XXII. Tarik

Seitdem das erste Auge unseren ersten Blauwal verfolgte, hatten wir einige andere Wale gesichtet und manche von ihnen eine Zeit lang verfolgt, aber unser erster Wal war uns besonders lieb geworden und ans Herz gewachsen. Wir nannten ihn Tarik, wie den Kapitän der deutschen Fußballnationalmannschaft, und zwar nicht, weil er blau war, wie in manchen Foren gespottet wurde, sondern wegen seines großen Mauls. Blauwale sind ohnehin nicht wirklich blau, sondern in verschiedenen gräulichen Tönen gescheckt. Tarik wurde ständig von mindestens zwei Augen begleitet und gefilmt, manchmal waren es drei oder vier, je nachdem, was unsere Kunden wünschten. Bei unserem Ranking belegte Tarik jahrelang eine Top-Five-Platzierung bei unseren Zuschauern, das fand ich sehr zufriedenstellend, jetzt, wo wir immer mehr Augen flügge machten. Zum einen, weil es zeigte, dass meine Auswahl unseres ersten Motivs dem Geschmack und den Wünschen unseres Publikums entsprach, zum anderen, weil es Tarik weltberühmt machte, was seine illegale Jagd erschwerte. Denn Wale wurden weiterhin nicht nur zu vermeintlichen Forschungszwecken von Japanern, Norwegern und Isländern gejagt, sie wurden auch von Eingeborenen mit einem angeblichen kulturellen Hintergrund dank ihnen von der IWC (International Whaling Commission) zugewiesenen Quoten getötet und von Wilderern erlegt. Japaner, Norweger und Isländer waren seit Jahrzehnten unbeirrbar in ihrem Vorhaben und bedienten sich immer noch der größten Schiffe, die sie finanzieren konnten, bestückt mit Walfangharpunen, deren Spitzen mit Sprengladungen versehen waren. Die Effektivität dieser Methode war erschreckend, dafür begrenzten sich diese Nationen, von umweltbewussten Menschen an den Pranger gestellt, auf die Jagd aus „wissenschaftlichen“ Gründen, was so viel heißt wie, in nicht allzu unverschämt großen Mengen und eher von Walspezies, die offiziell als nicht allzu gefährdet galten. Am liebsten hätten sie Blauwale gejagt, die größten aller Wale, aber ebenso gerne Nord- und Südkaper, Grönlandwale, Pottwale, Finnwale und Brydewale. Letztendlich jagten sie zumeist kleinere Wale wie Zwergwale, Brydewale und, wenn es ging und gerade zufällig keiner hinschaute, auch die gefährdeten Finnwale. Der Großteil der staatlichen Walfänger wurde inzwischen von einem oder zwei Augen begleitet, hiermit versuchten unsere Wale liebenden Kunden das Schlimmste zu unterbinden.

Viele Menschen glauben mittlerweile, dass Japan den ganzen Zirkus mit dem Walfang nur aus dem Grund unterstützt, weil das Land somit vor der viel größeren Ausbeutung des Meeres durch die normale kommerzielle Fangflotte ablenkt. Das wäre eine plausible Erklärung für das viele Geld, das die Japaner in den Walfang stecken, denn rentabel ist diese Jagd nicht. Aber Plausibilität ist kein Beweis und dieses Denkmuster kommt mir vor wie eine Verschwörungstheorie, was mir vom Wesen her gegen den Strich geht. Mir liegen nicht genug Daten vor, um mir eine endgültige Meinung zu bilden, also sage ich zu diesem Thema vorerst nichts weiter.

Nota bene – für die, die einem vermeintlichen Arkadien des einfachen Lebens nachtrauern: Der letzte Platz, an dem der Mensch als Jäger und Sammler auftritt, ist das Meer. Das Ergebnis hat nichts mit Utopia zu tun, es erinnert vielmehr an die wilde Ausrottungsjagd der Buffalos in Nordamerika im 19. Jahrhundert, weniger sichtbar, aber genauso sinnlos. Die Meere wurden anarchisch und gesetzlos überfischt, ausgeplündert, mit Müll verklappt, an den Ressourcen wurde Raubbau betrieben. Diesbezüglich bewirkte auch die London Dumping Convention von 1972 nichts oder viel zu wenig. Allein der Einsatz von Tributylzinnhydrid oder TBT als Lackzusatz für Schiffsrümpfe hat schlimmere Schäden in der Umwelt verursacht, als die meisten unserer die Wale liebenden Kunden sich vorstellen. Wale hingegen sind groß und spektakulär, daher verkaufen sie sich besser als eine schwer auszusprechende Chemikalie, von denen es noch einige Tausend mehr gibt, die ebenso giftig und schwer auszusprechen sind, die länger in der Umwelt verweilen oder beides. Es berichtet auch niemand darüber.

Die meisten Wilderer sind gezwungen, sich auf die kleinen Walarten zu konzentrieren. Große Schiffe, die für die großen Wale nötig sind, können sich auf offener See schlecht verstecken. Die Fischer sollen vor allem Zwergwale jagen, aber man sieht sie selten, daher weiß ich wenig über sie zu berichten. Angeblich nimmt man den Tran der Wale in manch entlegener Region als Diesel für die Stromerzeugung und deren Fleisch soll sich in Japan unverändert gut verkaufen. Dabei soll es tranig schmecken und zäh sein, angeblich. Ich glaube, die Menschen dort essen es nur aus Trotz.

Ferner gibt es die Jagdgenehmigung für „indigene Völker“, neudeutsch für wirtschaftlich zurückgebliebene Eingeborenen-Stämme, die ein traditionelles Recht auf Waljagd geltend machten. Es handelt sich hierbei in erster Linie um Inuit aus Grönland, Alaska und Kanada, Ureinwohner von den Färöer Inseln, die völkerrechtlich als Dänen galten, sibirische Völker und der kleine karibische Staat St. Vincent und die Grenadinen. Letztere haben sich von Japan mit Forschungsgeldern, einem Fischerei- und einem Entwicklungshilfeabkommen bestechen lassen; es gehörte nicht zu ihrer Tradition, Wale zu fangen, aber Japan schien zu denken, dass ihre eigene Jagd umso weniger auffallen würde, je mehr Länder Waljagd betrieben. Ebenfalls berühmt ist die Jagd der Färinger auf Grindwale, das Grindadráp.

Ich war dabei, mich in diesen Walangelegenheiten kundig zu machen, als Beata Maloumie an meine Bürotür klopfte und um Einlass bat.

„Darf ich reinkommen? Ich möchte einen Vorschlag machen“, sagte sie. Zunächst wusste ich nicht, welche Art von Vorschlag sie meinte, ich bat sie dennoch herein und hörte ihr zu.

„Ich habe gehört, dass wir neue Motive für unsere Augen suchen, weil es monoton wird, ausschließlich Tarik zu zeigen. Ich wollte vorschlagen, dass wir nicht einen Wal filmen, sondern das Töten eines Wals. Ich meine damit die Waljagd eines indigenen Stammes. Entweder in Grönland, Alaska oder Sibirien, dort finden diese Walmorde regelmäßig statt – wenn wir das filmen, werden nicht nur viele zusehen wollen, wir setzen das Thema wieder auf die Tagesordnung und retten vielleicht andere Wale vor diesem grausamen Tod.“

So ein Zufall! Das war verblüffend, muss ich zugeben. Ein solches Motiv wird schwerer zu arrangieren sein als die Schatzinsel, aber es wäre in der Tat publikumsfördernd… Es war an der Zeit, dass wir uns eine Lobby zulegten oder dass Herr Augsburger Ergebnisse vorweisen konnte. Beata erklärte ihre Idee noch eine Weile, als sie ging, rief ich erneut Herrn Augsburger an. Er überraschte mich zuerst mit der Nachricht, die Kokos-Insel sei freigegeben, dann hörte er sich den neuen Vorschlag an. Dabei klang er nicht mehr so glücklich, aber er versprach, sein Bestes zu tun. Indigene Völker waren ein potenziell heikles Thema. In Grönland durfte man nicht gegen sie vorgehen, weil Dänemark sie nicht verärgern wollte. Das hätte schlimmstenfalls die Ansprüche Dänemarks auf die Naturressourcen im Polarkreis gefährdet, so jedenfalls die Befürchtung der dänischen Regierung. In Alaska hatten sich die Inuit verfassungsmäßige Rechte erstritten, die ihnen bei Naturangelegenheiten faktisch freie Hand gaben. Auch hier wollte die Regierung keinen Ärger mit einer armen, aber einflussreichen Lobby. Im Falle Sibiriens kam die Obsession der Moskauer Zentralregierung mit der Souveränität des Landes und die Unverletzlichkeit der Grenzen hinzu. Das waren allein die Schwierigkeiten, die mir spontan einfielen. Was einem guten Juristen wie Herrn Augsburger alles einfallen könnte, wollte ich mir gar nicht erst ausmalen, daher fragte ich ihn gleich ohne Umschweife. Er fragte zurück, wieviel Risiko wir bereit wären einzugehen, insbesondere, ob wir illegal in den Luftraum dieser Länder einzudringen gedachten oder doch lieber einen Vorwand nutzen wollten, um uns Zugang zu den Überflug- und Filmrechten zu verschaffen. Ohne Genehmigung zu fliegen, war mir nicht geheuer, ein Vorwand fiel mir nicht ein. Er würde sich darum kümmern, sagte er zum Abschied und ich legte auf.

Eines ging mir weiterhin durch den Kopf: War Beata auf die Idee mit der Waljagd von allein gekommen oder hatte sie die Idee von Nicco Gassi oder Sven Maven? In ihrer Gegenwart hatten wir, soweit ich mich erinnern konnte, das Thema Motivsuche nicht behandelt. Vertrat sie selber die Idee oder spielte sie für jemand anderen den Strohmann? Wenn ja, für wen? Wenn nicht, woher wusste sie davon und was sagte das über Nicco oder Sven Maven aus? Oder hatte sie es gar von Herrn Augsburger erfahren? Von meiner geliebten Frau? Oder doch nur durch Zufall?

Jedenfalls war ihre Idee nicht schlecht. Es würde allerdings eine grundsätzliche Änderung unserer bisherigen erklärten Geschäftspolitik bedeuten, sollten wir ohne Genehmigung drehen. Dieses Vorgehen würden wir uns gut überlegen müssen, nicht zuletzt deswegen, weil ein solcher Vorstoß unsere zukünftigen Verhandlungen mit Organisationen und Regierungen – und somit unsere Zukunft – prägen würde. Ob man in Sibirien die Lokal- gegen die Zentralregierung ausspielen könnte? Die Gouverneure der entlegenen Regionen hatten den Ruf, Bestechung gegenüber nicht abgeneigt zu sein.

Ich studierte vorsorglich verschiedene Atlanten mit detaillierten Landkarten der nördlichen Polarregionen. Kanadas Küste mit den Tausenden von Inseln, die jetzt im Sommer größtenteils eisfrei waren, sah sehr reizvoll aus. Vielleicht sollte man nur die Natur filmen und dabei quasi zufällig eine Waljagd aufnehmen? Die meisten Menschen sind nicht so doof, wie sie zu handeln scheinen; ich befürchtete, wenn wir so vorgehen würden, dürften wir es nur ein einziges Mal tun, daraufhin würde man uns als Querulanten betrachten. Derartig negative und nachhaltige Auswirkungen waren diese Bilder nicht wert.

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