese Fragmente bei ihrer Flucht aus dem Schwerefeld des Planeten überwinden müssen. Aber vor 65 Millionen Jahren muss es schon vorgekommen sein, jetzt, wo er daran denke…). Ali macht große Augen. Unsere Expedition in die Antarktis wird weltweit über unsere Kanäle übertragen und ist überall zu sehen. Die USA und die anderen arktischen Mächte können uns demnach nicht abschießen und ebenso wenig gefangen nehmen. Herr Augsburger und Ali suchen unbeirrt weiter und sammeln alle Steine ein, die sie finden. Ausschließlich Meteoriten, es werden von den Gletschern keine Steine aus dem arktischen Boden an die Oberfläche getragen.

Zur selben Zeit bauten wir eine fünfte größere Jacht, dann die sechste, noch größer. Der Weg zur Hyperborea war langsam klar, allein deren Finanzierung stand noch auf wackeligen Beinen. Hätte ich gewusst, was uns bevorstand, hätte ich die Hyperborea schneller aus unseren Eigenmitteln finanzieren können, aber zu diesem Zeitpunkt dachte ich noch, die Welt sei normal. Ich sollte bald eines besseren belehrt werden.

 

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