XVII. Sven Maven

Sven Maven kam zu uns aus dem Motorsport: Er hatte bei der Formel 1 die Cockpits aus Kohlenstoff-Faser gebaut, die so vielen zu schnellen Fahrern das Leben gerettet hatten. Gelernt hatte er sein Handwerk auf einer Werft, wo er vor allem Glasfaserrümpfe hergestellt hatte – im Prinzip eine ähnliche Tätigkeit. Jetzt kam er zu uns, zurück zur Navigation – eine Navigation, die sich nicht auf die oberflächlichen zwei Dimensionen des Meeres beschränkte, sondern die Höhe miteinbezog. Gerade deswegen war seine Erfahrung mit Wind und Wetter nützlich. Seine technische Eignung stand außer Frage.

Er hatte lange, angegraute, braune Haare, die er meistens zum Zopf zusammenband. Vorn an der Stirn da wurde das Haar schon knapper. Er hatte eine große Nase, blaue Augen, mit Falten in Richtung der noch größeren Koteletten, die besonders sichtbar wurden, wenn er lachte (die Falten, nicht die Koteletten), was er gern tat. Sein Gesicht war kantig und knochig, mit einem hervortretenden Kinn, hohen Wangenknochen und dichten Augenbrauen. Aber das Größte an ihm waren seine Hände und Füße. Er brauchte diese starken Hände bei seiner Arbeit nicht, seine Tätigkeit war eher filigran als grob, aber die Stärke seiner Hände und die Ruhe, mit der er sie einsetzte, hatten etwas Beruhigendes, wenn man ihn arbeiten sah. Diese Hände waren nicht nur groß und stark, sondern zudem gepflegt und sauber. Die Fingernägel waren so mächtig, dass sie gelb zu wachsen schienen, obwohl er sie kurz schnitt. Er zeichnete sich durch eine Intelligenz aus, die ich nur als optisch bezeichnen kann, was mich immer wieder erstaunte. Er konnte förmlich sehen – auf einen Blick –, ob etwas funktionierte oder machbar war. Wir berechneten die Materialstärke und überprüften das Design natürlich am Computer, aber Sven Maven wusste es früher: Entweder es ging oder es ging nicht. Vor allem sah er nicht nur, ob ein Teil ausreichend dimensioniert war oder nicht und ob es seine Funktion überhaupt ausüben konnte, nein, was noch wichtiger war, weil es uns sehr viel Zeit und Geld ersparte, war, dass er erkannte, ob ein Teil technisch herstellbar war, und wenn ja, wie man es tatsächlich wirtschaftlich herstellen konnte.

In seiner Zeit im Rennsportzirkus hatte er, dem was man heraushören konnte zufolge, einige wilde Exzesse erlebt. Heute war sein Drogenkonsum sehr zivilisiert. Er kam nie zu spät zur Arbeit, auch wenn er manchmal rote Augen hatte. Mag sein, dass seine ruhigere Gangart damit zusammenhing, dass er mittlerweile verheiratet war. Eine richtig hübsche Frau hatte er sich angelacht.

Er liebte Autos, ebenso wie Herr Klaasen, und sie unterhielten sich oft darüber, zumeist kontrovers. Herr Klaasen hatte ein Faible für alte Technik, Sven Maven liebte alles Fortschrittliche. Hier entwickelte sich ein Disput zwischen Oldtimer und Formel 1. Aus diesen Auseinandersetzungen wuchs bei Herrn Klaasen und Sven Maven gegenseitiger Respekt für die jeweilige Kenntnis der Technik. Ich bewunderte sie beide dafür, dass sie sich in etwas vertiefen konnten, worin ich mich im Vergleich zu ihnen nur als Laie bezeichnen konnte.

Als eine weitere sehr angenehme Eigenschaft von Sven Maven erwies sich seine Geduld. Wenn er vor einem Problem stand, von dem er wusste, dass es lösbar war, grübelte er so lange, bis er es zu seiner eigenen Zufriedenheit gelöst hatte, und er gab sich nicht mit halben Sachen zufrieden. Umso ungeduldiger zeigte er sich gegenüber Pfusch. Ich sah oft in seinen blauen Augen, dass die halbgaren Stümpereien, mit denen ich in meiner Ungeduld zunächst ausprobierte, ob und wie etwas funktionierte, ihm auf die Nerven gingen. Er hatte das Ergebnis eben schon im Voraus gesehen, mit seiner optischen Intelligenz. Aber er ertrug es stoisch, meistens. Das ist der Vorteil, wenn man Chef ist.

Weitere Merkmale von ihm: Er spielte Gitarre, wobei ich nicht verstand, wie er es anstellte, mit seinen Riesenhänden die Akkorde richtig zu greifen, er konnte mehr Bier trinken, als die meisten Menschen Wasser vertragen und hatte einen Sinn für Humor, der manchmal ins Sarkastische abdriftete. Er hielt es für Ironie. Oder Bärbeißigkeit. Mit dem Sarkasmus klappte es, mit der Ironie misslang es.

Sven Mavens magisches Auge beruhte auf seinem Sinn für Winkel, aus denen er, wie mir schien, Kräfte und deren Fluss ableiten konnte; daher war er auch ein ausgezeichneter Billardspieler.

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