XXXIX. Die Wüste Kiro

Quis Custodiet Ipsos Custodesi.
Juvenal (~128 nach J.C.)

Die Wüste Kiro befindet sich auf dem Gelände, auf dem sich früher der Flughafen Tempelhof befand, und wird von den Berlinern so genannt, weil seit der Schließung des denkmalgeschützten Flughafens vor mittlerweile neunzehn Jahren dessen Gelände nichts mehr gewachsen ist außer Unkraut. Das liegt zum einen an einem erbitterten Rechtsstreit mit der Türkei, die als Rechtsnachfolger des Osmanischen Reiches auftritt, und zum anderen daran, dass kein liquider Investor ernsthaftes Interesse am Erwerb des Grundstücks gezeigt hat. Dieses vermeintliche Desinteresse ist ein schlechtes Zeichen für Berlins Anziehungskraft als Industriestandort, bietet uns als expansionswilliges Unternehmen andererseits eine ungewöhnliche Chance dar.

Während dieser neunzehn Jahre seit der Einstellung des Flugbetriebs hat nur der dicke Bernd, ein Berliner Original aus Bremen, Schafe auf die Weide zwischen den Rollfeldern geführt, mehr gab das Gelände nicht her. Die zwei Pisten zeigen deutlich die Spuren des winterlichen Frostes, die Gebäude und Hangars rosten ungepflegt vor sich hin. Nur ab und zu stört ein Marketing-Event die Ruhe, zum Beispiel die Vorstellung eines neuen Automodells. Die Fachjournalisten fahren dann auf der weiten Fläche die Autos aus, toben sich in dem hindernisfreien Gelände aus und achten kaum auf das, was früher der schönste Flughafen der Welt war.

Die Türkei liegt im Rechtsstreit mit dem Berliner Senat, weil sich auf einem guten Drittel des ehemaligen Flughafengeländes früher ein türkischer Friedhof befand. Diesen Friedhof schenkte König Friedrich Wilhelm III. den türkischen Angehörigen der Königlich Preußischen Armee. Der erste Leichnam, der auf dem Areal begraben wurde, war der des Dichters Ali Aziz Efendi im Jahr 1798. In den Jahren danach wurden türkische Politiker, Wissenschaftler, Geistliche, ein Botschafter, eine Prinzessin und sogar ein Freiheitskämpfer dort begraben nebst zahlreichen „gewöhnlichen“ türkischen Bürgern. Im Jahr 1866 musste der Friedhof um einige hundert Meter verlegt werden, um Platz für den Bau einer Kaserne zu machen, womit die Ansprüche auf das Grundstück nach Meinung des Klägers, der Türkischen Islamischen Republik, zusätzlich gefestigt wurden. Der Flughafen Tempelhof wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zwar erweitert und überdeckt seitdem einen Teil des alten Friedhofs, aber eine derartige Nutzung war zu jener Zeit nur dank des Alliiertenrechts möglich. Die Alliierten, allen voran die USA, haben die Flughafenerweiterung genehmigt, aber wenn der Flughafen seine Bestimmung ändert (was nach Meinung der türkischen Juristen spätestens Ende Oktober des Jahres 2008 mit der endgültigen Einstellung des Flugbetriebs und der gleichzeitigen Schließung des Flughafens der Fall war), steht der Friedhof wieder der Türkei zu. Um dementsprechend auf der Wüste Kiro unsere größeren Luftjachten bauen zu können, würden wir uns mit unseren türkischen Mitbürgern unterhalten müssen.

Den Berliner Senat dazu zu bewegen, uns das Gelände, die alten Hangars, die Hallen und die Büroräume zu vermieten, sollte hingegen nicht wirkliche schwer werden: Eine kleine Bestechung würde reichen, um die Brache zum neuen Leben erwecken zu dürfen. Die Bestechung fiel bescheiden aus, die Verantwortlichen freuten sich, das Thema endlich los zu sein: ein wenig Geld unter der Hand für die Verkehrssenatorin, Frau Esmegma Praeputschka, eine Spende für ihre Partei und das Versprechen unsererseits, der Stadt eine Mischung aus Kunstprojekt, didaktischer Museumsinstallation und Straßenbeleuchtung zu schenken und auf unsere Kosten für deren Betrieb zu sorgenii. Des Weiteren möchte die Partei der Senatorin unsere mittelgroßen Luftjachten für Wahlkampfwerbung nutzen dürfen, sobald die ersten Exemplare flügge würden. Da diese Idee gleichzeitig Werbung für unsere Produkte bedeuten würde, inklusive der damit einhergehenden Überfluggenehmigung für das Stadtgebiet (Parteiwerbung ergibt schließlich nur dort wirklich Sinn, wo viele Menschen zuschauen, nicht auf dem platten Land), betrachtete ich diese Bestechung als sehr günstig für uns. Der Wirtschaftssenator, Seine Excellenz Herr Ismaelit Sarracuda, wollte ebenfalls die Hand aufhalten, natürlich, und seine Partei sollte auch nicht zu kurz kommen – das konnten wir uns leisten.

Den Türken hingegen mussten wir etwas Handfesteres und weniger Vandalismusanfälliges als ein Kunstprojekt anbieten – hier erwies sich unser Junger Hiwi, Ali Ben Otrefuah, derjenige, der damals als Einziger den Aufstieg des ersten Vendobionten fotografiert hatte, als unerwarteter Kontakt. Ali war kein Türke, seine Familie stammte aus Algerien, wo sein Großvater gegen die Franzosen gekämpft hatte (daher sein Name, ursprünglich der nom de guerre, den er von den verärgerten Franzosen bekommen hatte, weil er sie angeblich ein ums andere Mal angegriffen hatte, auf Französisch eben „une autre fois et ancore une autre fois“ – so jedenfalls erzählte es Ali). Irgendwann waren die Franzosen aus Algerien vertrieben worden, daraufhin emigrierte Alis Vater zunächst in die Schweiz, später kam er nach Berlin, wo schließlich Ali zur Welt kam und aufwuchs.

Ich verabredete mich zusammen mit meiner geliebten Frau im Café Morgenland mit den Türken direkt am Theo-van-Gogh-Platz, dort, wo die Manteuffelstraße von Paul-Lincke-Ufer kommend auf die Skalitzer Straße stößt, im Schatten einer riesigen Platane gegenüber der Moschee. Uns gegenüber saßen zwei Herren in teuren Anzügen und billigen Hemden, mit Gel in den Haaren. Einer der beiden spielte mit etwas, was in meinen Augen wie ein Rosenkranz aussah, was er selber sicher nicht so bezeichnete. Ali saß am Rande und hörte und schaute zu. Wir tranken Kaffee und erläuterten unsere Baupläne am Flughafen. Die Türken unterbrachen uns nicht, wechselten manchmal ein Wort auf Türkisch, was wir natürlich nicht verstanden (Ali spricht kein Türkisch und nur rudimentär Arabisch) und nickten uns regelmäßig und wohlerzogen zu. Als wir uns am Ende verabschiedeten, hatte ich nicht den Eindruck, große Fortschritte erzielt zu haben, aber das war beim ersten Treffen kaum zu erwarten gewesen. Unsere Gesprächspartner waren nicht befugt, selbstständig Entscheidungen zu treffen, wie wir später bemerkten – sie waren nur vorgeschoben worden. Von wem, erfuhren wir nicht, aber wir bekamen zwei Tage später eine Antwort: Sie waren unter bestimmten Bedingungen einverstanden. Diese Bedingungen waren nicht so schlecht, wie ich befürchtet hatte.

Zum Glück wollten die Türken keinen Anteil an unserem Unternehmen, da waren sie anders gestrickt als die große InTschuRanz. Ich hätte mich auch geweigert. Sie wollten unsere Schiffe, um Leichenrückführungen in die Türkei anzubieten. Bei einer jährlichen Sterblichkeitsrate von etwa 10 pro 1.000 Einwohnern und einer halben Million Türken in Berlin war das eine einleuchtende Geschäftsidee, besonders, wenn die Muftis, Imame oder wie die zuständigen Geistlichen bei ihnen hießen, Geld zuschießen sollten. Sie verlangten einen direkten Zugang von der Moschee an der Hasenheide neben dem Flughafen zum Flughafengelände. Sie wollten ihre Luftjachten grün gestrichen haben (was mit den Grätzel-Zellen nicht sinnvoll zu bewerkstelligen schien). Sie beanspruchten die Luftschiffe beinahe für umsonst (darüber sollte noch zu reden sein; letztendlich einigten wir uns darauf, das erste Luftschiff umsonst zur Probe bereitzustellen, die weiteren jedoch sollten sie regulär bezahlen). Und sie signalisierten Eile. Dabei hatten wir noch nicht ein einziges großes Luftschiff gebaut! Am eiligsten indes hatten wir es: Praktisch alle wichtigen Komponenten hatten wir ja bereits an den Vendobionten ausprobiert, die Konstruktionspläne waren fertig, die Produktionspläne lagen in der Schublade, detailliert ausgearbeitet. Als ich unseren jungen Hiwi durch unsere alten Hallen gehen sah, war ich geneigt, ihm den Ehrentitel des Padawan zu verleihen, aber er wollte lieber Scheich El-Rais genannt werden. Ich machte ihn die Freude und dachte für mich: Allah ist groß – Ali ist der Größte. Ich hätte damals, als er zum ersten Mal mit seiner Kamera bei uns auftauchte, bei der Lufttaufe des ersten Vendobionten, nicht gedacht, dass er uns je einen so wichtigen Kontakt würde vermitteln können. Umso mehr freute ich mich jetzt.

i „Wer bewacht die Bewacher?“
ii Das Kunstprojekt war meine Idee und ich muss zugeben, dass ich sie reizvoll fand, selbst wenn sie nicht entscheidend bei der Vergabe des Pachtvertrages für den ehemaligen Flughafen und damit im Grunde überflüssig war. Es schmeichelte dafür meine Eitelkeit, das ist auch nicht schlecht. Es handelt sich bei dem Projekt um einen begehbaren Gang, fünf Meter über dem Boden, vom Anfang der Chausseestraße in Berlin Mitte bis zum Ende der Leopoldstraße im Wedding. Ursprünglich war noch ein kleines Stück über den Kurt-Schumacher-Platz bis in die Scharnweberstraße hinein geplant, aber so weit kam es dann doch nicht. Leider scheiterte mein ursprünglicher Wunsch, den Gang vom Berliner Dom am Alexanderplatz Unter den Linden durch das Brandenburger Tor die Straße des 17. Juni entlanführen zu lassen am Denkmalschutz: Ich hätte gern den Gang durch das Tor und durch die Siegessäule (oder das Tor und die Siegessäule durch den Gang, je nachdem, wie man es betrachtet) geführt, aber das war natürlich nicht gangbar. Insgesamt war der Gang fast sechs Kilometer lang, verlief die ganze Strecke lang beinahe geradeaus, war im Querschnitt ein gleichseitiges Dreieck mit 5,19 Metern Seitenlänge, reichte demnach an der Spitze 4,5 Meter hoch und stellte im Inneren das erste mir bekannte maßstabsgetreue Modell des Sonnensystems dar, im Maßstab eins zu einer Milliarde abgebildet. Die beiden oberen Seiten des Dreiecks waren aus denselben Elementen gebaut, aus denen wir die Vendobionten und bald unsere Luftjachten herstellten: gleichseitige Dreiecke mit einer Seitenlänge von zwei Metern. Von diesen benutzten wir auf jeder Seite drei Reihen, abwechselnd auf eine Seite und auf eine Spitze gestellt, womit wir den Gang bündig abschlossen und, wie ich meine, interessante optische Effekte schufen: Je nachdem, worauf man achtete, sah man in der Konstruktion ein Muster aus Dreiecken mit zwei, vier oder sechs Metern Kantenlänge oder aus Sechsecken mit einer Kantenlänge von zwei Metern an der oberen oder an der unteren Kante des langen Ganges. Die Dreiecke waren mit denselben Grätzel-Zellen ausgespannt, die wir bei unseren Schiffen für die Stromerzeugung nutzten, einzig in den beiden mittleren Reihen der schrägen Seiten installierten wir jedes dritte Dreieck, abwechselnd nach oben und nach unten zeigend, durchsichtig. Der Boden war aus geriffeltem, rutschfestem Industrieblech, von unten mit Stahlträgern befestigt, ebenfalls 5,19 Meter breit, darauf konnten bequem sieben oder acht Menschen nebeneinander gehen. Mit den Grätzel-Zellen erzeugten wir den nötigen Strom, um im Inneren an der oberen Naht ein durchgehendes Leuchtband aus OLEDs zu betreiben, dieses war über die ganzen sechs Kilometer Tag und Nacht in Betrieb; an den beiden unteren äußeren Seiten der Grundfläche zwei Bänder, ebenfalls aus OLEDs, die waren nur bei Dunkelheit in Betrieb. Damit ersparten wir der Stadt die Beleuchtung für sechs Kilometer verkehrsreiche Straßen. Peanuts vielleicht, aber eine gute Werbemaßnahme für uns und die Stadt: Bei der feierlichen Eröffnung des ersten Teilstücks (bis Jupiter, das heißt, wie ich gleich ausführen werde, die ersten achthundertundzwanzig Meter) waren wir weltweit in den Nachrichten. Zumeist erst am Ende des Nachrichtenblocks, kurz vor den Sportnachrichten und den Neuigkeiten über Stars und Sternchen, aber immerhin…
Das Sonnensystem-Modell war so minimalistisch, es war beinahe Kunst. Am Anfang, auf Höhe der Chausseestraße 1, befand sich die Sonne. Mit einem Durchmesser von 1,39 Millionen Kilometern war sie im Maßstab eins zu einer Milliarde knapp unter 1,4 Meter im Durchmesser geraten. Dafür war die Modellsonne sehr hell, was angemessen ist. Das Modell wies sogar sich verändernde Sonnenflecken auf, die Oberfläche schien zu brodeln, mir gefiel es sehr gut. In 46,95 bis 68,85 Metern Entfernung stellten wir Merkurs Modell auf einer Schiene auf. Die Schiene diente dazu, Merkurs Exzentrizität von 0,2056 darzustellen. Je nachdem, ob sich Merkur in der Realität bei seinem achtundneunzig Tage währenden Umlauf um die Sonne von derselben entfernte oder sich ihr näherte, kam das Modell der Sonne entsprechend näher oder wich von ihr zurück. In unserem Maßstab betrug Merkurs maßstabsgetreuer Durchmesser nur 4,9 Millimeter, da Merkur selber einen Durchmesser von lediglich 4.879 Kilometern besitzt. Wir zeigten Merkur natürlich mit einem Vergrößerungsglas, wie die anderen Planeten auch, sonst hätte man nichts gesehen, aber gerade das war meine Absicht. Mir gefiel es zu demonstrieren, wie winzig die Erde und erst recht wir Menschen im Vergleich zu diesem kleinen Ausschnitt des Universums sind und wie viel leeren Raum es zwischen den Himmelskörpern gibt.
Anschließend kam die Venus, mit einer geringeren Exzentrizität von nur 0,0068 auf einer Schiene im Abstand zur Sonne zwischen 107,7 und 109,2 Metern. Der Durchmesser der Venus betrug 12,1 Millimeter. Es folgte die Erde mit einer Exzentrizität von 0,0167 auf einer Schiene zwischen 147,4 und 152,5 Metern, ungefähr auf der Höhe der Chausseestraße 5. Ihr Durchmesser betrug 12,7 Millimeter. Der Mond kreist um die Erde mit einem Durchmesser von 3,5 Millimetern im Abstand von 36,3 bis 40,4 Zentimetern; um diese leicht exzentrische Bewegung darzustellen, nahmen wir eine leicht elliptische Schiene. Und so ging es weiter: Mars, Durchmesser 6,8 Millimeter, Abstand zur Sonne zwischen 207,1 und 249,9 Metern; der Asteroidengürtel, eine Handvoll Staub auf einer dunklen Platte, zwischen 300 und 490 Metern von unserer Sonne entfernt; die Asteroiden, so klein, dass man sie zum Teil selbst mit dem Vergrößerungsglas kaum sah. Dann folgte Jupiter, schon 742,5 bis 819 Meter Abstand, Durchmesser 142,9 Millimeter am Äquator und 133,7 am Pol, der größte Planet des Sonnensystems war sogar gut im Detail ohne Vergrößerungsglas zu sehen, groß wie eine Pampelmuse; weiter mit Saturn, Uranus, bis Neptun, zwischen 4.456,3 und 4.557,7 Metern Entfernung, mit einer geringen Exzentrizität von 0,0113, bereits auf halber Höhe der Leopoldstrasse. Danach kam Pluto, zwischen 4.448,7 und bis 7.395 Meter Abstand von der Sonne. Die Anlage indes war nur knapp über sechs Kilometer lang. Diese Schiene war die längste, aber sehr theoretischer Natur. Pluto bewegt sich so langsam, dass 247 Jahre für einen Umlauf um die Sonne nötig sind, ich glaube nicht, bei allem mir angeborenen Optimismus, dass die Anlage so lange in Betrieb ist. Gewiss wird niemand von uns erleben, dass sich Pluto innerhalb der Neptunbahn aufhält, das war zuletzt am 11. Februar 1999 der Fall, so alt werden wir wohl nicht. Pluto erscheint winzig, nur 2,4 Millimeter im Durchmesser, sein Mond Charon ist noch kleiner. Am Ende der Installation wird der Kuipergürtel dargestellt: zwischen 4.500 Meter und bis zu 7.500 Meter von der Sonne entfernt, einige Zehntausend Objekte, klein wie Staubkörner, von denen wir nur diejenigen darstellten, die unsere sechs Kilometer Grenze nicht überschritten. Die Oortsche Wolke, zwischen 45 und 1.500 Kilometer Entfernung, konnten wir nicht mehr darstellen. Der nächste Stern, Proxima Centauri, wäre in diesem Maßstab schon 40.000 Kilometer entfernt, er hätte auf der Erde keinen Platz mehr, und wir begnügten uns damit, diesen Umstand am Ende des Tunnels zu erklären. Da dieser Stern kleiner als die Sonne ist, hätte er auch nur einen Durchmesser von 20,4 Zentimetern gehabt, dafür, so schlossen wir die Ausstellung, lohnt es sich nicht, 40.000 Kilometer zu wandern, wobei wir verschwiegen, dass α Centauri A und α Centauri B, Proxima Centauris Nachbarn, eine mit der Sonne vergleichbare Größe haben. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

 

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