XXXVI. Zeit der Giganten

Nach all den Jahren, in denen wir mit unseren Augen und Vendobionten so erfolgreich gewesen sind, war es meiner Meinung nach nun endlich Zeit, mein eigentliches Ziel in Angriff zu nehmen. Mein Traum war es schließlich richtige Luftschiffe zu bauen, nicht nur ferngesteuerte Modelle, und seien sie noch so gut und lukrativ. Meine geliebte Frau und ich bestellten Herrn Augsburger, Sven Maven und Herrn Klaasen zu uns ins Büro. Das Unterfangen muss gut durchdacht werden, bevor es endlich losgeht, aber es muss endlich losgehen. Ich habe mich von unserem eigenen Erfolg ablenken lassen. Zum Glück hat mich meine geliebte Frau rechtzeitig an unser ursprüngliches Ziel erinnert.

„Ich möchte den Herren des Verwaltungsrates einen fertigen Plan vorstellen, Sie müssen ihn nur absegnen“, schloss ich die Einleitung meiner neuen Pläne. Herr Augsburger fragte als Erster nach.

„Wollen Sie, dass wir die neuen Luftschiffe innerhalb der bereits bestehenden Firma bauen oder wäre es Ihnen lieber, wenn wir zu diesem Zweck eine neue Firma gründen?“

„Lieber wäre mir eine neue Firma schon, ich fürchte jedoch Streitereien über Patente und Fertigungskapazitäten. Wenn wir eine einzige Firma bleiben, können wir die Produktion zwischen den verschiedenen Produkten – Augen, Vendobionten und den neuen Schiffen – besser und flexibler auslasten. Ich glaube, damit ersparen wir uns Ärger.“

„Wir vermeiden Ärger in der Tat, verlieren aber dafür im Gegenzug Autonomie.“

„Wenn Sie einen Weg finden, hätten wir nichts gegen eine Neugründung. Sie muss aber gangbar sein. Unsere finanziellen Mittel sind gut, sowohl in der Firma als auch privat. Aber ich glaube, das Wesentliche wäre jetzt die Fertigungstechnik.“

„Dazu meine ich“, sagte Herr Klaasen, „dass die Vendobionten uns das Wesentliche gelehrt haben. Die Grätzel-Zellen und die Wabenstruktur sind ebenso für größere, manövrierbare Schiffe geeignet. Wir müssen uns nur über die Form und die Größe der Schiffe einigen, dann können wir loslegen.“

„Loslegen können wir schon“, fügte Sven Maven hinzu, „aber hier am Adlergestell mit dem Bau der Luftschiffe in Serie zu gehen, wird nicht funktionieren. Wir haben die hiesige Halle für die Augen und die Vendobionten ausgereizt. Wir brauchen ohnehin bald neue Produktionsstätten, wir sollten die Gelegenheit nutzen, gleich einen großen Umzug zu planen. Damit können wir viele Probleme, die sich im Laufe der Jahre angestaut haben, mit einem Mal aus dem Weg räumen.“

„Wir würden gern in der Wüste Kiro fertigen.“ Mit „wir“ waren meine geliebte Frau und ich gemeint.

„Im ehemaligen Flughafen Tempelhof?“, fragte Herr Augsburger mit zweifelndem Ton.

„Ja, natürlich. Der ehemalige Flughafen ist nach wie vor leer, ungenutzt, er liegt zentral und ist gut angebunden – und obendrein schön. Was spricht dagegen?“

„Der vermaledeite Berliner Senat mit seinem Herrn Sesselfurzer!“, brummte Herr Augsburger mit schiefer Visage durch zusammengepresste Zähne. Da hatte er wohl nicht ganz unrecht. Allerdings waren wir mittlerweile nicht mehr irgendeine Firma, wie waren eines der Aushängeschilder Berlins. Wir zahlten hohe Steuern, sicherten viele Arbeitsplätze, erwiesen uns als beliebter Arbeitgeber und galten als modern und fortschrittlich. Unsere Produktion war sauber, unsere Emissionen gering, wir machten keinen Lärm, hatten kaum Arbeitsunfälle. In der ehemaligen DDR hätte man uns zum Musterbetrieb erkoren. Eine eventuelle Drohung seitens unserer Firma, die Stadt auf der Suche nach einem besseren Standort zu verlassen, hatte schon Gewicht.

„Wir würden die Politiker vom Senat sicher leichter überzeugen können, wenn wir gute technische Argumente ins Feld führen könnten. Herr Klaasen, Sven“, ich schaute in ihre Richtung „das muss sich doch rechtfertigen lassen, oder? Warum wollen wir die Luftjachten in Tempelhof bauen?“

„Weil es direkt bei mir um die Ecke liegt!“, brüllte Sven Maven. Wir lachten ein bisschen, dann stellte ich die Frage erneut.

„Meiner Meinung nach sollten wir uns eher Gedanken darüber machen, was wir wirklich bauen wollen. Ich habe bereits seit einiger Zeit fortgeschrittene Pläne und Konstruktionszeichnungen vorbereitet, wir haben schon viel Erfahrung mit den Vendobionten gesammelt, wenn wir bei dieser Linie bleiben, aus vorgefertigten dreieckigen Elementen Sechsecke und Fünfecke zusammenzubauen und aneinanderzumontieren, bis daraus die gewünschte Form entsteht, müssen wir uns nur über Details, wie die Form der Luftjachten und ihre Größe, einig werden. Wo wir die Teile letztlich bauen, ist mir persönlich egal. Auf die Technik kommt es an“, sagte Herr Klaasen.

„Gut, dann reden wir über Ihre Pläne und ich kümmere mich einfach so um den neuen Standort.“ Das war nicht das, was ich heute besprechen wollte, aber Herr Klaasen hatte insoweit Recht, dass es in der Tat relevanter war, die neuen Luftjachten genauer zu definieren, als just in diesem Augenblick festzulegen, wo sie gebaut werden sollten.

„Was den Rumpf der Luftjachten angeht, ist die Sache, wie mir scheint, denkbar einfach. Wir bauen eine ebene Fläche aus Sechsecken, wie Bienenwaben, müssen diese nur zusammenrollen und schon haben wir einen Zylinder. An die beiden Enden bauen wir je eine Halbkugel, die die richtige Krümmung bekommt, indem wir eine bestimmte Anzahl Sechsecke durch Fünfecke ersetzen. Deren Krümmung hängt vom gewünschten Durchmesser ab und der wird automatisch mit den Dimensionen des zylindrischen Mittelteils bestimmt. Dieser Durchmesser und die Länge des Mittelteils sind die einzig relevanten Parameter in diesem Moment. Dann jedoch stehen die wichtigen Entscheidungen an: Welche Technik wollen wir benutzen? Welchen Antrieb, welche Energiespeicher, welche Elektronik? Wie viel Komfort wollen wir bieten? Müssen alle Luftjachten gleich ausgestattet sein?“

„Fangen wir doch zunächst einfach mit einer Luftjacht an. Was hätten wir als Grundlage?“, fragte meine geliebte Frau. Herr Klaasen holte seinen iTempt™ heraus und schaltete ihn an. Das dauerte nur zwei Sekunden. Ich schaltete meinen iTempt™ ebenfalls an, die Daten wurden synchron übermittelt. Herr Klaasen erläuterte die Skizzen und Pläne.

„Der Rumpf besteht aus den von den Vendobionten bekannten dreieckigen Elementen und ist in beliebiger Größe und Länge herstellbar. Die Länge dieses Prototyps beträgt ungefähr siebzig, sein Durchmesser etwa dreißig Meter. Die erste Schwierigkeit besteht im Bau und in der Verankerung der Gondel. Hier habe ich sie mit 35 x 20 Meter und zwei Stockwerken großzügig dimensioniert.“

„Und der Antrieb?“

„Elektrische Motoren, sechs an jeder Seite. Kein Seitenleitwerk, keine Höhenruder. Wie bei den Augen. Der Strom wird von den Grätzel-Zellen erzeugt, wir speichern ihn in Hochleistungsakkus und mittels einer Linde-Maschine als flüssige Luft. Mit der flüssigen Luft kann man eine Strom erzeugende Turbine antreiben, mit der überschüssigen Prozesswärme einen Stirlingmotor. Hier ist er. Vorne, von der Kommandobrücke aus, steuert man die Luftjacht und kann alle Systeme kontrollieren.“

„Sauber!“, entfuhr es mir.

„Wann könnten wir mit dem Bau des Prototyps anfangen?“, wollte meine geliebte Frau gleich wissen.

„Sobald wir aufhören, Augen und Vendobionten zu bauen, oder sobald wir eine neue Halle haben. Unsere Kapazitäten sind zur Zeit vollkommen ausgelastet.“

„Dann müssen wir möglichst schnell einen neuen Standort suchen“, entgegnete meine geliebte Frau.

„Wir müssen mit dem Senat reden. Sag’ Beata, sie soll für uns einen Termin mit dem Wirtschaftssenator vereinbaren!“ Und zu Herrn Klaasen gewand fügte ich hinzu: „Die dreieckigen Elemente bauen wir seit Jahren, die neuen Teile, die wir für die Gondel brauchen, haben eine andere Form und sind größer. Können wir die auch herstellen?“

„Bis zu einem Ausmaß von 10 x 5 Meter schaffen wir mit unseren bestehenden Anlagen alles. Größer gestaltet es sich schwierig, aber wenn wir ohnehin umziehen, können wir die neuen Anlagen so gestalten, dass die Produktion jeder beliebigen Größe möglich ist. Wäre gut, wenn wir im Voraus wüssten, wie groß die denkbar größten Teile jemals sein werden, damit wir dann nichts mehr umbauen müssen; das wird sonst teuer und verzögert alles“, warf Sven Maven ein. Er war lange schweigsam geblieben, aber er schaute interessiert auf seinen iTempt™ und blickte zufrieden.

„5 x 10 Meter ist schon sehr großzügig. Ich meine, alles, was größer ist, sollten wir kleben“, antwortete Herr Klaasen.

„So wird es also gemacht“, schloss ich die Unterredung. „Herr Augsburger, bereiten Sie bitte die Unterlagen für den Vorstand vor. Machen Sie es überzeugend, ich kann mir gut vorstellen, dass die Risikoscheulinge von der großen InTschuRanz sich zieren. Im schlimmsten Fall werden wir das allein durchziehen. Unter diesen Voraussetzungen nehmen wir die Technologie, die wir brauchen, aus dem Unternehmen heraus. Das sollte nicht gleich als Drohung herüberkommen, aber schon deutlich durchklingen. Wir (gemeint waren meine geliebte Frau und ich) reden mit dem Senat, sobald wir den ehemaligen Flughafen Tempelhof nutzen dürfen, gibt es grünes Licht. Ich hoffe, es geht dann schnell.“

Alle stimmten zu. Als sie das Büro verließen, lächelte meine geliebte Frau mich an. Wenn sie gleichfalls an das Projekt glaubte, dachte ich mir, kann es nicht schiefgehen.

 

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