XXXII. Alle Wetter!

Wir schlossen uns dem internationalen Meteorologiedatensammelverfahren an. Wir sammelten Daten, die sonst niemand sammeln konnte, wenngleich nur dort, wo das Wetter gut war, was auch eine Information darstellte: Augen und Vendobionten wurden so zu Wetterstationen. Ursprünglich hatten wir Menschen ausschließlich auf die Bewegung der Tiefs geachtet, aber dank der Aufmerksamkeit, die ich ihnen jetzt schenkte, sah ich plötzlich, dass sich die Tiefdruckgebiete jenseits des Äquators und der Tropen nicht von sich aus bewegen, sondern von den Hochdruckgebieten getrieben wurden. Die Kraft für das Wetter lieferte die Sonne und die bestimmte, wo auf der Welt der Luftdruck hoch war. Der hohe Luftdruck trieb die Wolken, die sich in den Tiefdruckgebieten gebildet hatten. Am Äquator und in den Tropen ging die Kraft des Wetters hingegen sehr wohl von den Tiefdruckgebieten aus. Ob man daraus schließen kann, dass, wenn sich der Luftdruck überall auf der Welt senken würde, sich überall Wolken bilden würden? Ist das möglich? Kann so viel Wasser verdampfen? Wenn der Luftdruck sich verringert, verdampft ja auch mehr Wasser. Wenn es jedoch auf der Welt mehr Wolken gäbe, käme weniger Wärme auf dem Boden an und es würde weniger Wasser verdampfen. Folglich würde es wieder kälter werden. Ich genieße diese Schleifen, die sich selber im Gleichgewicht halten. Jetzt haben wir Zugang zu den umfassendsten, aktuellsten, kurz: den weltbesten Wetterdaten – ein unschätzbarer Bonus für uns. Genau das, was wir brauchen. Meinen Beitrag dazu leiste ich gern. Ich schaue mir mit Vergnügen den großen Monitor mit der Strömungskarte der Welt an. Die Länge der Pfeile steht in direktem Verhältnis zur lokalen Windstärke, die Farbe zeigt die Temperatur an. Man kann die Vorhersage und die letzten Tage im Zeitraffer vor- und zurückspulen, dabei in verschiedene Bereiche hinein- und herauszoomen, verschiedene Höhen auswählen, man kann Isobaren für den Luftdruck ein- und ausblenden… Mir macht es viel Freude, damit zu spielen. Ich habe darüber hinaus die Möglichkeit, mir die Lage sämtlicher Augen und Vendobionten anzeigen zu lassen. Die Vendobionten fliegen so hoch, dass sie sich kaum bewegen. Zueinander so gut wie gar nicht, relativ zum Boden trieben sie langsam mit den vorherrschenden Windströmungen dahin: die meisten Richtung Osten, in Äquatornähe schneller als am Pol. Die Augen hingegen entwickelten ein sehr interessantes Bewegungsmuster, das die Befehle der Mehrheit unserer Nutzer überlagerte. Prinzipiell waren die Augen programmiert, Tiefdruckgebiete zu meiden, einen ungefähr konstanten Abstand zueinander einzuhalten, um so ein möglichst großes Gebiet abdecken zu können, und nachts Energie zu sparen, indem sie sich möglichst wenig bewegten. Tagsüber war die Bewegung nach Westen der Bewegung nach Osten prinzipiell vorzuziehen, um mehr Zeit im Tageslicht zu erhaschen – unsere Energiequelle. Von diesen programmierten Vorgaben waren die Augen ausgenommen, die ein Ziel verfolgten, wie z. B. Tarik, den Wal. Dieser Vorgehensweise lag die Überlegung zugrunde, dass, wenn man ein Auge bei Sonnenuntergang treiben lässt, es im Hochdruckgebiet bleibt, weil es sich mit dem bewegt, was es umgibt, und die Luft im Hochdrucksystem sich mit dem Hochdrucksystem selber bewegt. Das trifft jedoch nicht uneingeschränkt zu: Manchmal, am Rande des Hochdruckgebiets, wo die Luftmassen sich aufgrund des Druckunterschiedes mit dem Tiefdrucksystem mischen, werden die Luftströme chaotisch. Aber in der Regel gilt: Wenn ein Tiefdruckgebiet in die Nähe eines Auges kommt, weicht das Auge aus, kommt somit anderen Augen näher, die ihrerseits wiederum versuchen, energiesparsam auszuweichen. Dadurch kommen sie sich insgesamt näher, was auf dem Bildschirm wie eine wandernde Druckwelle erscheint, besonders gut im Zeitraffer zu erkennen. So sieht man ganz ohne Isobaren und Strömungsbilder, wie das Wetter auf der Welt verteilt ist. Diese Erkenntnis wurde später immer nützlicher, als die Bodenwetterstationen nach und nach ausfielen, und erst recht, als die Satellitenbilder langsam nachließen. Man braucht nur genügend Augen und diese müssen bestrebt sein, sich gleichmäßig zu verteilen, was genau der Programmierung meiner geliebten Frau entsprach. Tagsüber tritt dieses Phänomen logischerweise ebenso auf, nur mussten wir da öfter selber einschreiten, um die Augen aus dem Tiefdruckgebiet zu retten, weil unsere Kunden versuchten, wegen eines bestimmten Motivs in eine gefährliche Lage zu gelangen oder einfach nur dort zu verharren, womit die zugrunde liegende Programmierung der Augen überlagert wurde. Das Problem mit diesen Kunden stellt sich heute natürlich nicht mehr.

Bei einigen Vendobionten haben wir eine zusätzliche Kamera eingebaut, die nach oben aufnimmt anstatt – wie üblich –hinab auf den Boden. Wir filmen damit in der Dämmerung und nachts die Stratosphäre und die Ionosphäre. Vor allem die Blitzentladungen in Form von Jets und Sprites (auch „Kobolde“ genannt) können wir besser filmen als viele andere Beobachter, obwohl die so schnell ablaufen, dass wir im letzten Jahr nur sieben unvollständige Bildsequenzen und gerade einmal zwei vollständige aufzeichnen konnten. Aber nicht verzagen, niemand hat einen besseren Zugang zu diesen Daten und wenn wir Glück haben, entdeckt jemand aus unserem Team noch etwas Nobelpreiswürdiges. Dachten wir. So naiv waren wir damals.

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