XXXIII. Triffbrettfahrer oder ARABIS?

Wer in das Tiefinnerste seines ärgsten Widersachers eindränge,
würde darin zu seiner Überraschung sich selbst entdecken.
Arthur Schopenhauer

If we could read the secret history of our enemies, we should find in each man’s life sorrow and suffering enough to disarm all hostility.i
Henry Wadsworth Longfellow

Die meisten Menschen sind zu feig zum Bösen, zu schwach zum Guten.
Ernst Bloch
Das Prinzip Hoffnung

ARABIS war in den Medien sehr präsent, mit zwiespältigem Echo. Meistens hieß es, sie seien Terroristen oder aber, sofern das betreffende Medium deren Ziele mit Wohlwollen betrachtete, Kämpfer für die Rechte der Tiere. Sie waren schwerer zu fassen als al-Qaida: Sie hatten nicht einmal einen sichtbaren Kopf wie ehedem Osama bin Laden seligen Angedenkens – er hatte die mediale Prominenz nötig, für die Sache und für sein Ego, ARABIS hingegen war nur eine Idee. Ein Franchisingunternehmen ohne Beitragspflicht, offen für alle. Es bildeten sich viele Gruppen, die vorgaben, ARABIS anzugehören, was so viel hieß wie, dass sie ganz allgemein „für Tiere“ waren. Herrjemine! Viele waren nur Trittbrettfahrer, manche hatten nichts mit Tieren am Hut, aber das waren die wenigsten. Der Großteil von ihnen war natürlich friedlich, wenige Menschen haben genug kriminelle Energie, um ihre Angst vor der Obrigkeit und gleichzeitig ihre Trägheit zu überwinden. Zorn ist ein kurzer Affekt und stellt keine Bedrohung der Gesellschaft dar. Hass schon eher, dieser braucht jedoch klare Projektionsflächen, um Auswirkungen zu haben; nicht jeder schafft es, seinen Hass effektiv auf etwas zu lenken. Bei der Orientierung sind Gruppierungen hilfreich, aber mit der Größe einer Gruppe steigt die Gefahr ihrer Entdeckung exponentiell an. Anderseits sind Gruppen umso mächtiger, je mehr Mitglieder sie haben. Bis zur kritischen Größe stellte dieser Zwiespalt eine böse Falle für Widerstandskämpfer und solche, die es werden wollen, dar. Eine dieser kleinen Untergruppen zum Beispiel schien sich auf unser Auge auf der Kokos-Insel fixiert zu haben. Jemand informierte die Behörden in Costa Rica regelmäßig, wenn Fischer in den geschützten Gewässern um die Insel herum fischten, und sie betrieben eine sehr effektive Medienarbeit, wenn die Behörden daraufhin nicht einschritten. Nach kurzer Zeit reichte ein Anruf von ihnen und es wurde tatsächlich etwas unternommen. Für uns war es nicht schwer herauszufinden, wer jedes Mal, wenn ein Schwarzfischer angezeigt wurde, am betreffenden Auge online war. Was tun?

„Was sind das für Menschen?“, fragte meine geliebte Frau.

„Das sind ein paar Teenager aus Genua. Einer allein kann es nicht sein, dafür ist er zu lange online. Seinen Namen hat er bei der Anmeldung mit Bartolo Barista angegeben, die Abo-Zahlungen kommen über eine italienische Bank, das Konto läuft auf den Namen Bernotti Barista. Vielleicht sein echter Name oder der seines Vaters“, antwortete ich, nachdem ich unsere Unterlagen durchgelesen hatte.

„Warum machen sie das? Sollen wir es melden?“

„Sie machen es vermutlich aus Angst. Weißt du noch als unsere Kinder Albträume wegen der Erderwärmung hatten? Sie haben uns vorgeworfen, nicht genug dagegen zu unternehmen, und bedauerten, noch nicht erwachsen zu sein, um für die richtigen Politiker stimmen zu können.“

„Als ich klein war, hatte ich Angst vor dem Atomkrieg. Ich war davon überzeugt, die Welt würde jeden Augenblick in die Luft gehen.“ Ein Anflug von Trauer wehte um meine geliebte Frau.

„Unsere Kinder hatten Angst vor dem Klimawandel. Erinnerst du dich daran, als der Kleine sagte, er würde für Schwarzenegger für den Posten des Präsidenten der USA stimmen? Er habe die richtige Umweltpolitik, sagte er und schaute ganz erstaunt, als wir ihm sagten, Schwarzenegger sei der Terminator.“

„Er kannte den Terminator gar nicht!“ Bemerkenswert, welche Beschleunigung die Welt erfahren hat, das lag wohl am technischen Fortschritt, der zum geometrischen, medialen Wachstum geführt hatte. Genau deshalb war der Erfolg des Fortschritts auch nicht haltbar, eine geometrische Reihe gerät schnell aus dem Ruder. Immer mehr, immer Neues, immer schneller: Das geht nicht. Das ist nicht nur in der Wirtschaft so. „Er wollte uns ebenso wenig glauben, als wir ihm sagten, dass er selbst als Erwachsener nicht bei der Präsidentenwahl in den USA würde abstimmen können, weil er kein Amerikaner sei, und dass Schwarzenegger nicht zum Präsidenten gewählt werden könne, weil er nicht in den USA geboren war.“ Jetzt klang meine geliebte Frau wieder etwas fröhlicher. Wir hatten lange nicht mehr unsere Kinder erwähnt. Manchmal sind Erinnerungen süß, manchmal machen sie einen nur traurig. Dieselbe Erinnerung kann beides. Manchmal gleichzeitig. „Aber trotzdem“, fuhr sie fort, „was machen wir?“

Ich überlegte eine Weile.

„Erst einmal nichts. Sollen sie sich ARABIS nennen! Solange sie nichts Verbotenes tun und ihre Beiträge bezahlen, unternehmen wir nichts. Wenn die Behörden Fragen stellen, sehen wir weiter. Wir können uns immer noch dumm stellen.“

„Und wenn sie gewalttätig werden?“

„In dem Fall melden wir es. Aber ganz diskret.“

Meine geliebte Frau seufzte, ich nahm das als Zeichen des Einverständnisses. Erst Beata Nalga, nun das. Letzteres war vermutlich harmloser, aber dennoch symptomatisch.

i „Könnten wir die geheime Geschichte unserer Feinde lesen, würden wir im Leben eines jeden genügend Kummer und Leid finden um jegliche Feindseligkeit zu entwaffnen.“
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