XLIV. Berberitza Merryodd

Baby you so beautiful, but you gotta die someday,
Baby you so beautiful, but you gotta die someday,
All I want’s a little lovin’, before you pass away.

Big Joe Turner
(Roll ‘em Pete)

 

Berberitza Merryodd war viel schlimmer als die ersten reichen Erbinnen, die vor einem Vierteljahrhundert mediengeil wurden und ihr ererbtes Geld für diese Leidenschaft einsetzten – ein überzogenes, übles Beispiel von rich white trash. Sie war unvorstellbar und unverdient reich, was in erster Linie an ihren Eltern lag, die sie mit einem gewaltigen Erbe gesegnet hatten, darüber hinaus hat sie dieses Erbe vermehrt, zum Beispiel durch ihre Modelabels Vulgari for Blokes und Vulvari for Sluts. Vielleicht ist ihr Reichtum doch nicht so unverdient, wenn sie in der Lage ist, ihn dermaßen erfolgreich zu vermehren. Vielleicht kann man sich darauf einigen, dass sowohl ihr Reichtum wie auch der Neid, den sie weckte, verdient waren. Jetzt wollte sie das beste, d.h. nicht mehr und nicht weniger als das teuerste, Luftschiff aller Zeiten bekommen. Ihre kapriziösen Allüren sollten mir recht sein. Wir fühlten uns nunmehr gerüstet, um auch die ausgefallensten Extravaganzen potenzieller Kunden sachgerecht und wunschgemäß zu erfüllen. Die Zauberformel lautete bei Frau Marriot: „Geld spielt keine Rolle.“ Mir sollte das erst recht recht sein, den Satz hörte ich gern. Der Vorschuss stimmte, wir machten uns an die überteuerte Arbeit.

Berberitza Merryodd hieß angeblich so, weil ihre Mutter an dem Tag, an dem sie glaubte, sie empfangen zu haben, Berberitzenmarmelade zum Frühstück gegessen hatte. Für eine Erbin des Imperiums Merryodd, Besitzer der Ritz-Oddon-Kette, war das schon ein passender Name, jedenfalls phonetisch. Zum Glück hatte die Mutter an besagtem Tag nicht Hagebuttenmarmelade mit Sauerkraut gefrühstückt. Bei reichen Leuten weiß man ja nie…

Die Bild-Zeitung taufte sie mit verlagsüblichem Charme „die Ritze“. Geschmacklos, aber passend. Über ihr neues Luftschiff, unsere Luftjacht, würde man lange vor der Fertigstellung viel schreiben. Das war die Werbung, die wir brauchten. Sie selbst war zudem eine Meisterin des Einspannens fremder Menschen für ihre PR, das bekannteste Beispiel war wohl ihre Liaison mit dem (schwulen!) Modedesigner Emporcomio Armdrani – eine Liaison, von der es sogar pikante Videos (sprich: Pornos) im Internet zu bewundern gab.

Letztendlich jedoch bekam sie das Luftschiff nie ausgeliefert: Ich behielt es selbst, nachdem das Frl. Merryodd in den Wirren des großen Brandes von Rom am 21. Juni 2029 spurlos verschwand. Der Entwurf der Schiffseinrichtung richtete sich ursprünglich sehr nach ihren Wünschen, bei der Technik hingegen wollte sie nicht mitreden, dieser Bereich interessierte sie nicht. Daher musste das Schiff neu eingerichtet werden, während das Desaster weltweit voranschritt und Eile geboten war: Ein grellrosa Schlafzimmer zum Beispiel war nicht auszuhalten, zum Glück stellten solche Kleinigkeiten kein echtes Problem dar. Bei der Technik hatte Frau Merryodd uns, wie gesagt, freie Hand gegeben, daher hatten wir uns (für teuer Geld, von ihr pünktlich bezahlt, ich muss zugeben, ich schulde ihren Erben noch etwas) das Beste geleistet, was uns einfiel, auch wenn sie nicht hatte wissen können, dass sie es gewollt hätte. Aber ich greife vor: Noch musste die spätere Hyperborea fertiggestellt werden und Berberitza lebte noch. Wir bauten jedoch bereits kleinere Luftschiffe, die je nach Modell bis zu dreißig Menschen transportieren können. Das waren wunderschöne Luftschiffe, aus denen wir viel für die Hyperborea lernen sollten, auch wenn sie sich schleppend verkauften.

Nicco war begeistert, mit Berberitza die Verkaufsverhandlungen zu führen. Wir gönnten ihm die Freude gern: Er war ganz Charmeur, ganz in unserem Sinne. Er lud sie auf Kosten der Firma ein, sie reisten mit einer kleinen Luftjacht der zweiten Generation, der Kairos, die etwas größer war als die bereits gebauten, aber noch nicht so groß wie die spätere Hyperborea, kreuz und quer durch Europa, damit Berberitza die Vorzüge dieser Fortbewegungsart kennenlernen konnte. Sie speisten an Bord, wo die Köche exzellent und die Zutaten frisch waren, und besuchten die besten Restaurants auf ihrer Route, die mondänsten Badeorte, die ordinärsten Events, die exklusivsten Juweliere und die teuersten Boutiquen, was für Berberitza besonders reizvoll war, weil sie es nicht nötig hatte, sich einladen zu lassen. Sie bestellte für ihre eigene Luftjacht Luxus und Extravaganzen ohne Maß, die nötige Technik ging schon in Ordnung. Allein die Reise mit der kleinen Luftjacht weckte das Interesse der Medien. Nicht nur der Klatschpresse. Gut so. Wir lernten nebenbei stets dazu – über die Steuerung eines großen, schweren Schiffes; über den Druckausgleich bei Änderung der Flughöhe oder der Außentemperatur; über die beste Art, Energie zu speichern; darüber, welche Kräfte ein Gewitter ausübt, wenn man versucht, dagegen anzufliegen, und welche, wenn man sich vom Wind treiben lässt…, all solche Sachen.

Ende Februar oder Anfang März 2029, nachdem sie sich in Paris, in Davos (es war schwer gewesen, so hoch zu steigen, und die Kairos verlor viel Helium, als sie wieder herunterstieg; das Verfahren zur stabilen Höhensteuerung ab einem Höhenunterschied von mehr als etwa fünfhundert Metern war noch optimierungsbedürftig), in Cannes und Marseille, auf Menorca und in Syrakus und Taormina vergnügt hatten, nahmen Nicco Gassi und Berberitza zusammen mit dem Tross von Fotografen, Sekretären, Handlangern, Blutsaugern, Speichelleckern, Köchen, Begleitdamen und Bediensteten, die Berberitza zu umgeben pflegten, Kurs auf Rom, wo Berberitza einige Wochen bleiben wollte. Angeblich aus beruflichen Gründen. Wie man gleich sehen wird, war das keine gute Idee.

 

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