XXXVIII. Indien

Ich sehe, wie es Indien zugeht (und per extensionem in Afrika, in Zentralasien, dort nur weniger dicht bevölkert, oder in Südamerika usw.), und die Überlegung drängt sich mir auf, ob die Unmoral nicht heimgezahlt wird. Wenn Moral, was Religionen gern verneinen, wofür allerdings eine Menge scharfes Beobachten und Nachdenken spricht, sich evolutionär entwickelt hat, dann haben unsere Instinkte bei der sogenannten Dritten Welt phänomenal versagt. Es war klar, dass es nicht gutgehen kann, wenn man vielen Menschen, insbesondere Kindern, ein längeres Leben verspricht, aber immer weniger Perspektiven anbietet. Irgendwann lassen sich die Sophismen nicht mehr weiter wegschieben, denn es gibt das weiter weg nicht mehr. Die Welt ist vor unserer eigenen Tür angekommen und klopft unüberhörbar an. Jetzt helfen keine Haarspaltereien mehr. Die Menge der Menschen ist zu groß geworden, ihre Ansprüche zu hoch. Die Religionen versagen: Entweder sie werden von ihren Anhängern verlassen, offen oder innerlich, sie verkommen zu leeren Riten oder sie säen Gewalt. Institutionelle Gewalt, wie sie die katholische Kirche gegen die Dritte Welt, in erster Linie als sie noch nicht so hieß, verübt hat, oder soziale Gewalt, wie sie der Hinduismus gegen unreine Kasten und alle Ausländer ausgeübt und verinnerlicht hat. Diesen letzten Zug hat der Hinduismus mit vielen anderen religiösen Gedankenkonstrukten gemein. In wie vielen Verkleidungen erscheint nicht die Religion!?

Was im politischen Diskurs ganz entscheidend fehlte, das sehe ich im Nachhinein deutlich, ist der Begriff der Ungerechtigkeit. Die Ungerechtigkeit stammt von alters her, es hat sie immer gegeben und am Ende wurde sie eklatant. Wenn derartig viele Menschen sehen, was einige wenige haben, oftmals nur aus dem Grund, weil sie etwas tun, was sie selber auch könnten, wenn sie dürften, und besser sogar… Fernsehkommentatoren um nur ein Beispiel zu nennen. So viele Menschen ärgerten sich über Dinge, die sie hörten, vor allem wenn sie in Gruppen unterwegs waren und erst recht, wenn Alkohol im Spiel war, wie in Kneipen auf der ganzen Welt üblich, in Deutschland zudem in Schützenfesten sowie in tertulias in spanischen Cafés oder in Tanzlokalen in Südamerika; selbst in Pachinko-Hallen in Japan, trotz des infernalischen Lärms wuchs dort wie überall die Wut aus der ungerechten Ohnmacht. Ohnmacht wird jederzeit als ungerecht empfunden, das liegt in der Natur der Sache. Besonders dann, wenn man verlor. Das ist in den Pachinko-Hallen, wie in allen Spielhallen der Welt, praktisch unvermeidbar und im Leben der unterprivilegierten Schichten sowieso. Was die Mafia tat (ein weiteres Beispiel dafür, was jeder tun könnte, wenn er das Privileg erhaschen könnte, ebenso wie Erbe sein, oder einfach nur Europäer), das würde man doch auch können, wenn man so wäre wie sie. Wenn man nur könnte. Wenn man nur dürfte.

Die deutsche Entwicklungsministerin wird bei ihrem Besuch in Indien von einem Selbstmordattentäter ermordet, zusammen mit einigen Dutzend Unbeteiligter. Die reichen Inder sind genauso konsterniert wie unsere Reiche. Die Armen, die Mehrheit, schaut schweigend zu und ich ahne, was sie fühlen. Das Attentat bringt sie nicht weiter, aber ebenso wenig bedauern sie es. Sie haben kein Mitleid mit ihren Unterdrückern. Das fiel mir auf, daher meine Überlegungen. Attentäter wollen angeblich doch, dass man nachdenkt. Also bitte. Was mir bisher nicht aufgefallen war, ist die Tatsache, dass es bei uns im reichen Westen auch eine Dritte Welt gibt, die immer zahlreicher wird, und dass diese ebenfalls gegen uns ist. Zu recht.

Lauter Details, die mir im Nachhinein auffallen: Bilder, die sich im Kopf zusammenfügen, die nicht einfach mit den Augen aufzunehmen waren. Man hätte nicht nur genauer hinschauen sollen, man hätte obendrein schärfer nachdenken müssen. Mitfühlender.

 

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