XX. Superkameras

Ein Zufall half, die Qualität der von uns übertragenen Bilder kundenfreundlich zu verbessern: Die Firma, die mein Patent mit den TV-Kameras erworben hatte, baute auch andere Kameras. Ich erzählte dem Vorstandsvorsitzenden dieser Firma beim Kaffee in einem Lokal am Landwehrkanal, wie gut es mir dank des Geldes, das sie mir bezahlt hatten, ging und nebenbei wie sich unsere Augen durch die Weltmeere schlugen (er behauptete, leidenschaftlicher Segler zu sein, was ich nicht beurteilen kann – mich kriegen keine zehn Pferde auf ein Segelboot, da ist mir alles zu klein und zu eng. Das sagte ich ihm natürlich nicht. Wir waren Freunde – oder wenigstens Geschäftsfreunde. Wir duzten uns: Er nannte mich Pardel, ich nannte ihn Volker. Er hieß ja auch so.). Er meinte spontan, ich solle in seine Niederlassung nach Jena kommen, da würde er mir gern einige Prototypen vorführen. Seine Mitarbeiter und er seien an etwas sehr Spektakulärem dran. Ich willigte natürlich ein. Ein Termin war schon für die darauffolgende Woche ausgemacht. Jena ist nicht weit von Berlin entfernt, also nahm ich meinen alten Fiat Lux (einen Wagen, den ich mir nicht nur des Namens wegen zugelegt hatte, wiewohl es sehr freundlich von den Turinern gewesen war, mich mit einem eigenen Wagen zu ehren) und fuhr hin.

Als ich mit Volker die Entwicklungsabteilung seiner Firma betrat, war ich beeindruckt, das gab ich gern zu. Sie entwickelten nicht, wie Volker angedeutet hatte, eine neue Kamera. Sie entwickelten sieben Kameras in einer. Jede einzelne Kamera deckte einen Winkel von knapp über 60° ab, womit unsere zukünftigen Lieferanten mit sechs Kameras eine 360°-Rundumsicht mit leichten Überlappungen aufnahmen; eine siebte Kamera benuzten sie, senkrecht nach oben ausgerichtet, um die Aufnahme des Himmels abzudecken. Die Korrektur der entstandenen Verzerrungen war ihnen ausgezeichnet gelungen, wie ich sehen konnte. Mit zwei dieser Geräte, Rücken an Rücken aufgestellt, könnte man alle Himmelsrichtungen auf einmal aufnehmen. Uns würde eine solche Kamera reichen, die, am Bauch (Verzeihung, es heißt ja Kiel) unserer Augen nach unten ausgerichtet, den gesamten Horizont und die Erde abdecken würde. Ich war sofort Feuer und Flamme – ganz, wie Volker es erwartet hatte.

„Setz’ diesen Visor auf, du wirst Augen machen!“, sagte er mir, ohne ein Wortspiel mit unseren Augen im Sinn zu haben. Er war offenbar sehr stolz auf ihr Produkt. Der Visor war groß und breit wie eine Skibrille. Die Ränder waren abgedunkelt; als ich ihn aufsetzte, sah ich zunächst direkt auf zwei kleine Monitore, die sich vor meinen Augen zentrierten (ein Techniker half mit Justierschrauben nach, ich sollte ganz entspannt nach vorne schauen und bitte nicht dauernd blinzeln). Dann schalteten sie das Gerät ein. Es war gerade Mittagszeit und sie hatten die 7-fach-Kamera an der Decke der Kantine angeschraubt. Die Übertragung begann. Volker war zu recht stolz auf sein Produkt. Es war umwerfend.

Vor meinen Augen entstand ein Bild der Kantine, als ob ich persönlich von deren Decke herunterschauen würde, was nicht weiter verwunderlich war, war doch die Kamera genau dort raummittig angebracht. Aber als ich dann den Kopf bewegte, hatte ich immer noch den Eindruck, als ob mein Kopf von der Decke aus hinunterschauen würde: Die projizierten Bildausschnitte veränderten sich so, als ob die Kamera meine Kopfbewegung synchron nachbilden würde. Ich schaute nach links und nach rechts, die Illusion war verblüffend. Ich runzelte die Stirn und die Kamera zoomte mich nach vorn; als ich mich weiter drehte, zoomte die Kamera zunächst zurück, dann machte sie den neuen Schwenk mit. Ich nahm keine Verzögerung wahr. Ich schaute nach unten und sah nicht meine Füße, sondern den Kantinenfußboden in einer scheinbaren Entfernung von drei Metern. Ich runzelte erneut die Stirn und der Boden zoomte auf mich zu, ich sah feine Kratzer im Linoleumbelag. Ich hielt die Stirn gerunzelt und bewegte den Kopf nach links, die Bilder stellten diese Bewegung nach. Diese Bewegung indes war schon zu schnell, in dieser Zoomstufe wurde mir ein wenig schwindelig. Schnelle Schwenks sollte ich besser ohne Zoom vollführen.

Ich muss unbemerkt ungewohnte Laute von mir gegeben haben, denn Volker lachte laut. Ich nahm die Brille ab, mir muss die Kinnlade heruntergeklappt sein.

„Wir haben einen Bewegungssensor in die Brille eingebaut; der Computer berechnet anhand deiner Bewegungen, welchen Bildausschnitt er dir zeigt, je nachdem, wohin du den Kopf bewegst. Der Computer bemerkt mittels Infrarotsensoren, in welche Richtung du schaust, und macht das Bild dort schärfer. Mit einem zusätzlichen Sensor nimmt er wahr, wie angestrengt du schaust, und aktiviert einen progressiven Zoom entsprechend bis zu einer 10-fachen Zoomstufe.“

„Soweit habe ich mir das schon zusammengereimt, ebenso die Zoomstufengeschichte. Eine zehnfache Vergrößerung ist zuviel, um den Kopf in einer natürlichen Bewegung zu schwenken, da wird mir übel, aber alles andere ist großartig. Ich muss euch gratulieren.“

„Danke. Ja, von Optik verstehen wir schon einiges…“

„Das sind genau die Kameras, die unsere Luftschiffe brauchen. Wann könnt ihr liefern?“

„Wir befinden uns augenblicklich in der Entwicklungsphase, aber wenn du mit dem jetzigen Ergebnis schon zufrieden bist und dir den Preis eines Prototypen leisten kannst, …“

„Ich habe eine bessere Idee: Ihr gebt uns die Super-Rundumkamera zum Selbstkostenpreis und wir sorgen dafür, dass sich die Abspielgeräte wie warme Semmeln verkaufen.“

„Wir haben eure Werbung doch nicht nötig!“

„Das denkst du! Eine bessere Plattform als unsere Luftschiffe findest du nicht. Wir können von überall auf der Welt zu jeder Zeit genau das übertragen, was die Menschen gerade sehen wollen, und ich muss zugeben, mit euren Kameras werden sie es noch besser sehen, als ich es mir vorgestellt habe. Die Kunden werden hinter unserem Angebot herlaufen wie die Kinder hinter Hamelns Flötenspieler.“

Wir verhandelten eine Weile weiter und verabredeten uns letztendlich mit dem Verkaufsmanager. Am Ende kam, wie immer, ein Kompromiss heraus: Wir erhielten die Kameras verbilligt, halfen im Gegenzug bei deren Entwicklung und beteiligten Volkers Firma an unseren Einnahmen. Darüber hinaus bekam sie auch eine Stimme in unserem Aufsichtsrat, um die Details würde sich Herr Augsburger zu kümmern haben. Unsere Kunden würden sich die Sichtgeräte selber zulegen müssen, aber ein Jahresabo bedeutete Rabatt beim Kauf (wir hofften alle, dass sie so viel für die Zusatzdienste ausgeben würden, dass sich diese Subvention auszahlte); anderenfalls würden sie sich mit einem viel schlechteren Ergebnis am Bildschirm zufriedengeben müssen. Im letztgenannten Fall wäre noch zu eruieren, welchen Ausschnitt wir den Kunden bieten, ob sie darin würden navigieren können und, wenn ja, wie. Später, als wir in Serie gingen, bekamen die Kunden ohne Sichtgerät zuerst den Ausschnitt serviert, den die Mehrheit gerade sah. Wenn ihr Bildschirm an eine Tastatur anzuschließen war, konnten sie selber navigieren, oder sie sahen eben nur das, was der Durchschnitt sich gerade ansah. Letzteres war ohnehin zumeist der interessantere Bildausschnitt, später von Sozialwissenschaftlern oft als ein weiteres Beispiel für die vermeintliche Weisheit der Massen zitiert. Dieses Beispiel ist natürlich Unfug, aber ich schwieg, um unsere finanzschwächeren Kunden nicht zu vergraulen. Schlimm genug, wenn man sich kein Sichtgerät der Extraklasse leisten kann. Über die Proleten, die im öffentlichen Personennahverkehr schlechte Musik aus blechernen Lautsprechern hören, anstatt sie wie zivilisierte Erwachsene über gute Kopfhörer zu genießen, lacht man auch nicht – und das nicht nur, weil man sonst Gefahr läuft, von denen zusammengeschlagen zu werden. Am besten ist sowieso, man meidet einfach die Bus- und U-Bahnlinien, in denen Prolls und Trolls sich häufen, wenn man es sich leisten kann.

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