XXIX. Was wir alles zeigen!

Nach unseren ersten sechs Betriebsmonaten, wir hatten hundertfünfzig Augen und sechzehn Vendobionten in der Luft, knackten wir die Marke der einhunderttausend Abonnenten. Die große InTschuRanz hatte Wort gehalten – wir hielten nunmehr die Erlaubnis in den Händen, über viele interessante Gebiete zu fliegen und dabei zu filmen, vor allem in der westlichen Welt. Die Haftungsfragen, die Probleme bezüglich des Schutzes der Persönlichkeit und der Intimsphäre, die Rechte an bestimmten Ereignissen, das alles erwies sich als leichter zu handhaben, als ich befürchtet hatte. Google Street View hatte uns mit zahlreich geführten Musterprozessen und unzähligen Präzedenzfällen vielfach den Weg geebnet. Vorerst jedenfalls, bis jemand anderes erneut klagt und sich die Rechtsprechung ändert. Meine geliebte Frau hatte den Entscheidungsalgorithmus programmiert, mit dessen Hilfe wir die Augen flogen und den verschiedenen Zielen zuwiesen. Dieser Algorithmus ging folgendermaßen vor: Jeder Abonnent unserer Dienste bekam eine gewichtete Stimme. Je nach Status des Abonnenten zählte diese mehr oder weniger. Mit dieser gewichteten Stimme konnte jeder abstimmen, wohin ein bestimmtesAuge flog. Diese Methode ist gar nicht so einfach, wie sie klingt. Wenn ein Auge zum Beispiel hundert Zuschauer hatte, von denen fünfzig wollten, dass es nach Süden und die anderen fünfzig, dass es nach Norden fliegt, dann kann das Schiff nicht einfach regungslos verharren; und wenn fünfzig nach Süden und fünfzig nach Osten wollen, ist niemandem gedient, wenn das Schiff nach Südosten fliegt. Das wäre wie bei der Vektorrechnung eine einfache Addition, was jedoch keinesfalls das Auge in die gewünschte Richtung steuern würde. Zudem musste vermieden werden, dass die User verbotene Befehle erteilten (zum Beispiel, in nicht genehmigten Luftraum einzudringen) oder gefährliche Manöver vollführten (zu nahe an Berge, Windkrafträder oder Stromleitungen fliegen oder zu tief). Das Team um meine geliebte Frau schrieb ein lernfähiges Programm, ein neuronales Netz, mit dem sich, so unsere berechtigte Hoffnung, nach und nach die Fehler verbessern lassen sollten, aber jedem von uns tat es um jedes verlorene Auge leid. Des Weiteren saß uns die blöde InTschuRanz im Nacken mit ihrem dummen Geseiere über Haftungsfragen und dem, was sie auf angeblichem Hochdeutsch „Korporative Gouvernanze“ nannten. Eines Tages, wenn ich in der richtigen Laune bin, werde ich die Herren mal fragen, was zum Teufel sie damit meinen und ob es von dem Begriff eine anständige und vor allem verständliche deutsche Entsprechung gibt. Solange werde ich weiterhin alles in meiner Macht Stehende unternehmen, damit keine Augen mehr verloren gehen.

Für die Steuerung der Augen ließen wir uns viele Hintertüren offen. Einige Augen waren völlig unter unserer Kontrolle, auch wenn wir nach außen hin den Eindruck vermittelten, dass es für deren Kursbestimmung eine ordentliche Abstimmung unter den Nutzern gegeben hatte. Wir konnten als Systemoperatoren zusätzliche Nutzerstimmen hinzuerfinden und die bestehenden Stimmen neu gewichten, wir konnten bestimmte geografische Bereiche entsprechend unseren Wünschen oder der Wetterlage kurzfristig oder generell sperren und wir konnten das offen oder im Verborgenen durchführen. Je mehr Augen wir nach und nach besaßen, desto seltener mussten wir intervenieren, um die Route zu ändern, dafür allerdings umso öfter, um gesperrte Bereiche zu vermeiden oder um schlechtem Wetter aus dem Weg zu gehen. Zu diesem Zweck stellten wir zunehmend mehr Personal ein, das entwickelte sich langsam zu unserem größten Kostenfaktor; es bestimmte jedoch gleichwohl unsere Einnahmen, die zum Glück immer deutlicher unsere Ausgaben überschritten.

Auch bei den Augen, deren Bilder wir meistbietend versteigert hatten, behielten wir uns selbstverständlich ein Interventionsrecht vor. Unsere AGBs erlaubten uns ausdrücklich eine Einmischung aus meteorologischen Gründen, wenn die geltende Rechtsordnung es gebot, und natürlich aus Gründen der höheren Gewalt. Manche Usergruppen unterstützten uns zum Glück freiwillig, was unsere Personalsorgen etwas abfederte. Es bleibt immer wieder aufs Neue erstaunlich, was Menschen bereit sind, freiwillig und ohne direkte Gegenleistung zu tun, wenn man ihnen das Gefühl vermittelt, sie seien wichtig und man nehme sie ernst. Andere Nutzer organisierten sich in Vereinen oder kamen schon als Verein zu uns und verfolgten ihre eigenen Ziele, zum Beispiel Naturschutzverbände. Für die waren unsere Übertragungen oft sehr nützlich und unsere Dienste entsprechend populär. Wir waren natürlich dankbar und nahmen diese Unterstützung an, blieben aber wachsam. Ganz geheuer sind mir solche Gruppen nicht, wenn wir sie nicht kontrollieren können. Aber letztendlich haben wir immer das letzte Wort. Man muss nur rechtzeitig merken, dass und wann man dieses letzte Wort aussprechen muss, was eben leider personalintensiv ist. Manchmal petzen die verschiedenen Usergruppen bei grobem Unfug anderer oder nicht bestimmungsgemäßer Nutzung, manchmal schwärzen sie sich gegenseitig an – das kann eine Hilfe sein oder es kann nur ablenken.

Wir bemühten uns darum, den Kunden die Entscheidung für das eine oder das andereAuge immer schwerer zu machen mit immer neuen attraktiven Angeboten. Hierbei waren die Vorschläge der Kunden selbst sehr hilfreich. So übertrugen wir zum Beispiel die großen Radrennen – die Geschwindigkeit der Radprofis war ideal, um sie mit einem Luftschiff zu verfolgen. Oder Hochseeregatten – Segelschiffen war ebenfalls leicht mit den Luftschiffen zu folgen; sie segelten schnell mit dem Wind und langsam gegen den Wind, genau wie wir. Obendrein waren unsere Augen besser zu platzieren als Kameras auf Motorbooten und hatten eine viel größere Ausdauer als Hubschrauber, die zudem noch teurer waren. Gleiches galt für Surfwettbewerbe, Stadtmarathons, Schlittenrennen – was sich alles noch einigermaßen vertraut anhört –, aber auch für Kamelrennen in der Wüste (keine Frage, es war für den Scheich viel angenehmer, das Rennen von der klimatisierten Residenz aus zu verfolgen, mit einem alkoholfreien Martini in der Hand, als in der prallen Wüstensonne herumzustehen).

Was interessierte die Kunden der Augen noch? Die Überführung von Verkehrssündern (die Polizei nennt sie Verkehrsrowdys), Nachbarn überwachen und beim illegalen Müllentsorgen erwischen (sie schimpfen sie Umweltsünder, Absolution ausgeschlossen), des fehlerhaften Recyclens überführen und verpetzen. Offshore-Windfarmbetreiber versuchten eine Zeit lang, ihre Anlagen mit unseren Augen zu kontrollieren, aber leider bauten sie die Anlagen stets dort, wo es windig war. Für solche Flugbedingungen waren unsere Augen leider nicht geeignet. Ihre Rotorblätter stellten eine zusätzliche Gefahr dar: Sie konnten ein Auge aufschlitzen, das war danach nicht mehr zu retten.

Jäger stellten dem Wild mit unseren Augen nach (obwohl das vermutlich verboten und auf jedem Fall grob unsportlich war), selbst Pilzesucher meinten, an der Farbe des Grases die Wahrscheinlichkeit für einen guten Fund besser abschätzen zu können. Archeologen entdeckten längst verschüttete Siedlungen an den unwahrscheinlichsten Orten, die sie dann eifrig ausgruben.

Viele Kunden wollten bestimmte kleine Ereignisse oder Orte sehen, wie etwa das Fußballspiel auf dem Bolzplatz nebenan, an dem gerade der Sohn teilnahm, oder den Park, in dem die Tochter spazierte (um festzustellen ob sie einen neuen Freund hat). Manch ein Voyeur war an der Tochter gleichermaßen interessiert, das erhöhte die Chancen, dass das Auge dorthin gelenkt wurde, beruhigte den Vater allerdings nicht gerade. Diese speziellen Wünsche einer kleinen Gruppe waren selten zu erfüllen; ich hoffte, es würde sich eher bewerkstelligen lassen, wenn unsere Flotte weiter wuchs. Wenn allerdings die Kundenbasis schneller wachsen sollte als die Anzahl unserer Augen, wie es bisher der Fall war, würden solche Kundenwünsche weiterhin unerfüllbar bleiben. Dafür kristallisierten sich einige Hits heraus, die unserer Popularität zusätzlich Vorschub leisteten:

In Sumatra gab es seit Jahren ein Auswilderungsprogramm für Orang-Utans. Einem davon, einem jungen Weibchen, wurde bei der Freilassung ein Sender als Halsband angelegt. Damit konnten wir die von einem Getränkehersteller gesponsorte Orang-Ina (auf diesen Namen bestand der Sponsor) gut verfolgen, was sonst im Dschungel nicht praktikabel gewesen wäre. Im Grenzgebiet zwischen Indien und Bangladesch in den Mangrovenwäldern, die dort Sundarbans genannt werden, geschah gleiches mit einem männlichen Tiger, der hieß natürlich Shell Kahn. Shell Kahn wurde von einem Mineralölkonzern adoptiert, das heißt, finanziell unterstützt und wissenschaftlich begleitet. Beide Tiere wurden zu Stars, obwohl Shell Kahn zweiundzwanzig Stunden am Tag verdöste.

Sehr populär waren auch die Brutkolonien der Pinguine im Frühling der südlichen Hemisphäre. Gleichermaßen gut zu filmen und beliebt waren Albatrosse, Möwen hingegen griffen die Augen an, wenn sie sich der Brutkolonie zu sehr näherten, und Krähen waren eine Plage. Zu den Krähen wird noch einiges zu berichten sein.

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