LVIII. Wie dem Staat, so auch der Wirtschaft

Die Verbrechen bringen unermessliche Wohltaten hervor und die größten Tugenden entwickeln unheilvolle Konsequenzen.
Paul Valéry

I’m doing God’s Work.i
Lloyd Blankfein

Die Bourgeoisie hat in der Geschichte eine höchst revolutionäre Rolle gespielt.
Karl Marx und Friedrich Engelsii

Der Staat war kaputt, es folgte die Privatwirtschaft. Die Politiker reagierten nicht. Die große InTschuRanz ging pleite. Mein erster Gedanke, als ich das erfuhr, war: Hurra! Unser Aufsichtsrat wäre damit ein Problem los. Dann setzte bei mir das Nachdenken ein: Es mag sein, dass die große InTschuRanz und die anderen Versicherungsgesellschaften ein Haufen Blutsauger gewesen waren, Betrüger, die ihren Informationsvorsprung gegenüber ihren Kunden nutzten, um diese mathematisch fundiert zu übervorteilen, aber sie hatten auch zur wirtschaftlichen Stabilität beigetragen, indem sie langfristige Planungen erleichterten, und unsere Firma unterstützt, uns Überflugrechte beschafft und den Rücken freigehalten, indem sie uns die Versicherungen anboten, ohne die wir nicht fliegen durften. Wir wussten zwar, dass sie sich aus allen Verpflichtungen stets herauswinden würden, aber die Tatsache, dass wir diese Versicherungsverträge abgeschlossen hatten, war für unsere Kunden beruhigend genug, um mit uns ins Geschäft zu kommen. Wir wussten, dass die Versicherungen ihre Verpflichtungen nicht einzuhalten gedachten, unsere Kunden befürchteten es auch, aber wir alle taten so, als ob. Und nun… Bei aller Schadenfreude: Die Westler waren nach der Pleite der großen InTschuRanz et al genauso pleite und das demoralisierte sie zusätzlich in einer Krisenzeit wie der, die wir gerade durchlebten. Die Dritte Welt griff nun den Westen erst recht verstärkt an und der Westen wurde defätistisch. Zu recht. Danach kam es ziemlich dicke, wie nicht anders zu erwarten war: die Swiss Re, die Münchner Re, Norswenskowskowo, Bärings Stearnings, Lehmming´s Brothel’s, Silverwife Sucks, Kanyamoto Bank, ZittyBank, BBVA Lux (fand ich nett, dass sich die Bank mit meinen Namen schmückte, ohne mich zu fragen; erinnerte mich an meinen alten Fiat Lux, bei dem war es genauso), Lloyd´s Erre´k´Erre und selbst die Meisheng-Meisheng-Bank, die einzige sympathische Bank der Weltiii… Alle gingen den Bach runter. Manche Spekulanten wurden kurzfristig sehr sehr reich, wie in Russland in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts, bis auch sie den Bach runtergingen, wie in Russland um das Jahr 2012 herum, denn Reichtum ist nur so lange etwas wert, wie Geld und Eigentumstitel noch etwas bedeuten, auf Kreditzusagen vertraut wird und Verträge eingehalten werden. Die Investitionen hörten schlagartig auf, die Wirtschaft kam nicht weiter: Mangels Liquidität erfolgten keine Transaktionen mehr, demzufolge passierte nichts. Auf diese Weise ging alles flöten. Alles! Pacta sunt servanda und wenn nicht, klappt nichts mehr. Eigentlich finde ich es im Nachhinein erstaunlich, wie lange Menschen weiter handelten. War es Gewohnheit? Vertrauen in die anderen? Gier? Dummheit? Kollektiver Wahnsinn? Letztere existierte doch bereits so lange, also doch Gewohnheit… Ich bat Herrn Augsburger zu mir, er sollte Bericht erstatten: Was war unsere Firma noch wert, wenn alles andere um uns herum zusammenbrach?

Zunächst holte Herr Augsburger weit aus. Er berichtete:

Venedig etwa war um 1300 n. Chr. eine stolze Mittelmeergroßmacht. Sie brach zusammen – unter anderem deshalb, weil die Anrainer sich verselbstständigten. Das spätantike Rom litt darunter, dass die Hocharistokratie keine Kinder mehr bekam. War es eine Mode? Wir wissen es nicht. In Südgallien starben im 6. Jahrhundert die Senatorenfamilien aus, weil ihre besten Vertreter ins Kloster gingen. Solche Phänomene beobachten wir immer wieder in der Geschichte. Wenn es den Leuten gut geht, leben sie glänzend, sie mehren sich. Plötzlich schlägt die Lage um – viele Gründe dafür sind denkbar. Kommen obendrein schwere Seuchen oder Naturkatastrophen hinzu, kann die Gesellschaft zusammenbrechen. Die Möglichkeiten der Selbstzerstörung haben sich bis heute erheblich vermehrt. Ein Atomkrieg könnte die gesamte Menschheit auslöschen.iv Bis hierher nichts wirklich Neues.

„Aber wie ernst ist unsere Lage wirklich?“, versuchte ich, auf den Punkt zu kommen.

„Jeder Geldforderung in der Wirtschaft entspricht logischerweise eine gleich hohe Geldverpflichtung, eine Schuld,… und es ergibt sich die verblüffende Gleichung: Der Summe aller Schulden entspricht die Summe allen Geldes.v Würden alle Schulden zurückgezahlt, das Geld würde sich in Luft auflösen.“

„Aber das ist doch nicht, was gerade passiert. Die Schulden werden eben nicht zurückbezahlt.“

„In gewisser Weise schon: Die Schulden werden nicht zurückgezahlt, sondern weginflationiert. Das ist radikaler als ein Börsencrash. Sobald ein Staat erklärt, seine Schulden nicht mehr begleichen zu wollen, verliert seine Währung jeglichen Wert. Der Staat stundet seine Schulden, indem er die Währung, in der diese Schuld verrechnet wird, in Luft auflöst. Bisher haben ausschließlich einzelne Staaten in allergrößter Not diesen Schritt gewagt. Plötzlich machen es alle. Sie scheinen zu befürchten, dass den letzten die Hunde beißen.“

„Das ist aber schlechte Wirtschaftspolitik.“

“Die schlechteste, die ich mir denken kann. Und alle verfahren so.“

Es gibt eine rechte, konservative Bewegung, die zu Beginn der 60er Jahre erstarkte, ihren Höhepunkt unter Ronald Reagan erreichte und von der ich seit George W. Bush hoffte, sie sei endgültig diskreditiert. Ihr schlichtes Argument lautete: Staatliches Handeln ist schlecht. Die einzigen originären Aufgaben einer Regierung beschränken sich auf Verteidigung und Militär. Das stellt das Ideal einer Gesellschaft dar, in der es gar kein richtiges gesellschaftliches Miteinander gibt: Jeder lebt nur für sich. Demgegenüber glauben Menschen guten Willens daran, dass die Weltordnung auf liberalen Grundsätzen basieren sollte, dass wir Verantwortung übernehmen müssen für andere, für unsere Welt.vi Ich werde gerade widerlegt.

„Jetzt werden die Schulden, die die Staaten nicht mehr zurückzahlen wollen, in Panik zurückgefordert. Der Wert der Schulden sinkt, das ist, als ob sie zum Nullpreis zurückgezahlt worden wären.“

„Was ist das Geld dann noch wert?“

„Nichts. Das Geld war – streng genommen – nie mehr wert als der Glaube daran, jetzt jedoch, wo der Glaube schwindet, wird die Wertlosigkeit offensichtlich. Geld verliert sogar seinen Fetischcharakter. Es war alles nur geliehen, es kommt zurück und die Summe bleibt letztendlich Null. Die akkumulierten Zinsen werden zurückgefordert und das Ergebnis ist eine leere Mengevii. Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation wird rückabgewickelt.“

Ich denke zurück an meinen Physikunterricht in der Universität, das ist lange her. Meine Gedanken wandern umher. Es wurde allgemein angenommen, dass das Universum ungefähr uniform im Raum verteilt wäre und man konnte zeigen, dass die negative Gravitationsenergie das genaue Gegengewicht der positiven Energie, der Materie, ist.viii Die Gleichung löscht sich aus. Das Universum, das man als Ergebnis einer Vakuumfluktuation interpretierte, existiert dennoch bis heute weiter, die positive und die negative Energie klar voneinander getrennt. Bei der menschlichen Wirtschaft wurde diese Trennung gerade aufgehoben. Die Realwirtschaft hatte vor kurzem ihren Höhepunkt mit einer Gesamtleistung von 80 Billionen Dollar pro Jahr erreicht, gleichzeitig wurden Finanzprodukte und Derivate im Wert von acht Trillionen Dollar im selben Zeitraum gehandelt. Die Schere war zu groß. Die Staaten konnten nicht mehr eingreifen, das Geld verpuffte wirkungslos. Der Bluff war aufgeflogen. Man konnte es nachrechnen: Staaten, wie Deutschland, hatten seit dem Zweiten Weltkrieg lange Zeit mehr kumulierte Zinsen bezahlt, als sie insgesamt an Krediten bekommen hatten, und das, ohne je einen Teil ihrer Schulden getilgt zu haben – ein schlechtes Geschäft, selbst wenn man die Inflation in die Gleichung mit einbezieht. Manche Politiker behaupteten daher, es sei besser, die Schulden nicht mehr zurückzuzahlen, den Staat bankrott gehen zu lassen und von vorn anzufangen. Wenn man keine Schulden hat, muss man sie nicht zurückzahlen, dementsprechend habe man dann insgesamt mehr Geld. Langfristig jedenfalls. Eine seltsame Rechnung, sieht auf den ersten populistischen Blick plausibel aus, war allerdings nicht recht anwendbar. Die Zeit reichte nicht aus. Und selbst wenn ausreichend Zeit zur Verfügung gestanden hätte, das Beispiel Spaniens unter König Phillip II. und Argentiniens um die letzte Jahrtausendwende zeigen, dass Staatsbankrott keine Lösung ist, weil man anschließend entweder keinen Kredit mehr bekommt oder die Zinsen werden prohibitiv. Egal, das spielt jetzt keine Rolle mehr.

Herr Augsburger redete weiter:

„Deng Xiaoping antwortete einst auf die Frage eines Reporters, welche Meinung er von der Französischen Revolution hätte, es sei verfrüht, um sich darüber ein Urteil zu erlauben. Heute könnten wir es vielleicht langsam wagen. Neuere Analysen scheinen darauf hinzudeuten, dass sich die Französische Revolution aus einer exzessiven Schuldenpolitik entwickelt hatte. Das hat sie mit unserer Zeit gemein, demnach könnte uns zuerst eine Revolution erwarten, später der Terror. Wenn sich Geschichte aber tatsächlich zuerst als Tragödie abspielt und dann als Parodie wiederholt, wie oft kolportiert wird, sind alle Wetten offen.“

„Wie parodiert man den Terror?“, überlegte ich mir dabei im Stillen und mir fiel ein, dass Deng Xiaoping in Frankreich zur Schule gegangen war, demzufolge wusste er sehr wohl, wovon er sprach. Ein Übersetzungsfehler, für gewöhnlich nicht unüblich im Dialog zwischen China und dem Rest der Welt, war hier ausgeschlossen.

Als Geld bedeutungslos wurde, mussten die Menschen zunächst notgedrungen auf Tauschhandel zurückgreifen. Unglücklicherweise funktioniert Tauschhandel ausschließlich auf lokaler Ebene und lokal gibt es nicht alles, was Menschen brauchen und tauschen möchten. David Ricardos Theorie des vergleichenden Vorteils, die regionale Arbeitsteilung, die sich daraus ergibt, die Dienstleistungen, die aus der Ferne erbracht werden, um nur einige Beispiele zu erwähnen, funktionieren nur, wenn es zum einen zuverlässige Transportmöglichkeiten gibt, zum anderen funktionierende Banken, auf die sich beide Seiten verlassen können. Beides gab es nicht mehr. Informationen waren des Weiteren unzureichend, lückenhaft, widersprüchlich und unzuverlässig. Zu viele Gerüchte, zu wenig Verlässliches. Die Versorgung wurde knapp, der Lebensstandard sank. Die vielen Opfer der Grippe senkten zwar den Konsum, leider jedoch nicht in dem Maße, wie ihre fehlende Arbeit die Versorgung gesenkt hatte. In einer langen Versorgungskette kann ein fehlendes Glied mehr Schaden anrichten, als dieses Glied weniger verbraucht, wenn es nicht mehr da ist. Statistisch ist das in einer von zunehmender Komplexität geprägten Welt sogar so gut wie immer der Fall.

In der muslimischen Welt wurde der Handel ohne Banken aufgrund des länger bestehenden Vertrauens in das bereits erwähnte Hawala-System etwas länger aufrechterhalten. Als die Waren selbst dort ausblieben, half allerdings kein Glaube der Welt oder des Himmels mehr. Auch die muslimische Welt konnte nicht ohne den Westen leben. Der bitter herbeigesehnte Untergang des Westens wurde noch bitterer bereut.

Wirtschaft wurde durch Tauschhandel, Tauschhandel durch Raub, Raub durch Mord und Totschlag abgelöst. Eigentlich nachvollziehbar. Die meisten Menschen lebten schon lange in Städten; ohne Handel gab es in den Städten kein Überleben, auf dem Lande existierte keine Infrastruktur für derart viele Menschen. Das war nicht nur in der Dritten Welt so. Bei genauer Betrachtung konnte man sehen, dass die Dritte Welt ohnehin allgegenwärtig war. Zunächst unbemerkt hatte uns die Dritte Welt nach und nach durchdrungen, jetzt waren wir plötzlich selber Dritte Welt.

Mit dieser Erkenntnis muss man erst einmal fertig werden. Schafften wir nicht.

i „Ich vollziehe Gottes Werk.“ Herr Blankfein sagte dies im November 2009, mitten in einer schweren Finanzkrise, an der sein Bankhaus nicht unbeteiligt war. Ich frage mich, wie er das gemeint hat. Andererseits deckt sich diese Aussage gut mit meiner Meinung zu Gott, dem Angeblichen. Nota bene: Herr Blankfein ist der CEO von Goldman Sachs. CEO bedeutet „Boss“ oder „Chef“, Goldman Sachs bedeutet „Geld in obszönen Mengen“.
ii Karl Marx und Friedrich Engels, „Das Kommunistische Manifest“, London, 21.02.1848, S. 2.
iii Der Ausdruck „meisheng, meisheng!“ stammt aus dem Blog „Sanchos Esel“ von Paul Ingendaay bei der FAZ-Online-Ausgabe: http://faz-community.faz.net/blogs/sancho/archive/2009/09/10/plastik-und-granit-oder-in-welcher-welt-bewegen-wir-uns-eigentlich.aspx, eingeführt von einer gewissen „jelah“ mit Nick, die vielleicht nicht immer nur die ganze Wahrheit geschrieben hat.
iv Spiegel Wissen, 16.08.2008, Interview mit dem Historiker Johannes Fried, 66, aus Frankfurt am Main.
v Süddeutsche Zeitung vom 2.08.2008, Interview mit dem Privatbankier Johann Philipp Freiherr von Bethmann.
vi Vgl. Handelsblatt vom 6. Oktober 2008, Interview mit Paul Auster.
vii Vgl. Ken-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Wilhelm Freiherr von & zu Guttenberg „Verfassung und Verfassungsvertrag. Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU.“ Duncker & Humblot, Berlin 2009, S. 3.754,0815
viii Vgl. Steven Hawking, “A Brief History Of Time. From the Big Bang to Black Holes”, New York, Bantam, 1988, S. 129.

 

< zurückvor >

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.