XXXI. ARABIS

La faiblesse de la force est de ne croire qu’à la force.i
Paul Valéry

Wir hatten in den ersten zwei Jahren seit der Gründung unserer Firma nunmehr an die 700 Augen flügge gemacht und bereits an die 150 Stück verloren, drei von ihnen waren mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gestohlen, mindestens vier waren offenbar abgeschossen worden; von den 70 bis dahin gebauten Vendobionten hatten wir drei verloren. Kein Grund zum Verzagen, wir wurden zunehmend besser und unsere Augen und Vendobionten gleichermaßen. Die meisten Augen waren verloren gegangen, weil die Nutzer im Netz dumme oder riskante Befehle erteilt oder die Befehle mit anderen so koordiniert hatten, dass sie die Schiffe in ihre Gewalt hatten bringen können. Beides würden wir noch lernen müssen, schneller zu identifizieren und zu unterbinden. Mittlerweile durften wir über immer mehr und immer interessantere Länder fliegen (die Meere standen uns nach geltendem Völkerrecht weiterhin offen), unsere Maschinen konnten immer genauer und sicherer fliegen, wir waren inzwischen sogar in der Lage, aus den Bewegungsmustern unserer fliegenden Kameras zu erschließen, was wen interessierte:

Wir wussten…

… wer von unseren Kunden ein wirtschaftliches Interesse verfolgte (Paradebeispiel: Fischereiunternehmen, die in Erfahrung bringen wollten, wo es sich lohnt, die Netze auszuwerfen und welchen Fang die Wettbewerber einfingen. Zudem gab es unzählige andere Teilnehmer mit wirtschaftlichen Interessen, eigentlich schien jeder zweite Kunde verdeckte wirtschaftliche Interessen zu verfolgen: Die Spekulanten, die wissen wollten, wie die Ernte ausfallen würde, schauten sich die Felder an und orderten entsprechend dem, was sie sahen, ihre Puts und Calls auf Agrarprodukte. Andere benutzten die Infrarotkameras für die Suche nach Bodenschätzen. In den Alpen wurden Skipisten mit den Augen überwacht. Hotelbetreiber im Mittelmeer kamen auf die Idee, Quallenschwärme mit unserer Hilfe zu verfolgen und entsprechend ihre Schutznetze einzusetzen…),

… wer ästhetisch motiviert war (das las man aus den Foren heraus, die zuerst wir gegründet, die sich dann aber wie Pilze nach einem Sommerregen allein gebildet hatten: Wer unter ästhetisch etwas Kitschiges versteht, kommt aus den „Ooohhhhs“ und „Aaahhhs“ beim Kommentieren nicht mehr raus. Man kann sich seine Kunden leider nicht immer aussuchen. Intern nannten wir sie die „Eiderdause“ oder die „Ohwieniedlichs“, beides mit Singsang betont.),

… wer wissenschaftlich interessiert war (verfügte über wenig Geld, wenn privat angetrieben; war ewig in Gremien verwickelt, wenn institutionell beauftragt),

… wer ludisch plante (Motorradfahrer schauten, wo es im Umkreis regnete, und fuhren in die entgegengesetzte Richtung; Segler wollten wissen, woher der Wind blies) usw. usf.

Viele Nutzer schienen überhaupt keinen Plan zu haben und wechselten planlos von Auge zu Auge, wie beim Zappen. Die Werbewirtschaft schien gerade diese Kunden zu mögen, ich verstehe das nicht, vielleicht hielten sie sie für dümmer und daher beeinflussbarer oder für unentschlossener, ergo dito. Ich hätte angenommen, dass kleine, genau umrissene Kundengruppen eine zielgerichtetere Werbung erlauben würden und daher wertvoller sein sollten, aber so kann man sich täuschen.

Es entstand eine neue Art Kinosaal, in dem allein unsere Bilder gezeigt wurden, mit Kopfhörern an den Sitzlehnen, aus denen man verschiedene Kommentare oder musikalische Untermalung wählen konnte. Die Kinos waren wie Planetarien aufgebaut – die Sitze beinahe waagerecht, das Bild wurde auf eine kuppelförmig gewölbte Decke projiziert. Wenn man unsere Bilder bearbeitete, schnitt, gut kommentierte und mit Musik unterlegte, waren mit ihnen sehr schöne Dokumentarfilme herzustellen. Da wir das alles ausdrücklich erlaubten (unter Einbehaltung des Copyrights und natürlich gegen Gebühr), stand dem Erfolg dieser neuen Kinoform nichts im Wege. Auch über diese Kinos erfuhren wir viel über den Geschmack unserer Kundschaft und banden sie an uns.

Und dank der von uns erzeugten Datenfülle und unserer cleveren Auswertung derselben wussten wir, meine geliebte Frau und ich, dass etwas nicht stimmte.

Wir verließen uns nicht nur auf die Daten unserer Augen und Vendobionten, wir zogen des Weiteren andere Quellen zurate: Die Presse meldete, es sei ein Krieg ausgebrochen zwischen dem Jemen und einer radikalen Tierschützerorganisation, eine NGO (Non-Governmental-Organisation) namens Animal Rights Against Bigotry, Ignorance and Superstition, kurz arabis. Die Presse weiß nicht, was sie schreibt: Krieg kann es nur zwischen Staaten geben, zwischen einem Staat und einer NGO kann es per Definition nur Terror gegen Staatsgewalt geben. Der Staat hat immer Recht, das trifft per Definition selbst auf einen Staat wie Jemen zu; die NGO setzt sich, sobald sie Gewalt anwendet oder diese auch nur in Betracht zieht, unweigerlich und automatisch ins Unrecht. Diese Tatsache wird nicht vergessen, wenn sich die NGO einen psychologisch noch ungeschickteren Namen gibt als den, den sich in Deutschland in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts eine Gruppe gegeben hatte, die die Deutschen an die Royal Air Force denken ließ – jene Englische Luftwaffe, von der sie dreissig Jahre davor zerbombt worden waren. Psychologisch ungeschickt. Dafür kämpft ARABIS auf der reellen, nicht psychologischen Ebene, mit allen Mitteln, inklusive unserer Schiffe und der somit gewonnenen Daten (wie jeder andere Kunde im Prinzip auch). Sie taten es allerdings heimlich. Wir wurden missbraucht. Anderweitig ließe es sich nicht erklären, dass von den 550 flugfähigen Augen, die wir mittlerweile unser Eigen nannten, 30 über den Aberdare Nationalpark in Kenia flogen. Dort, wo die letzten geschätzten 35 schwarzen Rhinos in ihrer natürlichen Umgebung lebten. Deren Hörner waren auf dem Schwarzmarkt angeblich bis zu 300.000 US-Dollar pro Exemplar wert, insgesamt knapp über 10 Mio. Dollar. Nicht viel, aber für arme Menschen aus der Region entsprach das einem beachtlichen Vermögen. Wenn man die 10 Mio. Dollar als Spende für die Region aufbrachte, was in der Vergangenheit wiederholte Male vorgekommen war, existierten die Rhinos weiter, nachdem die Mittel verteilt worden waren. Die Folge: Andere Wilderer wollten sie erneut jagen, wenn man sie nicht ebenfalls auszahlte. Man brauchte neue Millionen, wieder und wieder. Die radikalen Tierschützer schienen zu denken, dass die Wilderer sich wie Erpresser verhielten (womit sie so falsch nicht lagen, aber welche Alternativen hatten die Erpresser?) und dass grundlegend etwas an der Bedrohung geändert werden müsste.

Es ist nicht uninteressant zu beobachten, dass alles, was man in aufgeklärten westlichen Kreisen als böse und verachtenswert betrachtet, alles, was die Unterdrückung einer Minderheit zur Folge hat oder eine Spezies in Gefahr der Ausrottung bringt, in US-Dollar berechnet wird. Auch Erdöl, Uran, die meisten Mineralien und viele Grundnahrungsmittel werden in US-Dollar angegeben, ebenso Flugzeuge, zivile wie militärische, und natürlich Waffen. Die Tatsache, dass die US-Währung zunehmend weniger wert war, änderte daran nichts, ganz im Gegenteil: Je mehr der Dollar entwertet wurde, desto inflationärer stiegen die Preise. Demgegenüber gibt es nur Weniges, das als Standardwährung in Talern gemessen wird. Die Dienste unserer Augen sind ein Beispiel. In britischen Pesos und in russischen Monopolinskijs wird praktisch gar nichts mehr bewertet.

Rhinos besaßen Hörner, die in der traditionellen chinesischen Medizin als Aphrodisiakum galten. Diese Annahme hatte sich jedoch mit der Entwicklung der modernen Medikamente gegen erektile Dysfunktion (bekannt aus Funk, Presse, Bild und aus der täglichen Spam-Ration) weitestgehend erledigt. Selbst die borniertesten, traditionsbehaftetsten Chinesen sahen ein, dass Viagra, Cialis, Propoyeutikum, Priaponesium, Vizarsinii (Viagras Klon, ein Generikum, von Kern Pharma hergestellt) und wie die NO-regulierenden Medikamente alle hießen, besser als Rhinohörner, Tigerpenis, Austern und Spanische Fliegen waren, wenngleich ARABIS dafür etwas radikal und, wie man gleich sehen wird, sehr geschmacklos werden musste. Diejenigen, die das nicht einsahen, waren die „Ignoranten“, die bei ARABIS für die Abkürzung „I“ standen, und für die „Abergläubigen“ galt das „S“. ARABIS wollte offenbar durch das, was die Presse als „Krieg“ bezeichnete, dem Völkerrecht nach aber leider nur Terror war (habe ich gerade in meinen Diktiertranskriber „leider“ gesprochen?), diesem Handel einen Riegel vorschieben. ARABIS hatte nicht vieler Morde bedurft, um die chinesische Seite des Rhinohornhandels zu unterbinden. Die Morde waren spektakulär, geschmack- und rücksichtslos und vor allem – das war wohl das wichtigste – sehr gut dokumentiert und medial intensiv ausgeschlachtet worden. Die Taktik von ARABIS ging auf. Sie hatten eine bemerkenswerte mediale Kompetenz gezeigt, sie wussten, wie man schockiert: Die veröffentlichten Bilder der ermordeten Händler, zum Teil mit der Ware, die sie feilboten, in verschiedenen natürlichen oder gewaltsam erzeugten Körperöffnungen sichtbar, oder die Bilder ihrer Konkubinen, gehäutet und an den Füßen aufgehängt, daneben ihre Haut wie zum Gerben aufgespannt, die Bilder ihrer Mitarbeiter, gevierteilt, erschlagen, kastriert, und die Videos der brennenden Lagerhäuser, um nur einiges zu nennen von dem, was ARABIS verbreitete, verfehlten ihre beabsichtigte Wirkung nicht. Ganz besonders schockierend waren die Bilder, in denen die Kinder eines Händlers gezeigt wurden. Der Händler hatte sich ursprünglich an der chinesisch-burmesischen Grenze niedergelassen, von wo aus er mit Duldung der burmesischen Militärjunta einen regen Handel mit lebenden und toten Tieren betrieb. Diese geografische Lage bot dem Händler viele Vorteile, unter anderem weil in dieser abgelegenen Gegend die Geburtenbeschränkung der chinesischen Regierung qua Exterritorialität außer Kraft gesetzt war. Das sollte sich in diesem Fall noch rächen. Zahlreiche Chinesen kamen aus der immer noch sogenannten Volksrepublik hierher, um seltene, bedrohte Tiere zu speisen, das galt als chic in manchen Kreisen, oder um das in Wein gelöste Gallensekret von grausam gehaltenen Bären zu trinken, weil es angeblich gut gegen Gicht, Augenleiden und Hypochondrie sein sollte. Viele Einheimische kamen auch, um gemahlene Tigerknochen in Schlangeblut aufzulösen und kalt zu trinken und – das galt als besondere Delikatesse – um das Hirn lebender Makaken zu schlürfen. Zu diesem Zweck wurden die Makaken an besonderen Tischen festgebunden: Die Tische wiesen kleine Löcher auf, oberhalb dieser Löcher wurden die Makakenköpfe festgehalten, darunter die Körper, wie in einem waagerechten Pranger. Anschließend wurde den Tieren bei lebendigem Leibe die Schädeldecke aufgebrochen, um aus dem offenen Kopf das Gehirn genießen zu können. Naja, genießen… Die schockierendsten Bilder waren nun die, auf denen an diesen Tischen die Kinder des Großhändlers die Stelle der Makaken einnahmen. Der Vater, nackt und festgebunden, musste zusehen, als seine fünf Söhne der soeben beschriebenen Prozedur unterzogen wurden. Am runden Tisch festgehalten, die Blicke zur Tischmitte gerichtet, so dass sie sich gegenseitig beim Sterben zusahen, schrien sie vergebens um ihr Leben. Über ihren skalpierten und geöffneten Köpfen (auch diese Prozedur wurde gefilmt) wurden Drahtgitter befestigt, in die je eine offenbar sehr hungrige Ratte eingeführt wurde. Die Bilder waren nichts für schwache Nerven, aber sehr erfolgreich. Viele Menschen haben eine sadistisch-voyeuristische Ader, viele luden die Bilder herunter und wieder herauf auf eine andere Adresse, wenn die erste von den Zensurbehörden gesperrt wurde. Anschliessend wurden die drei Töchter nackt festgebunden und grausam von einem Hunderudel vergewaltigt, ebenso vor den Augen des Großhändlers, abschließend bei lebendigem Leibe gevierteilt und den Bären (denen mit der angezapften Galle) zum Fraß vorgeworfen. Selbst diese Szenen entwickelten sich zu einem riesigen Publikumserfolg, besonders die Nahaufnahmen mit den Hunden. Erst dann wurde auch der Tierhändler langsam umgebracht, nach alter chinesischer Sitte. Alles vor laufender Kamera. Die chinesische Regierung protestierte wegen der Missachtung ihrer kulturellen Identität, aber nur bis sie merkte, dass es zum einen keine Instanz gab, bei der sie sich hätte beschweren können, und zum anderen, dass es auf sie selbst ein schlechtes Licht warf, wenn sie die Täter nicht fassen konnte (unabhängig davon, ob eine Verschwörung von Ausländern, wie sie behaupteten, vorlag oder nicht). Daraufhin gingen die chinesischen Autoritäten eine Zeit lang tatsächlich gegen die verbliebenen Tierhändler vor, sogar jenseits der Grenze in Burma selbst und in Vietnam. Dieses strenge Verhalten hielten sie aber nicht lange durch. Es wäre ja auch ein Sieg für ARABIS gewesen und das durfte nicht sein.

Was immer man über die chinesischen Händler dachte oder über die selbstgerechten Mörder von arabis, sicher ist, dass die Jemeniten ein anderes Kaliber waren: Sie wollten Rhinohörner zum Spaß, zum Angeben, um daraus Griffe für ihre traditionellen Krummdolche, die jambiasiii, herzustellen. Ja, was mit der Tradition nicht alles entschuldigt wird! Für umweltbewusste Westler mit einer Mission die reine Provokation. (Nota bene: Ich will damit nicht behauptet haben, dass hinter ARABIS nur Westler gestanden hätten. Die meisten Unterstützer, Mitglieder, Drahtzieher, Rädelsführer bildeten zwar reiche westliche Idealisten und Träumer, aber ARABIS war global, keine Frage. Sie hatten al-Qaida gut studiert.) Eine Zeit lang war ARABIS dem Problem durch Fälschung begegnet: Die Jemeniten wollten Rhino-Schafte für ihre Krummdolche, dann machte man eben Rhino-Schafte aus andern Materialien und verkaufte sie als echt. Dass man aus den Hörnern von 67 in der freien Natur lebenden Nashörnern 2.000 Dolche herstellen konnte und es letztendlich noch ganze 50 Nashörner gab, war ein Erfolg dieser Methode, die sich obendrein als sehr lukrativ für die Fälscher herausstellte. Nur konnte leider (ich habe schon wieder „leider“ in meinen Diktiertranskriber gesagt, diesmal hingegen meine ich es) der Erfolg dieser Taktik nicht von Dauer sein. Wer so viel Geld ausgibt, stellt Nachforschungen an: Wieso hat mein Nachbar ebenfalls einen Krummdolch? War meiner nicht einer der letzten? Wer kriegt dieses Geld, mein sauer verdientes oder gestohlenes Geld, das ihm nicht zusteht?

Die Antwort war klar: arabis. Die Reaktion der Jemeniten war ebenso klar. Sie organisierten Expeditionen, um die letzten schwarzen Nashörner zu jagen. ARABIS bewachte das Gebiet, in dem die letzten Nashörner lebten, mit Hilfe einiger unserer Augen, die sie unserer Kontrolle geschickt entzogen hatten.

Meine geliebte Frau kam dahinter, wie sie es angestellt hatten. Auf der untersten Ebene unseres Steuerungssystems, dort, wo wir selber eingriffen, um die Routen der Augen nach unserem Willen zu beeinflussen, fälschte jemand die Wünsche unserer Kunden, um die Steuerungsbefehle, die von der Mehrheit der Nutzer bestimmt sein sollten, in seinem Sinne zu manipulieren. ARABIS ging in unserem System ein und aus, weil jemand Zugang zum BIOS (Basic Input Output System) über eine backdoor erlangt hatte. Eine backdoor ist eigentlich eine ganz normale Sicherung, die jeder Programmierer in seine Entwicklungen einbaut, um im Problemfall, zum Beispiel im Falle eines Systemabsturzes, einen Zugang für die nötigen Reparaturmaßnahmen zu erhalten. Da dieser Zugang den Programmierern und Entwicklern gerade dann wichtig ist, wenn das System blockiert ist, baut man diese backdoor so ein, dass man damit gerade die gewöhnlichen Authentifizierungs- und Sicherheitsmechanismen umgeht. Dieses Prinzip ist gewollt, bedeutet aber natürlich gleichermaßen ein erhebliches Sicherheitsrisiko – jede Firma, die einen externen oder internen Programmierer beschäftigt, sollte sich dessen bewusst sein. Selbst Jahre später kann ein solcher Mensch unautorisiert Zugang zum System erlangen. Und niemand wird es merken, bis die Folgen nicht offensichtlich werden.

Wir hatten keine externen Programmierer beschäftigt, meine geliebte Frau hatte das Programm für unsere Augen nahezu allein geschrieben. Und ARABIS war clever gewesen: Sie hatten nur wenige unserer Augen gekapert und mit der Aktion zudem so lange gewartet, bis es so viele Augen gab, dass es kaum auffallen dürfte, dass sie über einige Dutzend von ihnen die Kontrolle übernommen hatten. Aber meine geliebte Frau bemerkte es trotzdem.

„Schau, was hier jemand macht!“, sagte sie mir eines frühen Morgens. „Siehst du dieses Auge in Kenia? Es wird beinahe ausschließlich von Kunden gesteuert, die in Amerika wohnen, wo gerade tiefste Nacht ist.“

„Von einer neuen Gemeinschaft?“ Wenn sich Nutzer zusammentaten, um ein Auge auf ein bestimmtes (für sie offenkundiges wichtiges) Ziel zu lenken, kamen gelegentlich Konflikte zwischen Gruppen auf, die über Kontinente hinweg zu nachhaltigen Feindschaften führten, wenn sich die Wünsche beider Gruppen mit den lokal verfügbaren Augen nicht befriedigen ließen.

„Nein, das ist nicht der Punkt. Ich glaube, die kennen sich gar nicht untereinander. Wenn bei denen Tag ist, schauen sie alle ganz normale Sachen. Na ja, normal für Amerikaner halt. Jeder hat seinen eigenen Rhythmus, seine Lieblingsmotive, seine Gewohnheiten. Nur des Nachts, da synchronisieren sie sich oder sie werden synchronisiert. Das ist doch merkwürdig, nicht wahr?“

„Und was schauen sie sich dann an?“

„Den Aberdare Nationalpark in Kenia.“

„Amerikaner haben ein Interesse an Kenia? Seit wann denn das?“

„Sei nicht so zynisch! Seit Obama wissen die Yanks sogar, wo Kenia liegt. Aber was mich wundert, ist, dass es vermutlich keine Amerikaner sind, die diese Steuerungsbefehle geben.“

„Wie kommst du darauf?“

„Ich beobachte es schon eine Weile. Im Laufe des Tages, wenn die Amerikaner aufwachen, geben sie die Kontrolle über dieses Auge auf, aber das Auge bleibt in Kenia. Dann wird es von Japan aus gesteuert. Während die meisten Japaner schlafen. Daraufhin übernehmen die Chinesen, anschließend die Russen, dann die Europäer, und wenn sie aufwachen, wieder die Amerikaner.“

„Die ganze Mühe wegen eines Auges in Kenia?“ Ich wunderte mich.

„Nein, nicht wegen des einen Auges. Sie haben zwölf unter ihrer Kontrolle. Allein im Aberdare Park.“

„Was?!?!“

„Im Aberdare Park fliegen im Allgemeinen zwischen zwanzig und dreißig Augen. Zwölf tun das zu Unrecht und sie beobachten vor allem die Gegend, in der die schwarzen Nashörner leben. Die anderen verhalten sich normal, sie schauen auf alles, was unsere Kunden sonst gern beobachten, vor allem schöne Landschaften.“

„Kommt dieses Phänomen auch woanders vor?“

„Das habe ich bisher nicht entdeckt. Wenn es ihnen hier gelingt, werden sie es woanders sicher ebenso hinkriegen, wenn sie es wünschen, aber ich weiß es nicht.“

„Und wie stellen sie es an?“

„Das ist die Frage, die mich umtreibt. Ich glaube, jemand hat bei uns eine backdoor eingebaut.“

Ich verstehe vom Programmieren viel weniger als meine geliebte Frau, aber die Tragweite dieser Aussage war mir sofort klar. Unser System war nicht sicher. Das durfte nicht sein. Bis jetzt hatte der Hacker keinen wirklichen Schaden angerichtet, wie es schien. Er hatte sich lediglich eine Dienstleistung erschlichen. Er hatte unsere Augen benutzt, obwohl unsere zahlende Kundschaft vermutlich etwas anderes hätte sehen wollen. Er hatte dafür sicher viel Mühe und kriminelle Energie aufwenden müssen. Wie hatte er das bloß angestellt? Genau das fragte ich. Die Antwort hätte ich mir denken können.

„Es kann nur jemand gewesen sein, der beim Aufbau des Systems mitgemacht hat, oder jemand, der meine eigene backdoor ausfindig gemacht hat. Dazu müsste er jedoch meine Codes kennen und die sind nicht trivial. Demzufolge war es jemand, der von Anfang an dabei war.“

„Beata!“

„Denke ich mir auch.“

„Was machen wir jetzt?“

„Es wäre ein Einfaches, die backdoor zu schließen. Aber wenn sie sich andere Hintertüren eingebaut hat, finden wir diese vielleicht das nächste Mal nicht. Diesen Vorgang habe ich zufällig entdeckt, weil mir aufgefallen ist, welch ungewöhnliche Userkonstellation wir hier hatten. Ich würde das Geschehen lieber eine Weile beobachten, um zu sehen, was sie vorhat. Solange sie keinen echten Schaden anrichtet, können wir abwarten. Sie weiß nicht, dass ich ihr Eindringen entdeckt habe. Und die backdoor selbst habe ich auch noch nicht, ich vermute nur, dass sie eine benutzt.“

„Was ist so besonders am Aberdare Park?“

„Es ist eines der vielen Naturreservate in Kenia. Keine Ahnung.“

„Du hast recht, wir sollten abwarten. Du beobachtest, wer unsere Augen kontrolliert und was Beata Nalga, sofern sie überhaupt allein agiert, damit anstellt. Ich mache mich derweil über den Aberdare Park kundig.“

i „Die Schwäche der Gewalt besteht darin, dass sie ausschließlich auf Gewalt setzt.“
ii „Sin“ wie das englische „Sünde“ oder das spanische „ohne“? Kann denn Liebe oder Sünde „ohne“ sein? Es gab auch einen Philipinischen Kardinal (katholisch, natürlich!), der hieß auch Sin.
iii Vgl. Richard Ellis,„No turning back. The Life and Death of Animal Species“, Harper Collins, New York, 2004,S. 207.
< zurückvor >

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.