XLIX. Apothekerfrösche und andere Lurche

La loi unique du Hasard consiste essentiellement en ce que les phénomènes très peu probables ne se produisent pas.
Émile Borel (1871-1956)
Französischer Mathematiker und Politiker

 

Any probability bigger than zero should never be neglected.i
Roger Joseph Zelazny (*13. Mai 1937 – †14. Juni 1995)

 

Es gab Meinungen für jeden Geschmack und sie wurden lauthals verkündet. Dabei war es vielleicht nur so, dass das Glück der Menschheit sich dem Ende entgegenneigte. Bis jetzt war es ja ganz gut gegangen, was hätte es denn Unwahrscheinlicheres geben können als das, was wir als Rasse in den letzten 200 Jahren erlebt hatten, ganz zu schweigen von den letzten 30.000 Jahren? Gut, irgendetwas musste ja passieren, muss es immer, und es geschah, was geschah, wie unwahrscheinlich auch immer. Falls jemand ebenso dachte, dass die Vergangenheit unwahrscheinlich war, schrie er nicht so laut wie die anderen. Aber dennoch geht jede Strähne irgendwann zu Ende. Vielleicht nun auch die gute Strähne der Menschheit. Aber was ist denn schon eine Glückssträhne? Eine Strähne muss als solche erkannt werden, um zu existieren. Die Theorie bestimmt, was man beobachtet. Die eine Million Jahre oder so, die wir Menschen uns die Erde untertan gemacht haben, stellt, wie man zuletzt zu sagen pflegte, Peanuts dar. Die letzten 30.000 Jahre seit dem Neolithikum oder die letzten 200 Jahre seit der Industriellen Revolution ohnehin. Vergleichen wir uns beispielsweise mit den Fröschen, die die Erde seit 260 Millionen Jahren bevölkern, ist unsere Verweilspanne auf diesen Planeten mickrig. Andererseits ist der Einfluss, den wir auf unsere Umwelt ausgeübt haben enorm und das nicht nur in den Jahren seit der Industriellen Revolution – auch wenn man die Frösche nicht unterschätzen sollte, das wäre billiger Anthropozentrismus. Schon vermeintlich primitive Völker haben mit einfachen Mitteln ganze Wälder gerodet, riesige Gebiete ausgetrocknet, ganze Familien aus dem Tierreich und aus der Pflanzenwelt ausgerottet, ganze Küstenstriche geleert. Begonnen hat diese Entwicklung schon im Neolithikum. Bei den Fröschen sind wir ebenfalls dabei: Viele Arten sind bereits ausgerottet. Manches spricht dafür, dass diese Katastrophe am Wunsch der Menschen liegt, zu einem möglichst frühen Zeitpunkt zu erfahren, ob eine Frau schwanger ist. Das hat man seit dem neunzehnten Jahrhundert mithilfe von Fröschen festgestellt, bis später die Industrie dieses Verfahren industriell verfeinerte. Heute kann man durch Schwangerschaftstests innerhalb von Minuten zuverlässig erfahren, ob eine Schwangerschaft vorliegt oder nicht. Früher hat man auf die Antwort zwei Tage warten müssen. Das damalige Prozedere sah so aus: Man nahm einige Zentiliter Urin von der Frau, von der man hoffte (oder fürchtete), dass sie schwanger sei, und injizierte diese Flüssigkeit einem weiblichen Frosch, in der Regel einer bestimmten Art aus Sambia, dem Afrikanische Krallenfrosch oder Apothekerfrosch, der sich besonders gut in Gefangenschaft hielt und gut zu vermehren war. Wenn die Frau tatsächlich schwanger war, laichte der Frosch (die Fröschin?), angeregt von dem Hormon HCG, das die Frau als Folge der Schwangerschaft endokrin ausschied. Dieses Verfahren funktionierte erstaunlich zuverlässig. Als mögliche Fehlerquellen kamen einige Faktoren infrage – dass der Frosch erschöpft oder krank war, in dem Falle hat auch das weibliche Hormon nicht angeschlagen, oder es war gerade Frühling und der Frosch laichte sowieso, ohne die zusätzlichen Hormone zu brauchen. Das zählte dann als falsch positives Ergebnis. Ganz dumm verlief es, wenn der Arzt aus Versehen ein Männchen einsetzte; in diesem Fall konnten sich noch so viele Östrogene im Urin befinden, der Frosch laichte nie und nimmer, womit das Ergebnis falsch negativ ausfallen konnte. Das war einer der Gründe dafür, dass man sich für den Apothekerfrosch entschied, der weist nämlich einen starken sexuellen Dimorphismus auf. Pech dabei: Es spricht vieles dafür, dass diese afrikanischen Frösche chronisch unter einer Chytridpilz-Infektion (Batrachochytrium dendrobatidis) litten. Diese Infektion verläuft leider bei den meisten anderen Amphibienarten tödlich, besonders bei kälteren Temperaturen und wenn zusätzliche Umweltstressfaktoren hinzukommen (für Letzteres sorgen wir Menschen schon, keine Sorge: Zerstörung des Lebensraums, Umweltgifte, Hormon- und Medikamentenrückstände im Wasser, UV-Strahlung als Folge des Ozonlochs…). Spätestens mit der Erfindung der Schwangerschaftstests aus der Apotheke wurden diese Frösche weltweit ausgesetzt, oft allerdings schon früher, wenn zum Beispiel ein Arzt seine Praxis schloss. Viele überzählige Frösche wurden darüber hinaus einfach so ausgewildert, da sie sich schneller vermehrten, als es den Bedürfnissen der Ärzte entsprach. Diese ausgesetzten Frösche haben daraufhin die Chytridpilze an die in freier Natur lebenden Lurche übertragen. Seitdem sterben die aus – nach 260 Millionen Jahren.

Die Geschichte mit den Fröschen hätte den religiösen Fanatikern und Evolutionsleugnern, die gerade dabei waren, sich weltweit die Köpfe einzuschlagen, zu denken geben können, vorausgesetzt, sie hätten je die Neigung zum Denken verspürt, was zugegebenermaßen nicht in ihrem Naturell lag. An den Schwangerschaftstests mittels Fröschen sieht man, dass die Evolution vieles verändern kann und vieles hat sich in der Tat verändert, seitdem die Amphibien das Land als erste Wirbeltiere erobert haben: Die grundlegenden Unterschiede zwischen Fröschen und Menschen sind offenkundig, ich muss an dieser Stelle nicht näher darauf eingehen. Aber ein Faktor ist wichtig und komplex genug für das Überleben einer Art, um im Laufe der Jahrmillionen kaum Veränderungen erfahren zu haben, ich spreche von der Chemie der Reproduktion – dem Prozess, den die Hormone steuern. Wenn sich Hormone zu sehr verändern, sind sie nicht mehr funktionell und das entsprechende Lebewesen kriegt keine Nachkommen. Folglich haben sich die Hormone der Frösche kaum verändert, daher konnte man Frösche zur menschlichen Schwangerschaftsbestimmung nutzen und somit indirekt die Evolutionstheorie untermauern, falls es dazu weiterer Beweise bedurft hätte. Und jetzt sehen wir, dass die Frösche aufgrund ihrer Empfindlichkeit gegenüber Hormonen vielerorts am Aussterben sind – eine Entwicklung, die durch den zusätzlichen Umweltstress, dem sie unseretwegen ausgesetzt sind, verschärft wird. Ich finde diesen Verlauf traurig, es ist ein Jammer, schade um die Frösche.

Um uns ist es natürlich gleichermaßen schade, irgendwie. Selbst dann, wenn wir Schuld am Elend tragen. Der Mensch hat enorme Veränderungen der Umwelt zu verantworten; ich finde es bezeichnend, dass viele glauben, unsere vermeintliche Überlegenheit werde durch diese Veränderungen manifest. Die Menschen konnten es sich nicht anders ausmalen, sie mussten an diese Überlegenheit glauben, sie mussten der Mittelpunkt der Welt sein. Kopernikus, Darwin, Freud: die großen Ketzer, die viel Geschmähten, viel Gehassten – sie haben diese anthropozentrische Weltsicht angezweifelt. Dabei gingen sie alle nicht weit genug, waren nicht konsequent. Jetzt spielt es keine Rolle mehr. Was der Mensch zerstören konnte, hat er bereits zerstört. Sogar den Glauben an seine eigene Überlegenheit. Gott ist tot und sein Henker begeht gerade Selbstmord.

Der moderne Mensch ist Humanist und glaubt, dass er alles versteht, meistert und dementsprechend kontrolliert. Der daraus resultierende Glaube an die Kausalität zwingt den Menschen dazu, bei Unglücksfällen, Unfällen, Tragödien, Schicksalsschlägen und selbst bei banalen Zufällen nach Schuldigen und Verantwortlichen zu suchen. Für die Geschehnisse muss es doch einen Grund geben, also ist jemand dafür verantwortlich! Ja, ja…! In dieser Hinsicht bürdet uns unser Humanismus als Kollektiv eine Verantwortung auf, die wir sogleich als Individuen in Form einer Schuldzuweisung von uns wegschieben. Schuld ist der Andere, natürlich. Und jetzt, wo die Menschen wie die Fliegen sterben, wo alle sich gegenseitig umbringen, wo es bald keine Überlebenden mehr geben wird, wenn es auf die Art weitergeht (und so viel kann ich verraten: Es wird auf die Art weiter gehen und es wird am Ende keine Überlebenden geben oder sie haben sich sehr geschickt versteckt); jetzt also, wo sich die Tragödie erfüllt, wo das, was wir alle irgendwann befürchtet haben, passiert; das, von dem wir wussten, dass es eines Tages unvermeidbar sein würde; jetzt, wo wir ungebremst auf den Abgrund zu rasen: Was sollen wir jetzt machen?

In einer dermaßen angespannten Lage konnte es nicht ausbleiben, dass terroristische Gruppen das allgemeine Durcheinander nutzten, um synchrone Anschläge auf symbolische, aber dennoch wichtige Ziele zu verüben. Die Geister der Trittbrettfahrer der Rebellion wurden geweckt. Ein spektakuläres Ziel boten die acht Supertanker, die zwischen der Biskaya-Bucht und dem Ärmelkanal kurz davorstanden, in Rotterdam einzulaufen. Es war scheinbar sehr leicht, sie von schnellen Motorbooten aus in Brand zu setzen; die Terroristen versuchten gar nicht erst, sie zu kapern, sie beschossen sie einfach mit RPGs, leichten und tragbaren Raketen mit Hohlsprengladungen. Nun würde Europa ein Problem mit der Erdölversorgung und mit der Küstenreinigung haben, acht große Supertanker enthalten viel Öl. Die Strände waren verschmutzt, der Ölpreis stieg an. Europa bat die internationale Gemeinschaft um Hilfe, Treffen auf höchster Ebene wurden arrangiert. China und die USA wollten ihre Notreserven nicht preisgeben, sie wussten, dass sie ebenfalls bedroht waren, drückten nur Mitgefühl und Solidarität aus: folglich kam es zu Drohungen und Spannungen. Am Panamakanal wurde die Hauptfahrrinne mit einem einzigen versenkten Schiff blockiert, das war für die Terroristen einfach und sehr effektiv. Die leeren Supertanker in den europäischen Häfen würden für den Weg zu den Ölquellen und zurück (mit verstärktem Schutz) drei Monate inklusive Verladevorgang benötigen. Die europäischen Notfallreserven reichten leider nur sechs Wochen. Man versuchte zu verhandeln, man versuchte, aus russischem Gas einen Ersatz zu synthetisieren (was bei großen Kraftwerken gelang, bei kleinen Verbrauchern leider nicht, weil die Infrastruktur für derartige Zwecke nicht ausgelegt war), man versuchte zu sparen und am Ende wurde rationiert. Es half nichts, die Rechnung ging nicht auf. Die logistische Komplexität hatte ihren Tribut gefordert und bekommen. Wir waren an den wichtigen Stellen zu unaufmerksam gewesen: An Flughäfen und an den Grenzen zwischen den Syndikaten, den Wirtschaftsordnungen oder bei starkem Armutsgefälle wurde man zu Genüge inkommodiert. An den wichtigen Stellen, dort, wo der Schaden irreparabel war, hatten die Terroristen ein leichtes Spiel gehabt. Wie dem auch sei: Es wurde unbequem in Europa, also in der Welt.

Es ist oft wie im Fußball: Mal gewinnt der eine, mal verliert der andere und wenn man kein Glück hat, kommt oft noch Pech dazu: Viele Vulkane waren weltweit aktiv. In den Medien und unter Experten – vermeintlichen Experten – und Klugscheißern wurde debattiert, ob diese simultanen Eruptionen Zufall seien oder ob es auf der Erde globale vulkanische Zyklen gäbe und wenn ja, ob die verstärkten Eruptionen der Beginn eines solchen Zyklusses sei. Manche Sachverständige rechneten den Versicherungsgesellschaften vor, dass einige aktive Vulkane eine normale Erscheinung auf unserem Planeten seien. Man konnte es nicht mehr hören. Dann explodierte der Vesuv. Das passte in die Stimmung.

Vorher trafen sich die Staats- und Regierungschefs der G23 noch ein letztes Mal. Die Menschheit hatte eine großartige Zukunft hinter sich. Es waren seit Apophis’ Durchgang gerade neun schwindelerregend ereignisreiche Wochen vergangen. Die Sherpas des Treffens haben allein während der Vorbereitungstreffen 27 Kilogramm Fair-Trade-Kokain konsumiert. Geholfen hatte bisher alles noch nicht – gut, dass das Treffen endlich begann.

i „Das Hauptgesetz der Wahrscheinlichkeitsrechnung besagt im Wesentlichen, dass äußerst unwahrscheinliche Phänomene niemals eintreten.“
„Jede Wahrscheinlichkeit, die größer als null ist, darf nicht vernachlässigt werden.“
Zwei Aussagen, die sich widersprechen; sie wurden vielleicht mit einem Zeitabstand von fünfzig Jahren auseinander gemacht. Mir scheint es, diese Aussagen zeigen exemplarisch den Fortschritt in der Wissenschaft der Wahrscheinlichkeitsrechnung.

 

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