XXI. Die Kokosinsel

Si l’État est fort, il nous écrase. S’il est faible nous périssons.i
Paul Valéry

„Herr Lux, wenn Sie eine Minute Zeit hätten…“

Ich sah Nicco an, legte meine Unterlagen und die Tastatur zur Seite und schaltete den Monitor aus. Ich zeigte mit der Hand auf den Stuhl vor meinem Schreibtisch.

„Natürlich habe ich Zeit, Nicco. Worum geht es?“

„Sie wollten ein neues Ziel für die Augen da draußen und mir ist eingefallen, dass ich neulich eine Sendung gesehen habe über diese Insel im Pazifik, auf der niemand wohnt…“

„Wie heißt die Insel, erinnerst Du Dich?“

„Ja klar, das war die Kokos-Insel, die Schatzinsel!“ii

„Die Schatzinsel?“ Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich hielt Nicco Gassi für einen Träumer, was Frauen angeht, für einen Schürzenjäger, ein wenig großmäulig und großspurig, nicht aber für einen Schatzjäger.

„Ja, die nennt man so, weil sie die Inspiration für das Buch „Die Schatzinsel“ gewesen sein soll. Kennen Sie’s?“

„Das Buch? Das von Robert Louis Stevenson? Ja natürlich, ich habe es als Kind gelesen und den Film gesehen. Aber ich glaube nicht, dass man mit den Augen Schätze finden kann…“ Ich war, gelinde gesagt, etwas überrascht von Niccos Vorschlag.

„Nein, es geht nicht um den Schatz, sondern um die Umgebung der Insel. Sie soll wunderbar sein.“

„Aber wir dürfen nicht über Festland fliegen und ebenso wenig an einer Küste entlang. Dieses Gebiet gehört doch zu einem souveränen Staat.“

„Ja sicher, zu Costa Rica, seit 1869. Doch wie sollen die Autoritäten uns daran hindern, dort zu filmen? Die wenigen Patrouillenboote, die sie haben, reichen nicht einmal aus, um Wilderer und Schwarzfischer unter Kontrolle zu halten. Für Hubschrauber gibt es keine Landegelegenheit, die würden uns in Ruhe lassen müssen. Und vielleicht kann Herr Augsburger sie davon überzeugen, uns filmen zu lassen, wenn wir ihnen im Gegenzug Hilfe bei den Kontrollfahrten ihrer Küstenwache anbieten.“

Das war gar nicht so dumm gedacht. Man bekommt eher etwas, wenn man als Ausgleich eine Gegenleistung anbieten kann. Ich dankte Nicco und rief Herrn Augsburger an. Wir machten uns über die Kokos-Insel sachkundig, flogen mit einem Auge schon mal in die Richtung und nahmen parallel mit Costa Rica Verbindung auf.

Als unser Auge ankam, hatten wir noch kein Abkommen mit Costa Rica geschlossen, aber da die Verhandlungen bereits gut liefen, entschlossen wir uns, den guten Willen unserer Verhandlungspartner auf die Probe zu stellen, und flogen die Küste der Insel entlang; insgesamt keine dreißig Kilometer. Die Insel ist leider chronisch stark bewölkt, das Augeschaffte es ohne starke Sonneneinstrahlung nicht lange. Wir flogen in das bewölkte Gebiet hinein und bei nachlassenden Akkus wieder heraus in die Sonne, die wenige Kilometer meereinwärts in der Regel wieder scheint, um sie aufzuladen. Seit dem Jahr 1997 gehört die Kokos-Insel zum Weltkulturerbe der UNESCO, im Jahre 2001 wurde das Schutzgebiet auf 22 Seemeilen rund um die Insel ausgeweitet. Dennoch sehen wir einige Touristenschiffe und Fischerboote, die eigentlich nicht dort sein sollten. Ins Landesinnere flogen wir gar nicht: Zum einen ist die Insel dicht bewaldet, so dass man nichts sieht außer Bäume, zum anderen gab es dort ursprünglich keine Säugetiere. Ratten, Katzen, kleine Hirsche und Schweine haben die Menschen, in erster Linie tatsächlich Piraten, vor etwa dreihundert Jahren eingeführt. Heute erweisen sich diese fremden Arten als ein Problem. Im Wasser sieht es besser aus, selbst wenn die illegalen Fischer großen Schaden anrichten und die lokalen Ordnungskräfte keine eigenen hochseetauglichen Boote zur Verfügung haben. Die Kommunikationsleitungen sind ebenso rudimentär, selbst heute noch.iii Meine geliebte Frau und ich beschlossen, Herrn Augsburger zu fragen.

„Die Costaricaner werden nicht begeistert sein, wenn Sie die Bilder, die Sie bisher nicht schießen dürfen, ungefragt ins Netz stellen; andererseits, wenn sie dann sehen, was dieAugen können und sie Unterstützung aus dem Rest der Welt kriegen, ja, vielleicht hilft es, die Verhandlungen zu unseren Gunsten zu entscheiden oder wenigstens zu beschleunigen…“

„Also Sie meinen, es spricht nicht wirklich etwas dagegen, wenn wir es uns zutrauen?“, unterbrach meine geliebte Frau sein Herumlavieren.

„Nein, es spricht nicht wirklich etwas dagegen außer, dass es nicht das ist, was wir mit den Costaricaner ausgemacht haben. Wenn die beleidigt zuschnappen, werden die Verhandlungen nicht leichter, falls wir sie überhaupt wieder aufnehmen dürfen. Und andere Länder werden sich das vielleicht merken“, erwiderte Herr Augsburger.

„Wir dürfen nur nicht zulassen, dass die Kommentare unserer Kunden über Costa Rica abfällig sind. Am einfachsten wird es sein, wir schreiben die Kommentare selbst. Wir loben dabei das Land und schreiben, wie schön es dort ist; wie vorbildlich, dass sie sich so viel Mühe geben, ihre Naturressourcen zu schützen und so weiter…“, meinte ich.

„Wer hat gerade Lenkdienst? Nicco?“, fragte meine geliebte Frau.

„Ja, Nicco“, antwortete ich.

„Ich rufe ihn an und instruiere ihn, an die Küste zu fliegen. Kümmerst du dich um die Kommentare unserer vermeintlichen Nutzer? Alles Negative wird diskret zensiert, wir lassen zudem einige positive Kommentare von unseren Praktikanten verfassen, auch auf Englisch und Spanisch, damit die Costaricaner es verstehen. Einverstanden?“

„Großartig.“

So wurde es gemacht. Ich hatte das erfreuliche Gefühl, es ginge mit unserem Unternehmen endlich los.

i „Wenn der Staat stark ist, erdrückt er uns. Wenn er schwach ist, gehen wir ein.“
ii 05°31′N 87°04′O / 5.517, -87.067.
iii Vgl. El Mundo, Madrid, 21. August 2009.
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