LXVIII. Die Letzten

Jener Reisende, der viel Länder und Völker und mehrere Erdtheile gesehen hatte und gefragt wurde, welche Eigenschaft der Menschen er überall wiedergefunden habe, sagte: sie haben einen Hang zur Faulheit. Manchen wird es dünken, er hätte richtiger und gültiger gesagt: sie sind alle furchtsam. Sie verstecken sich unter Sitten und Meinungen.i
Friedrich Nietzsche

Menschen glauben an das, was sie glauben wollen, aus Faulheit nahmen sie oft Religion als Anleitung für das, was sie glauben sollten, ohne nachzudenken. Die Religionsführer dachten schon, manche jedenfalls, aber nicht immer an ihre Schäfchen, wenn man mir das doch arg christlich besetzte Wort verzeiht. Sie dachten an Macht und Einfluss, an weltliche Güter, manchmal auch an ihrem Sadismus. Verpacken konnten sie das alles vortrefflich. Sie dachten viel mehr, öfter und tiefer daran, wie sie Recht behalten konnten, als daran, was wahr und richtig ist. So entstanden die Sophistik, das Jesuitentum, der Wahhabismus, der Puritanismus und alle fundamentalistischen Lehren, die die Ausrottung, Unterwerfung und Bekehrung aller anderen Glaubensrichtungen fordern.

Nicht so der Buddhismus. Buddhismus ist in der Entstehung evolutionär darwinistisch, daher tolerant. Er akzeptiert Entwicklung und Wandel, er entstand daraus. Die anderen nennen das Relativismus, für sie ist das ein Zeichen von Sünde. Für mich ist das ein Zeichen von Größe und Stärke und ich sehe darin den Grund dafür, dass es in den letzten Zuckungen der Menschheit viele buddhistische Opfer zu sehen gab, unsere Augen jedoch keine buddhistischen Täter aufgenommen haben. Das bedeutet natürlich nicht, dass es keine gegeben hat, man sieht einem Menschen nicht unbedingt an, an welche Religion er glaubt.

Fundamentalisten aller drei großen Religionen, die auf Abraham zurückgehen, wollten nicht an die Evolution glauben, weil das bedeutet hätte, dass göttliche Wesen ausgerottet wurden – für sie ein Zeichen von Verschwendung des Göttlichen Werkes (unabhängig davon, dass es die Sinnflut gab, das war ja Gottes Wille). Aber sie hätten im Gegenzug gern alle ausgerottet, die nicht wie sie waren und glaubten. Wenn das kein Widerspruch ist. Fundamentalisten haben immer recht, recht zu haben, gibt ein gutes Gefühl. Ein Gefühl von Macht und Überlegenheit. Macht über andere anzustreben, ist für mich ein Zeichen von Schwäche, insbesondere dann, wenn man sich nicht die Mühe gegeben hat, Macht über sich selber zu erlangen. Jetzt hat sie dieser Widerspruch eingeholt. Schade, dass es bei dieser Entwicklung so viel Kollateralschaden zu beklagen gab. Langsam drängt sich der Verdacht auf, wir könnten wirklich die Letzten werden. Ich werde dem Diktiertranskriber beibringen müssen, die Letzten großzuschreiben.

i Friedrich Nietzsche, „Unzeitgemäße Betrachtungen. Schopenhauer als Erzieher“, dtv/de Gruyter, kritische Studienausgabe in 15 Einzelbänden, Band 1, S. 337.

 

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